Fairplay gegen Nöttingen

Wenn dein Trainer ein Eigentor fordert: Ramon Gehrmann über seine besondere Aktion

Ramon Gehrmann
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Steht im Blickpunkt: Ramon Gehrmann, Trainer der Stuttgarter Kickers, wird für seine Fairness gelobt.

Ramon Gehrmann ist überrascht, wie viele Leute ihn derzeit erreichen möchten. „Das ist mir fast schon peinlich“, sagt er.

Kassel/Stuttgart – Dass seine Mannschaft, der Fußball-Oberligist Stuttgarter Kickers, auch ein sehr, sehr gutes Spiel gemacht habe, das gehe unter, sagt er. Dann redet Gehrmann aber doch, und es ist zu hören, dass es ihm auch ein bisschen gefällt, dass er gerade sehr gefragt ist.

Dass ihn viele sprechen möchten, hat er schließlich auch selbst verursacht. Auch wenn es – wie er sagt – eine Selbstverständlichkeit gewesen sei, was er am vergangenen Samstag beim Heimspiel gegen den FC Nöttingen von seinen Spielern verlangte. Konkret verlangte der 46-Jährige: ein Eigentor. Ein Eigentor? Ja, und das kam so. Die Kickers führen 1:0 im Duell des Zweiten gegen den Dritten. Dann liegt ein Nöttinger auf dem Boden, der Ball geht ins Aus. Die Stuttgarter werfen ein und erzielen das 2:0. Und damit beginnt alles.

„Weder alle gegnerischen noch unsere Spieler haben genau mitbekommen, ob der Ball absichtlich ins Aus gespielt worden ist. Der Betroffene hat mittlerweile sogar ein Interview gegeben und gesagt, es sei keine Absicht gewesen“, sagt Gehrmann. Dennoch handelte er. „Klar, der Trainer der Nöttinger und auch einige Spieler haben sich gleich beschwert. Ich habe dann mit meinen beiden Co-Trainern gesprochen. Auch die waren unterschiedlicher Meinung. Da dachte ich: Ok, der einzige Unbefangene hier, das ist der Schiedsrichter. Deshalb habe ich ihn gefragt“, erzählt Gehrmann. Aber auch den Unparteiischen war sich nicht sicher. „Die müssen natürlich vorsichtig sein. Er hat dann gesagt, er habe den Eindruck, es sei Absicht gewesen“, sagt der 46-Jährige. Also zitierte Gehrmann, der Lehrer am Wirtemberg-Gymnasium in Stuttgart ist – einer Eliteschule des Sports, wo er beispielsweise auch Joshua Kimmich und Timo Werner unterrichtete, als diese in der Jugend des VfB Stuttgart spielten – seinen Kapitän Mijo Tunjic und dessen Stellvertreter Lukas Kling zu sich. Dann die Forderung: Wir machen ein Eigentor.

Übernommen hat das anschließend Kling. „Er hat einfach den besten Schuss“, sagt Gehrmann schmunzelnd. Kling habe also den Nöttingern vor dem Anstoß gesagt: Gebt mir den Ball, ich mach’ ihn rein, sagt der Trainer. Aus 40 Metern bewies Kling, dass er wirklich den besten Schuss hat. 2:1. Die letzte Aktion vor der Halbzeitpause.

„Der Schiedsrichter hat direkt im Anschluss abgepfiffen. Und meine Mannschaft hat dann schon beim Gang in die Kabine kontrovers diskutiert“, erzählt Gehrmann. Nicht alle seien seiner Meinung gewesen. Er selbst habe ein wenig Sorge gehabt. „Wenn wir das Spiel nicht gewonnen hätten, dann wäre es richtig unangenehm geworden. Bei einem Traditionsklub wie den Stuttgarter Kickers, da spürst du jeden Tag den Druck, wenn du nur in der Oberliga spielst. Es wurde sehr emotional diskutiert. Ich musste für Ruhe sorgen“, erzählt der 46-Jährige.

Doch nach einer Leistungssteigerung in Hälfte zwei gewann sein Team 4:1. Und etwas geändert hätte es auch sonst nicht an Gehrmanns Überzeugung, dass er richtig gehandelt hat. „Ich bin Fan des englischen Fußballs und dieser Mentalität, dass es verpönt ist, wenn man liegen bleibt, aber nichts hat. Aber wenn ein Spieler liegt, dann sage ich meinen Jungs, dass sie den Ball ins Aus schießen sollen. Dann gewinne ich lieber gar nicht als mit diesen Mitteln“, sagt er.

Dieser Gerechtigkeitssinn, den hat Gehrmann immer gehabt. „In meinem Zeugnis der ersten Klasse steht schon, dass ich ein Gerechtigkeitsfanatiker bin. Ich war auch immer Klassensprecher. Anscheinend ist das bei mir stärker ausgeprägt, sagt der 46-Jährige. Der auch religiös ist. Denn: „Ich finde es gut, wenn man Werte lebt. Man muss nicht unbedingt gläubig sein. Aber ich habe gute Erfahrungen gemacht – ob Christentum oder Islam – wenn jemand dadurch gewisse Werte hat“, sagt Gehrmann. Ein regelmäßiger Kirchgänger sei er aber nicht. Sonntagmorgen ist immer Spielersatztraining. „Dafür bete ich regelmäßig“, fügt er an. Deshalb war die faire Geste vom Samstag für ihn auch selbstverständlich. Und deren Folge überraschend. (Maximilian Bülau)

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