7:1-Sieg gegen Lettland im letzten EM-Test

Analyse zur Situation der deutschen Nationalmannschaft: Daumen geht vorsichtig nach oben

Joachim Löw
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Ist guter Dinge: Bundestrainer Joachim Löw.

Wenn es um die deutsche Fußball-Nationalmannschaft geht, waren die Nörgler zuletzt stets lauter als die Optimisten.

Nicht ohne Grund natürlich, bot die Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw doch genug Angriffsfläche. Nach dem 7:1 (5:0)-Erfolg gegen Lettland am Montagabend im letzten Test vor der am Freitag beginnenden Europameisterschaft geht der Daumen nicht nur beim Bundestrainer und seinen Spielern leicht nach oben. Auch wenn klar ist, dass dieser deutliche Erfolg nicht überbewertet werden darf.

Lettland ist eben Lettland. 138. der Fifa-Weltrangliste. Nicht ein einziger Spieler ist in einer der fünf stärksten Ligen Europas angestellt. Die Zeiten, in denen die baltischen Kicker die DFB-Elf ärgern konnten wie bei der EM 2004 (0:0) sind längst vorbei. Lettland ist schwächer geworden, Deutschland stärker. Also einmal durchatmen und nicht gleich zu träumen beginnen. Der Test zuvor gegen EM-Teilnehmer Dänemark war da schon aussagekräftiger und deckte die Schwächen dieses Kaders noch einmal auf.

Es fehlt ein Zentrumsstürmer. Es krankt an der Chancenverwertung. Die Außenverteidiger waren in dieser Partie gegen Dänemark nicht mehr als gehobener Durchschnitt. Und irgendwann liegt der Ball dann während der 90 Minuten doch im deutschen Tor. Ein Wackler ist immer dabei.

So viel für die Nörgler.

Auch gegen Lettland musste Manuel Neuer in seinem 100. Länderspiel hinter sich greifen. Da stand es allerdings nach Treffern von Robin Gosens, Ilkay Gündogan, Thomas Müller, Robert Ozols (Eigentor), Serge Gnabry und Timo Werner bereits 6:0. Im direkten Gegenzug nach dem Sonntagsschuss von Aleksejs Saveljevs erzielte Leroy Sané den Endstand. Aber auch wenn Lettland am Ende nur Lettland ist: Sieben Tore sind gegen einen solchen Gegner keine Selbstverständlichkeit.

Löws Spieler waren von Beginn an gewillt, einen guten, einen überzeugenden letzten Test abzuliefern. Frühe Chancen, frühe Tore. Ein klares Ergebnis. Die richtige Einstellung. Kurzum: Vieles ist derzeit ganz anders als beim Vorrunden-Aus von Russland vor drei Jahren.

Das Wichtigste vorweg: Die Stimmung in der Mannschaft ist gut. Das betonen alle Akteure immer wieder. Das ist aber auch zu spüren, zu sehen. Dieses Mal gab es keine Störgeräusche à la Erdogan-Özil-Gündogan im Vorfeld. In der coronakonformen Mannschafts-Blase ist Ruhe – die notwendige Ruhe. Auf dem Platz ist es mit der Rückkehr von Thomas Müller dagegen lauter geworden. Das ist gut so. Das ist wichtig. Dass Löw Mats Hummels und eben Müller mit großer Wahrscheinlichkeit auch bei der EM von Beginn an wird spielen lassen, spricht für ihn, spricht für die beiden Fußballer. Die Vergangenheit ruht.

Und wenn man so möchte, dann hat die vorübergehende Ausmusterung der beiden doch seinen Zweck erfüllt. Das Stimmungstief von Watutinki hatte tiefergreifende Gründe. Zwei Lager. Hier die Weltmeister, da die neue Generation. Nun sind zwar zwei Weltmeister zurück. Die neue Generation um Kai Havertz, Joshua Kimmich und Co. hatte aber Zeit, sich ohne sie eine neue Hierarchie aufzubauen, die Nationalmannschaft auf ihre eigene Weise kennenzulernen. Nun treffen sich alle eher auf einer Linie wieder.

So viel für die Optimisten.

Allein die Glaskugel fehlt. Eine Gruppe mit Weltmeister Frankreich, Europameister Portugal und Turniermannschaft Deutschland – was dabei herauskommt, ist nicht zu prognostizieren. Löw wird gegen die Franzosen aller Voraussicht nach mit einer Dreierkette beginnen und Kimmich nach außen ziehen. Das löst ein Problem und eröffnet ein neues. Denn so fehlt im zentralen Mittelfeld der zweikampfstarke Sechser. Gosens auf der Kimmich gegenüberliegenden Seite hat enorme Stärken nach vorn, Schwächen nach hinten. Doch der Bundestrainer zieht derzeit die richtigen Schlüsse. Er setzt die formschwachen Niklas Süle und Sané auf die Bank. Er zieht Havertz nach vorn. Er ist weniger stur, wenn es um Veränderungen geht. Der 61-Jährige wirkt sichtlich befreit nach der Verkündung seines Rücktritts.

Im EM-Quartier in Herzogenaurach fühlen sich übrigens alle wohl – so heißt es. Ein Hauch von Campo Bahia soll es haben. Von dieser fast schon legendären Unterkunft in Brasilien, die ja ihren Anteil am Titel 2014 haben soll. Dass es in Brasilien ebenfalls ein 7:1 gab – ach, fangen wir damit gar nicht an. Lettland ist doch nur Lettland. Oder ist das ein Zeichen? Nörgler und Optimisten werden es schon richtig deuten. (Maximilian Bülau)

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