Nach dem 3:3 gegen die Schweiz

Analyse: Was bleibt aus einer Woche mit der Fußball-Nationalmannschaft

Sorgenfall Defensive: So wie hier Antonio Rüdiger, der das Schweizer Tor zum 0:2 nicht mehr verhindern kann, kamen die deutschen Verteidiger in der vergangenen Woche häufig zu spät.
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Sorgenfall Defensive: So wie hier Antonio Rüdiger, der das Schweizer Tor zum 0:2 nicht mehr verhindern kann, kamen die deutschen Verteidiger in der vergangenen Woche häufig zu spät.

Eine Woche, drei Spiele – und viele Diskussionen rund um die Fußball-Nationalmannschaft und ihren Trainer Joachim Löw. Was bleibt nach drei durchwachsenen Auftritten gegen die Türkei, in der Ukraine und die Schweiz, ist vor allem: Der Zwiespalt!

Kassel - Eine Woche, drei Spiele – und viele Diskussionen rund um die Fußball-Nationalmannschaft und ihren Trainer Joachim Löw. Was bleibt nach drei durchwachsenen Auftritten gegen die Türkei, in der Ukraine und die Schweiz, ist vor allem: Der Zwiespalt!

Mut und Hochmut: Löw musste in den letzten Tagen reichlich Kritik einstecken. Sein Umgang damit ist teilweise mutig und souverän. Er stellt sich den Kritikern wie Lothar Matthäus entgegen. Vor dem 3:3 gegen die Schweiz sagt er: „Unterschiedliche Meinungen sind gut. Aber wir springen nicht hin und her. Wir haben einen Plan.“ Löw lässt sich nicht beirren. Das ist gut so. Mangelnde Flexibilität, einer der Vorwürfe nach dem WM-Debakel in Russland, kann ihm mittlerweile eigentlich niemand vorhalten. Und wer experimentiert, der kalkuliert Rückschläge ein.

Die helle Aufregung allerorten ist so nicht unbedingt nachzuvollziehen. Löw hat noch über ein halbes Jahr bis zu EM. Die Aufstellung am Dienstag war mehr als ein Hinweis auf die Formation für die Titelkämpfe. In seinem Verteidigungskampf gegen die Kritiker schoss Löw allerdings auch über das Ziel hinaus. Sätze wie „ich stehe über den Dingen“ lassen ihn durchaus hochmütig dastehen.

Oho und Oh weh: Was die deutsche Offensive am Dienstag gegen die Schweiz auf den Kölner Rasen zauberte, das hätte bei einem anderen Ergebnis für Begeisterungsstürme gesorgt. Es steckt so viel Kreativität, so viel Potenzial in dieser Abteilung. Wie Timo Werner beim ersten Tor durch den Strafraum kreuzte und dann gegen die Laufrichtung einschob. Wie der überzeugende Kai Havertz seinen Alleingang direkt abschloss. Wie Serge Gnabry in aller Selbstverständlichkeit die Hacke zum Abschluss nutzte – das hatte Klasse. Und rechtfertigt, dass Löw sagt: „Diese Mannschaft hat Potenzial. Wenn wir ein paar Dinge korrigieren, werden wir wieder Freude haben.“

Das Problem ist, dass es vor dem ersten deutschen Tor bereits 0:2 stand. Die Defensive hat in drei Spielen gegen Gegner, die nicht unter Verdacht stehen, zur europäischen Spitze zu gehören, sieben Gegentore kassiert. Und sie hat dabei gravierende Mängel offenbart. Fehlgeschlagene Abseitsfallen. Fehlpässe im Spielaufbau. Fehlerhafte Rettungsaktionen. Das war mitunter schon stümperhaft, wie die Abwehr zu Werke ging. Und das legte durchaus deutlich mehr Probleme offen, als „ein paar Dinge“.

Die Vorwürfe Richtung Löw, er wechsele zu häufig die Systeme zwischen Dreier- und Viererkette, sind trotzdem haltlos. Sorry, zu den Ansprüchen des modernen Fußballs gehört, dass eine Mannschaft mehr als ein System beherrscht. Lernen kann sie das nur durch Versuche. Der schwerwiegendste Zwiespalt im deutschen Spiel derzeit ist viel mehr, dass die Balance zwischen Stabilität und Risikofreude noch nicht gefunden wurde.

Fülle und Mangel: Die Kluft zwischen dort hinten und da vorne ist natürlich nicht nur eine Frage der Taktik, sondern eine des Personals. So groß die Fülle an Talent im Kreativbereich – ein Leroy Sane fehlte ja sogar noch – ist, so offensichtlich ist der Mangel an Qualität in der Defensive. Wenn dann noch Stützen des Systems wie Toni Kroos ungewohnt haarsträubende Fehlpässe produzieren, bricht das fragile Bauwerk vor Manuel Neuer in sich zusammen.

Prompt wird nun eine Rückrufaktion für Spieler wie Mats Hummels und Jerome Boateng gefordert, gern von denen, die Löw einst mangelnden Mut zum personellen Umbruch vorwarfen. Zumindest über ein Gespräch mit dem Dortmunder Häuptling Hummels wird der Bundestrainer aber nachdenken müssen. Was seiner Abwehr am deutlichsten fehlt, ist in der Tat einer, der den Takt vorgibt. (Frank Ziemke)

So geht es für Löws Elf weiter

Die Nationalmannschaft steht auch im November vor drei Spielen in kurzer Zeit. Am 11. November trifft die zunächst in einem Länderspiel in Leipzig auf Tschechien. In der Nations League geht es drei Tage später ebenfalls in Leipzig gegen die Ukraine, am 17. November folgt zum Abschluss das Duell mit Spanien in Sevilla.

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