Eintracht-Gegner Straßburg

Die Renaissance von Racing Straßburg

+
Leistungsträger bei Racing Straßburg: Dimitri Lienard.

Wie sich Racing Straßburg binnen kurzer Zeit nach oben gekämpft hat.

Vor etwas weniger als acht Jahren erlebte der französischen Fußballverein Racing Straßburg seine Wiedergeburt. Bloß wusste das damals so recht niemand. Denn eigentlich waren an jenem 3. September 2011 alle, die es mit dem Klub aus dem Elsass hielten, im Frustmodus. Das Ligaspiel ihres Lieblingsvereins besuchten die Anhänger nicht aus Freude am Zusehen, sondern aus Trotz. Oder besser formuliert: aus reiner Liebe zu ihrem Klub.

Genau 9813 Fans fanden den Weg ins knapp 30 000 Zuschauern fassende Meinaustadion, vor der Haupttribüne wurden sie wie gewohnt von lecker duftenden Flammkuchen erwartet, im Stadion prangte wie gewohnt ein Riesenbanner mit der Aufschrift „Racing Club de Strasbourg 1906“ in der Fankurve, auf dem Platz spielten wie gewohnt ihre Jungs. Und dennoch war etwas anders. Denn die Zuschauer schauten sich an diesem Samstag kein Spiel von Profikickern an, sie bejubelten lediglich einen Sieg ihres Teams in der fünftklassigen CFA2 – eine Spielklasse, vergleichbar mit der deutschen Oberliga.

„Es sind die Fans, die Racing gerettet haben“, war der heutige Präsident Marc Keller, einst mal als Spieler beim Karlsruher SC aktiv, noch Jahre später begeistert. Denn dieses eine Spiel, bei dem im Übrigen mit weitem Abstand ein Zuschauerrekord für fünftklassigen Fußball in Frankreich aufgestellt wurde, hatte eine Vorgeschichte, eine bittere aus Sicht der Racing-Fans.

Knapp drei Jahre früher nämlich, exakt elf Spieltage vor Ende der Saison 2007/08, fehlten den Straßburgern nur drei Punkte zum Klassenerhalt in der Ligue 1. Die Mannschaft verlor jedoch alle elf Spiele und stieg ab. Was folgte, waren finanzielle Engpässe, der Präsidentenstuhl glich zudem einem wilden Bullenrodeo, das in raschen Abfolgen seine Reiter abwarf, bis Racing in den Händen von Jafar Hilali landete.

Der Finanzjongleur der Londoner Börse verkaufte schließlich 2010 Inventar und Spieler des Klubs und nahm den Abstieg in die Drittklassigkeit in Kauf. Wenig später war er weg, die finanziellen Probleme aber blieben. Der französische Verband entzog Racing das Spielrecht für den Profifußball und der Klub musste quasi ohne kickendes Personal seine Geburtsstunde in der Oberliga selbst erschaffen.

Trapp: „Heißer Tanz“

Eilig wurden Spieler der Region zu einer Mannschaft zusammengewürfelt, für den ersten Spieltag bekam Racing nicht einmal elf Mann auf den Rasen, bis die Fans eingriffen. Sie putzten das Stadion, sie spendeten vor allem Geld, neue Spieler kamen, seitdem geht es quasi nur bergauf. Binnen sechs Jahren stiegen die Elsässer viermal auf, bis Straßburg 2017 zurück war in der französischen Erstklassigkeit und sich vergangene Saison durch den Gewinn des Ligapokals gar die Teilnahme an den Qualifikationsrunden zur Europa League sicherte. Dort geht es heute (20.30 Uhr) im Hinspiel der Playoffs gegen Eintracht Frankfurt um den Einzug in die Gruppenphase.

„Das wird ein heißer Tanz“, erwartet Kevin Trapp, Frankfurter Torhüter und Frankreichexperte. Die Straßburger Fans im relativ engen Stadionstünden stets hinter ihrer Mannschaft. „Wenn wir den Kampf nicht annehmen, wird es dort schwierig“, sagt der deutsche Nationaltorhüter, der die Kulisse im Nordosten Frankreichs ja schon mit Paris Saint-Germain erlebt hatte. Kollege Sebastian Rode rechnet mit einer „körperlich starken Mannschaft“, die, wenn man ihnen Platz ließe, „auch gut Fußball spielen kann“. Die Mannschaft der Franzosen ist eine, die zwar nicht unterschätzt, aber eben auch nicht überschätzt werden sollte.

Racing wurde in den vergangenen beiden Jahren Tabellen-15. und -elfter. In dieser Spielzeit kam das Team von Trainer Thierry Laurey bisher in der Europacup-Quali gegen Maccabi Haifa und Lok Plovdiv weiter, in der Liga gab es gegen den FC Metz und Stade Reims bisher zwei Unentschieden. Kapitän ist die ehemalige Freiburger Abwehrkante Stefan Mitrovic, 29, die sich im Breisgau aufgrund einer zu hohen Fehlerquote nicht durchsetzen konnte. Zudem sind die Mittelfeldspieler Dimitri Lienard, 31, und Jeremy Grimm, 32, die führenden Köpfe der Mannschaft, sie waren sogar schon zu Drittligazeiten für den Klub am Ball, zum Stammpersonal aber zählen sie nicht unbedingt.

Stattdessen baut Racing auf einige Jungspunde, die Potenzial mitbringen, aber längst noch nicht zu abgezockten Profis gereift sind. Verteidiger Anthony Caci, 22, war ebenso Teil der französischen U21-Nationalmannschaft bei der EM im Sommer wie Mittelfeldmann Ibrahima Sissoko, 21. Kollege Youssouf Fofana ist gar noch U20-Auswahlkraft.

Im Bereich Attacke baut Racing auf seinen 1,97 Meter großen Stürmer Ludovic Ajorque und dessen 1,77 Meter kleinen Zuarbeiter Adrien Thomasson. „Sie haben vorne mit Ajorgue einen Zielspieler, den sie mit Flanken füttern“, warnt Rode. Alles in allem aber ist Straßburg gewiss keine Mannschaft, vor der sich die Hessen fürchten müssten.

Zumal die Entwicklung der vergangenen sechs Jahre für Urgestein Dimitri Lienard ohnehin unwirklich erscheint. Er sagt: „Es ist wie im Traum.“ Diese Wiedergeburt eines Vereins, die im September 2011 in der fünften Liga ihren Anfang nahm.

Sie wollen das Spiel der Eintracht gegen Racing Straßburg live verfolgen. Alle Infos zu der Übertragung finden Sie hier.

(Daniel Schmitt)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.