SGE

Eintracht Frankfurt aktuell ein zahnloser Tiger

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Zu oft aus dem Gleichgewicht geraten: Martin Hinteregger (links) im Duell mit Erling Haaland.

Eintracht Frankfurt (SGE) ist momentan ein zahnloser Tiger in der Bundesliga. Das Team hat große Mühe, nach vorne zu kommen.

  • Fredi Bobic nach 0:4 in Dortmund äußerst unzufrieden
  • Eintracht Frankfurt setzt verstärkt auf Defensive
  • Angriff sehr von Filip Kostic abhängig 

Wenn Fredi Bobic selbst im vereinseigenen TV seine liebe Mühe hat, den Ärger herunterzuschlucken und ihn in einigermaßen moderate Worte zu packen, dann kann man in etwa abschätzen, wie der Sportvorstand von Eintracht Frankfurt die Darbietung seiner Mannen in der Bundesliga bei der 0:4-Packung in Dortmund so alles in allem bewertete, höchst bescheiden nämlich. Und das ist noch sehr wohlwollend formuliert. Was den 48-Jährigen vor allem störte und was er schonungslos ansprach, das war die fußballerische Armut. Als er selbst den Begriff Passgenauigkeit einstreute, musste er unweigerlich schmunzeln, weil die Zuspiele der Frankfurter Spiele so ziemlich alles waren, hektisch, verzweifelt, zerstreut, zu hoch, zu weit, zu kurz, aber sicher nicht genau. „Das war unter ferner liefen“, echauffierte sich der Sportchef. „Das war absolut unterster Durchschnitt.“ 

Freidi Bobic fand den Auftritt mit all den Abspielmissgeschicken „ungewöhnlich, das war sehr schlampig und unsauber“, so könne man einem zwar angeschlagenen, aber doch großen Opponenten wie den BVB „nicht wehtun, so bringst du ihn nicht ins Wanken“. Die Passquote, präzisierter er dann noch scharf, sei „unterirdisch“ gewesen, „das muss man klar so sagen und da braucht man nicht drum herumreden.“ Bei einem Auftritt dieser Art „verlierst du nicht nur gegen Borussia Dortmund, sondern auch gegen andere Teams“. Aus dieser Nicht-Leistung müsse die Mannschaft in derBundesliga lernen, „das darf nicht mehr so sein. Die Kritik intern wird höher sein.“

Eintracht Frankfurt findet keine Harmonie in der Bundesliga

Offene Worte, die berechtigt sind, aber auch nur den Ist-Zustand korrekt beschreiben. Auffällig ist, dass Eintracht Frankfurt bisher und trotz des insgesamt guten Starts in die Rückrunde noch keine Harmonie in ihrem Spiel gefunden hat. Trainer Adi Hütter ist nachvollziehbarerweise dazu übergegangen, die Defensive zu stärken, also Stabilität und Kompaktheit herzustellen. Das hat gut geklappt, vor dem Viererpack in Dortmund kassierte die Eintracht in fünf Pflichtspielen nur drei Gegentore, nur eines aus dem Spiel heraus. Die eher auf Zerstören und Vorsicht angelegte Spielweise geht aber zulasten der Durchschlagskraft in der Offensive. Das war schon im ersten Abschnitt in der Bundesliga gegen Leipzig so, in Düsseldorf gegen die Fortuna ohnehin und auch in der ersten halben Stunde gegen Augsburg – selbst wenn es da noch zum einem 5:0-Kantersieg und auch einer spielerisch feineren Darbietung gereicht hatte. 

Die fußballerische Magerkost bei Eintracht Frankfurt liegt ein Stück weit in der Natur der Sache, sie ist der Talfahrt in derBundesliga vor Weihnachten und einem daraus resultierenden puren Pragmatismus geschuldet. Oftmals sind acht Spieler aufgeboten, die einen eher defensiven Grundgedanken implementiert haben. Wie soll dann ein konstruktives Angriffsspiel initiiert werden? Von Kreativität mal ganz zu schweigen. Das Ganze funktioniert, wenn sich die ganze Einheit mit einiger Wucht und Entschlossenheit nach vorne bewegt, wenn auch die Ackerer die Wege in die gegnerische Hälfte machen, nachrücken und mutig sind, wenn sie sich etwas trauen. Doch wenn selbst Galligkeit und Widerstandsfähigkeit, wie auch Coach Hütter jetzt nach der Angsthasen-Vorstellung in Dortmund bemerkte, auf der Strecke bleiben, dann hat diese Mannschaft keine Mittel und Wege, gefährlich nach vorne zu kommen. 

Mit Filip Kostic steht und fällt das gesamte Spiel von Eintracht Frankfurt

Außer natürlich über Filip Kostic, den Linksaußen, „den Schlüsselspieler“ (Hütter), mit dem im Kern das gesamte Spiel von Eintracht Frankfurt steht und fällt. Ohne den gewaltigen Serben auf links ist die Mannschaft nicht mal mehr die Hälfte wert, ohne ihn ist sie, zumindest offensiv, durchleuchtet, durchschaut, dechiffriert, ohne ihn ist sie ein zahnloser Tiger. Die Dortmunder werden nicht die einzigen sein, die versuchen werden, das Powerbündel aus dem Spiel zu nehmen. Der BVB machte das mit einer Doppeldeckung, mit dem routinierten Abwehrstrategen Lukasz Piszczek und dem pfeilschnellen Hakimi, den flinkesten Spieler der Bundesliga aller Zeiten, der Einzige, der schneller als 36 Stundenkilometer laufen kann, Topspeed 36,52. Die Folge: Kostic war abgemeldet und die Eintracht ihrer stärksten Waffe beraubt. 

Das insgesamt beste Spiel machte Eintracht Frankfurt im DFB-Pokal gegen Leipzig (3:1), als Hütter auf ein 4-3-3 umstellte, Mijat Gacinovic auf Rechtsaußen beorderte. Timothy Chandler spielt seit der Rückrunde für gewöhnlich dort, er ist torgefährlich, aber kein klassischer offensiver Flügelspieler, in der Regel hat der Frankfurter Bub zu wenige Aktionen und zumeist sogar die wenigsten Ballkontakte. Sicher nicht die Ideallösung, auch wenn seine vier Tore natürlich enorm wichtig waren. Coach Hütter muss schauen, dass er Danny da Costa, vergangene Saison ein absoluter Leistungsträger und auf dem Zettel bei anderen Vereinen in der Bundesliga wie Hertha BSC, wieder ins Laufen bringt und ihn aus seinem veritablen Formtief hilft. 

Eintracht Frankfurt: Zu wenige gute Fußballer auf dem Platz

Eintracht Frankfurt hat zumeist zu wenige gute Fußballer auf dem Feld, Renner und Zerstörer wie Sebastian Rode, Djibril Sow, Dominik Kohr und nun auch Stefan Ilsanker stehen mit ihrer unerbittlichen Spielweise für Ordnung und Stabilität, aber nicht für geordneten und ideenreichen Aufbau. Gerade Ilsanker ist ein Spieler, der von seiner Struktur her ein hervorragender Innenverteidiger ist, was er auch schon unter Beweis gestellt hat. Gegen Salzburg am Donnerstag wird der Österreicher sicher an die Seite von David Abraham ins Abwehrzentrum rücken, weil Kollege Martin Hinteregger gelbgesperrt fehlen wird. Da muss man keine Bedenken haben. 

Trainer Hütter sollte die Möglichkeit in Betracht ziehen, Routinier Makoto Hasebe vermehrt mit einer Rolle im Mittelfeld zu betrauen, selbst wenn der 36-Jährige aufgrund seines fortgeschrittenen Alters diese Position gewiss nicht mehr dauerhaft wird bekleiden können. Aber der kluge Japaner steht für Struktur, Spielverständnis und Antizipation. Attribute, die dem Eintracht-Spiel zuweilen abgehen.

Kamada muss bei der SGE in der Bundesliga liefern  

Und der Fußballlehrer wird auch Daichi Kamada wieder auf ein anderes Niveau heben müssen, der Techniker hat zumindest mal Ideen und kann diese auch umsetzen, er muss allerdings an die Zeit von vor seiner Verletzung anknüpfen. Als er nach der Winterpause in der Bundesliga  einmal spielen durfte, in Düsseldorf, ist er in seinen alten Trott, eine gewisse Naivität im Zweikampf und Jungenhaftigkeit zurückgefallen. Dass er es anders kann, hat er in der Hinserie bewiesen. 

Mijat Gacinovic ist für die offensive Position bei Eintracht Frankfurt immer eine Option und durch sein konsequentes Pressingverhalten mit einem guten Grundspeed ein nicht zu unterschätzender Faktor – aber nur, wenn er diese Fahrigkeit bei Ballbesitz wieder ablegt. Sonst reißt er sich stante pede wieder das ein, was er vorher geschaffen hat. Gacinovic bleibt ein unsicherer Kantonist, nie weiß man genau, was einen erwartet. 

Eine Rückkehr zu zwei Spitzen scheint momentan eher weniger ratsam, da das Problem ja gar nicht die Spitzen sind, sondern sie entscheidend in Szene zu setzen. Da ist das gesamte Kollektiv gefragt, und das geht nur mit Courage, Zutrauen und dem Willen, entschieden nach vorne zu spielen und nachzurücken. Zaghaft und ängstlich wie in Dortmund in der Bundesliga funktioniert das nicht, und ein Filip Kostic alleine ist zwar oft genug, aber nicht immer das Allheilmittel.

Von Ingo Durstewitz und Thomas Kilchenstein  

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