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Eintracht: Deshalb kann Kamada die Überraschung der Saison werden

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Archivfoto: Vor zwei Jahren kam Daichi Kamada an den Main, seither ist viel passiert. 

Daichi Kamada dribbelt sich bei der Eintracht in den Vordergrund, passt aber nicht ganz ins System der Frankfurter. 

Frankfurt - Nachdem Sebastien Haller ja schon die abschließende Werbetour von Eintracht Frankfurt in der vergangenen Saison angeschlagen verpasst hatte, kommt er auch um die nächste Dienstreise ins Reich der Mitte auf alle Fälle herum. Während sich die Fußballer von West Ham United nämlich seit Sonntag in China auf die kommende Saison in England vorbereiten, grübelt der französische Stürmer noch mächtig darüber, ob er künftig lieber auf der britischen Insel oder dem deutschen Festland sein Geld verdienen möchte. London oder Frankfurt? West Ham United oder die Eintracht? Überspitzt formuliert: Geld oder Liebe? Fragen über Fragen.

Haller wird sich für seine Entscheidung genügend Zeit nehmen, sie mit seiner Familie, die im Herbst um ein neues Mitglied erweitert wird, hoch und runter diskutieren. Auch wird sein Schwager, gleichzeitig Hallers Berater, Einfluss nehmen. Womöglich wird der Angreifer aber auch erst einmal mit den Frankfurtern kommende Woche in der Europa-League-Qualifikation starten, um erst danach seine Wahl dingfest zu machen – mit welchem Ergebnis auch immer. Denn, ganz klar, die Fakten liegen mehr oder minder auf dem Tisch. Zwischen sechs und sieben Millionen Euro könnte Haller bei West Ham einstreichen, bei der Eintracht wären es selbst im Falle einer saftigen Gehaltserhöhung maximal fünf. Zudem haben die Engländer das Angebot für den Franzosen von 40 auf 45 Millionen Euro erhöht, für weniger wird die Eintracht seinen Angreifer aber auch nicht ziehen lassen. Nun liegt der Ball also bei Sebastien Haller.

Daichi Kamada: Bisheriger Gewinner der zwei Wochen alten Vorbereitung

Weitaus weniger bedeutend als die Personalie Haller ist für die Eintracht eine andere, ebenfalls einen Offensivmann betreffende – jene von Daichi Kamada. Dennoch schaffte es der junge Japaner zuletzt vermehrt in die Schlagzeilen. Er ist der bisherige Gewinner der – zugegebenermaßen – erst zwei Wochen alten Vorbereitung. Von Kamada wurde nach seiner Rückkehr aus Belgien wenig erwartet, er war für Trainer Adi Hütter ein Streichkandidat wie die restlichen zuvor verliehenen Profis, mittlerweile aber ist er einer für eine Weiterbeschäftigung am Main. Kamada hat nicht nur im Test gegen Luzern einen Treffer erzielt – gegen die Amateurkicker aus Bad Homburg hatte er zuvor bereits zweimal getroffen –, er überzeugt auch sonst. Der Daichi Kamada von heute hat wenig mit dem Daichi Kamada von vor einem Jahr gemein.

Nun gut, optisch hat er sich ehrlicherweise dann doch nicht allzu auffällig verändert. Derselbe muskelarme Oberkörper, dieselben dünnen Beinchen, dieselbe Topffrisur, das schon. Fußballerisch aber ist der 22-Jährige mindestens eine Stufe, wohl eher zwei, drei besser geworden. Kamada fällt auf, im Training, in den Testspielen, auch abseits des Platzes wirkt er präsenter. „Die Saison in Belgien hat ihm sehr gut getan. Er präsentiert sich ganz anders, ist physisch in einer besseren Verfassung und hat eine ganz andere Ausstrahlung“, sagt Hütter.

Daichi Kamada spielte bei Eintracht Frankfurt bisher keine Rolle

Nachdem der auf der japanischen Insel Ehime geborene Kamada vor zwei Jahren für gut 1,6 Millionen Euro von Sagan Tosu zur Eintracht gewechselt war, spielte er bei den Hessen nahezu keine Rolle. Vier Pflichtspiele, 218 Einsatzminuten, das war’s in seinem ersten Jahr. Im vergangenen Sommer sortierte Hütter kurz nach seiner Ankunft in Frankfurt den Techniker gar in eine separate, zweite Trainingsgruppe aus. Die Ausleihe nach Belgien, zu VV St. Truiden, war die Folge – und eine gute Entscheidung. Kamada fühlte sich wohl in Belgien, der familiäre Klub trug dazu mit vier weiteren Japanern im Kader bei, Kamada wurde rasch Stammspieler. In 36 Pflichtspielen war er an 25 Treffern (16 Tore/neun Vorlagen) direkt beteiligt. „Er hat ein gutes Positionsspiel, technische Qualitäten und kann sowohl mit dem linken als auch mit rechten Fuß gut dribbeln. Das macht ihn unberechenbar“, lobte St. Truiden-Trainer Marc Brys, der Kamada gerne noch eine weitere Saison in seinem Team gesehen hätte. „Wir bemühen uns um ihn“, hatte Brys im Frühjahr gesagt. Ohne Erfolg.

Denn vorerst will es der zweifache japanische Nationalspieler wieder in Frankfurt probieren, dort besitzt er ja noch einen Vertrag bis 2021. Falls das nicht klappen sollte, gibt es dem Vernehmen nach andere Angebote. Der VfB Stuttgart war kurzzeitig interessiert, auch eine weitere Leihe scheint möglich.

Daichi Kamada passt nicht ganz in die offensive Spielidee von Adi Hütter

Adi Hütter nimmt die positive Entwicklung wahr, er will sie „weiter beobachten“, vollends überzeugt scheint der Trainer aber (noch) nicht. Testspiele sind nun mal Testspiele, Bundesliga ist Bundesliga. Und Kamada passt eigentlich nicht so ganz in die offensive Spielidee des Fußballlehrers aus Österreich, die er sich für die Eintracht ausgedacht hat. Die war in der vergangenen Saison entweder durch Robustheit, Haller sei als bestes Beispiel genannt, Abschlussstärke oder eine hohe Laufintensität geprägt. Zu Kamadas Stärken zählt das alles nicht.

In den bisherigen Spielen lief Kamada zwar als zweite Spitze an der Seite von Haller auf, dass er dauerhaft ganz vorne aber Profis wie Ante Rebic oder Goncalo Paciencia verdrängen wird, ist unwahrscheinlich. Ähnliches gilt für etwaige Neuzugänge, die sicher für reichlich Geld verpflichtet werden würden, falls es tatsächlich zu weiteren Verkäufen kommen sollte. Stattdessen ist Kamada ein Kreativer, der kernigen Zweikämpfen gerne mal aus dem Weg tänzelt, der nicht ständig die Gegner mit frühem Anlaufen nervt und sich als hängender Stürmer mit künstlerischen Freiheiten versteht. Eine Jobauffassung, die es bei Hütter bisher nicht gab.

Dennoch sind die Frankfurter Verantwortlichen natürlich in einer guten Position, sie können abwägen, ob der junge Mann aus Nippon den gestiegenen Ansprüchen genügt. Ganz klar, der Ball liegt bei der Eintracht. Anders als bei Sebastien Haller.

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