Fußballvereine der Region in Sorge

Kunstrasenplätze in Gefahr? EU will Mikroplastik verbieten

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Kunstrasenplätze mit Füllstoff: Der Füllstoff Granulat soll nach Planungen der EU ab 2022 verboten werden. 

Ab 2022 will die EU das Granulat, das auf vielen Kunstrasenplätzen als Füllstoff verwendet wird, verbieten. Das sorgt auch in der Region für Diskussionen. 

Fangen wir ganz vorn an: Was genau plant die Europäische Union?

Sie will ab 2022 das Granulat verbieten. Denn es ist einer der größten Verursacher für Umweltbelastungen durch Mikroplastik. Betroffene Kunstrasenplätze müssten entweder geschlossen oder kostspielig umgerüstet werden. Auf den Fußball käme eine Sanierungswelle zu. Die Finanzierung: derzeit noch unklar.

Was ist die Grundlage?

Eine Studie des Fraunhofer-Instituts. Wind und Regen würden demnach von Kunstrasenplätzen pro Jahr bis zu 10.000 Tonnen Mikroplastik in die Gewässer und Felder tragen.

Was für Stimmen gibt es hierzulande?

Innenminister Horst Seehofer spricht sich für die Verschiebung der geplanten EU-Richtlinie aus – um sechs Jahre. In einem Brief an Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) schloss er sich damit der Forderung des Deutschen Fußball-Bundes an. Der DFB teilte mit, dass er „und seine Landesverbände einen Bestandsschutz der in Betrieb befindlichen Kunstrasenplätze“ fordern. Das will auch Stefan Reuß, Präsident des Hessischen Fußball-Verbandes.

Rund 5000 Kunstrasenplätze in ganz Deutschland

Wie viele Plätze sind betroffen?

Laut DFB gibt’s deutschlandweit 5000 Kunstrasenplätze, 440 davon in Hessen. Eine Anfrage nach Zahlen für die gesamte Region blieb beim Hessischen Innenministerium unbeantwortet.

Wie teuer ist ein Kunstrasenplatz?

Für den Neubau eines Kunstrasenplatzes werden zwischen 500.000 und 700.000 Euro fällig. Je nach Umrüst-Methode auf alternative Füllungen mit Quarzsand oder Kork könnten nach verschiedenen Expertenmeinungen 50.000 bis 200.000 Euro fällig werden.

Wie sieht es in Kassel aus?

Relativ entspannt. Pressesprecher Claas Michaelis gibt folgenden Überblick: „In Kassel gibt es derzeit elf städtische Kunstrasenspielfelder. Dabei handelt es sich um sieben Großspielfelder, drei Kleinspielfelder und einen Hockeyplatz. Von diesen elf Spielfeldern sind zehn Plätze mit Sand und ein älterer Platz mit Granulat verfüllt. Dieser Kunstrasenplatz ist neun Jahre alt und befindet sich auf der Sportanlage Auepark.“ Im Schnitt beträgt die Lebensdauer eines Kunstrasenplatzes zwischen zehn und 15 Jahren – er könnte also vor 2022 ohnehin noch saniert werden. Dann soll das Granulat durch eine Sandfüllung ersetzt werden.

Und wie ist die Lage in Nordhessen?

Härter träfe es beispielsweise den Fußball-Gruppenligisten FSV Dörnberg, dessen Kunstrasenplatz im Bergstadion mit Granulat verfüllt ist. Pressesprecher Andreas Weinreich sagt: „Bei uns spielen drei Senioren-, ein Altherren- und fünf bis sechs Jugendmannschaften, im Winter noch mehr. Eine Ausweichfläche gibt es nicht.“ Aber: Der Platz stammt aus dem Jahr 2005. Sanierungsarbeiten seien für 2021 geplant. In Waldeck gibt’s drei Kunstrasenplätze (ohne Minispielfelder): In Willingen (2018), Korbach (2010) und Bad Wildungen (2017). Die beiden Letzteren wären vom Granulatverbot betroffen, die Korbacher planen aber bereits eine Sanierung.

Wie sieht es in Südniedersachsen aus?

Die Göttinger Sport und Freizeit GmbH (GoeSF) betreibt im Stadtgebiet Göttingen sieben Kunstrasenplätze, die mit Gummigranulat und Sand verfüllt sind, zusätzlich noch drei Kleinspielfelder. Bislang wurden die Großspielfelder einmal im Jahr neu verfüllt, pro Spielfeld mit 100 bis 200 Kilogramm Granulat.

„Aufgrund der aktuellen Diskussion werden wir künftig kein Granulat mehr ausbringen“, kündigt GoeSF-Prokurist Jörn Lührs an. Ein Verbot des Granulats würde deswegen nicht das Aus für die sieben Plätze bedeuten.

Im Landkreis Northeim betreibt nur Eintracht Northeim einen 2016 eingeweihten Kunstrasenplatz, der mit Gummigranulat verfüllt ist. „Wir haben einen nachhaltigen Kunstrasen. Der Untergrund unter dem Rasen besteht aus recyceltem Plastik. Zudem müssen wir lediglich zehn bis 20 Kilogramm Granulat im Jahr ausbringen“, betont Tim Schwabe, Eintrachts Vorsitzender. Ein sofortiges Verbot, träfe den Oberligisten extrem.

„Dann könnten wir im Winter keine Punktspiele mehr bestreiten und das Training fiele auch flach.“ (mit sid)

Reichensachsens Fußballer in Sorge

Hans-Peter Apel

Zu den Fußball-Klubs, die sich intensiv mit dieser Problematik beschäftigen müssen, gehört der SV Reichensachsen im Werra-Meißner-Kreis. „Wenn unser Kunstrasenplatz platt gemacht wird, dann haben wir ein Problem. Bei so vielen Mannschaften, die wir unterhalten, könnten wir den Spielbetrieb nicht aufrechterhalten“, verdeutlicht Hans-Peter Apel, Ehren-Abteilungsleiter beim Fußball-Gruppenligisten. 

Die Anlage wurde 2010 eingeweiht und ist SVR-Eigentum. Mehr als 600.000 Euro wurden seinerzeit in die Spielstätte investiert. „Unser Platz ist sehr hochwertig“, betont Apel. Über einer elastischen Tragschicht liegt feiner Sand. Darüber befindet sich das mittlerweile umstrittene Gummi-Granulat. Sobald der Platz nicht mehr genutzt werden könnte, bekämen auch einige Vereine aus dieser Region Probleme. 

Verbandsligist SV Adler Weidenhausen trainiert dort im Winter, andere Klubs, teilweise sogar aus Thüringen, tragen dort in der kalten Jahreszeit Testspiele aus. In Reichensachsen warten die Verantwortlichen nun ab, wie es weitergeht. Hinter den Kulissen machen sie sich Gedanken über mögliche Lösungen.

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