„Outing lohnt sich“: Ex-Bundesliga-Spielerin über Homosexualität im Frauenfußball

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Zwei, die offen zu ihrer Sexualität stehen: Nadine Angerer (links) ist bisexuell, Ursula Holl mit einer Frau verheiratet.

Kassel. Viele Frauenfußballerinnen gelten als lesbisch. Bekenntnisse gibt es jedoch nur wenige. 20 bis 40 Prozent aller Spielerinnen seien homosexuell, schätzte Ex-Bundestrainerin Tina Theune 2007. Andere gehen von einer höheren Zahl aus. Ein Interview mit Ex-Spielerin Tanja Walther-Ahrens.

Walther-Ahrens ist mit einer Frau verheiratet und spricht offen über Homosexualität im Frauenfußball.

Am Wochenende wurde bekannt: Nigeria hat lesbische Fußballerinnen aus der Nationalelf ausgeschlossen. Was sagen Sie dazu?
Tanja Walther-Ahrens: Das ist sehr schlimm. Aber es gibt dort andere politische Verhältnisse, andere Wertevorstellungen. Wir leben glücklicherweise in einem Land, in dem ein anderer Umgang mit Homosexualität möglich ist. Nadine Angerer und Ursula Holl haben damit keine Berührungsängste. Sie gehen offen damit um. Das ist ein schöner Anfang.
Bei männlichen Fußballern ist Homosexualität ein großes Tabu, im Frauenfußball ein offenes Geheimnis. Warum?
Walther-Ahrens: Es ist grundsätzlich immer noch ein größerer Tabubruch, wenn Männer homosexuell sind. Bei Frauen wird das als nicht mehr ganz so schlimm wahrgenommen. Hinzu kommt das Image: Nur richtige Männer können Fußball spielen. Schwule aber gelten als weich, zart und zurückhaltend, als keine richtigen Kerle. Bei Frauen kommt das Klischee hinzu: Heteros können keinen Fußball spielen, sondern nur Mannsweiber.
Das heißt, die Wurzel des Problems liegt vor allem in der Wahrnehmung?
Walther-Ahrens: Frauen, die Sport treiben, entsprechen per se nicht dem, was Menschen mit Weiblichkeit verbinden: Sie sind athletisch und kraftvoll. Genau das entspricht dem Klischee der Lesben. Dieses besagt, dass es burschikose, wenig attraktive Frauen sind. Es gibt viele Mädchen, die sich nicht trauen, Fußball zu spielen, eben weil sie Angst davor haben, als lesbisch abgestempelt zu werden.
Warum wird nicht ganz offen darüber gesprochen?
Walther-Ahrens: Es ist ein Tabu, weil ein Tabu daraus gemacht wird. Die Vereine beispielsweise sagen, die Lebensform sei Privatsache. Aber das ist sie nicht. Ich möchte sagen können, ich bin mit Christina verheiratet und über diese Ehe ebenso reden wie Helga und Robert das können. Das tun doch alle, warum also sollte ich das nicht tun dürfen?
Würden Sie einer lesbischen Spielerin zum Outing raten?
Walther-Ahrens: Immer. Es ist nicht einfach, aber es lohnt sich. Seit ich mich geoutet habe, geht es mir viel, viel besser. Ich kann befreit meine Frau und mein Kind überall mit hinnehmen.
Warum stehen nicht mehr Fußballerinnen, etwa in der Nationalelf, zu ihrer Homosexualität?
Walther-Ahrens: Da ist sicherlich vor allem die Angst vor den Reaktionen in der Öffentlichkeit entscheidend und eben das Bild, für das Homosexualität immer noch steht.
Wie kann man das Image ändern?
Walther-Ahrens: Es gibt nicht die eine Lösung. Wir brauchen viele kleine Schlüssel für viele kleine Schlösser. Wir brauchen einen offensiven Umgang. Toll wäre eine Nationalspielerin, die sich hinstellt und ganz offen sagt: Ich bin lesbisch, und das ist gut so. Auch für einen Sponsor wäre solch eine Spielerin richtig gut: ein junges, frisches, freches Gesicht. Und wir müssen in der Gesellschaft viel mehr darüber sprechen. Wir sind leider noch längst nicht in der Mitte angekommen.
Sie sind während Ihrer aktiven Zeit offen damit umgegangen, dass Sie lesbisch sind. Wie hat Ihr Verein reagiert?
Walther-Ahrens: Im Verein war das kein Thema. Es gab nur eine unschöne Situation, die passierte Anfang der 90er-Jahre: Ich bin mit meiner Freundin Hand in Hand zum Training gekommen. Der Manager hat uns aufgefordert, das zu unterlassen. Unser Team hat uns dabei ziemlich im Stich gelassen. Die zweite Situation war eher lustig: Unser Trainer hat nicht mitgedacht. Er lud uns zur Weihnachtsfeier ein und sagte, dass auch unsere Männer willkommen seien. Da fragte eine Spielerin: Unsere Frauen auch? Da haben alle gelacht.
Bei der WM gibt’s eine neue Vermarktungs-Strategie. Der Fußball soll weiblicher werden. Spielerinnen wie Fatmire Bajramaj stehen im Fokus.
Walther-Ahrens: Die WM wird vor allem über Weiblichkeit und Sexiness verkauft. Das sagt schon allein der Slogan „2011 von seiner schönsten Seite“. Es gilt die Maxime: Frauenfußball muss hübsch sein, während Männerfußball einfach nur gut sein kann.
Es gibt ja sogar Silvia Neid und Steffi Jones als Barbies.
Walther-Ahrens: Sie sind absurd. Denn die Barbies sehen gar nicht aus wie Fußballerinnen. Mit einer solchen Wespentaille kann man gar nicht Fußball spielen. Außerdem spielen viele Mädchen, die Lust auf Fußball haben, nicht mit Barbies.
Wie hätten Sie die WM vermarktet?
Walther-Ahrens: Ich hätte viel mehr auf Emotionen und Lebensfreude gesetzt. Denn darum spielen Mädchen und Frauen Fußball. Panini-Bilder und Teamfotos sind viel authentischer und schöner.

Von Michaela Streuff

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