Ex-Bundesligaspieler Matthias Hamann im Interview

Extremes Abwehrverhalten gegen den FC Bayern: Wie defensiv soll Fußball sein?

Mit allen Mitteln gegen die Bayern: Frankfurts Carlos Zambrano (links) gegen Münchens Robert Lewandowski. Foto: dpa

Kassel. Nach dem 0:0 der Frankfurter Eintracht gegen die Bayern und vor deren Auftritt heute in der Champions League stellt sich die Frage: Wie defensiv soll Fußball sein?

Ein Interview mit den ehemaligen Bundesligaspieler Matthias Hamann, einst Trainer beim Regionalligisten KSV Hessen Kassel.

Herr Hamann, haben wir beim 0:0 der Frankfurter gegen München eine neue Stufe des defensiven Fußballs erreicht? 

Hamann: Das kann man so sagen, ja.

Was zeichnet diesen extrem defensiven Fußball aus? 

FC Bayern heute in der Champions League gegen FC Arsenal 20.45 Uhr, ZDF.

Hamann: Er setzt an bei den Stärken der Bayern. Deren Plan es ist, die Bälle aus kurzer Distanz in die Schnittstelle der Abwehr zu spielen. Die Offensivspieler laufen dann in die Lücken und haben freie Bahn. Also gilt es, die Pässe in die Schnittstelle zu verhindern. Das funktioniert besser, je mehr Spieler eine Mannschaft in ihre Abwehrkette einbindet. Stehen da sechs Mann wie nun von der Eintracht aus Frankfurt, dann wird es selbst für Bayern München extrem schwer, Schnittstellen zu finden.

Bleibt der lange Pass als Rezept, oder? 

Hamann: Die Bayern probieren es ja mittlerweile vermehrt mit einer extremen Spielverlagerung und langen Diagonalpässen, die in erster Linie ihr Innenverteidiger Jerome Boateng spielt. Wenn der Ball dann die schnellen Außenspieler wie Arjen Robben oder Douglas Costa erreicht, können die in ein Dribbling gegen einen Gegenspieler gehen und bei ihrer Qualität auf diese Art und Weise Torchancen erarbeiten. Gegen eine extrem defensiv eingestellte Mannschaft wie zuletzt Frankfurt ist aber auch das schwer, weil da ein Diagonalpass kaum neue Räume schafft.

Weil sowieso schon alle Spieler hinten drin stehen? 

Hamann: So ist es. Mannschaften wie nun Frankfurt geht es in solchen Spielen gegen die Bayern längst nicht mehr um die aktive Balleroberung, um anschließend selbst eine Offensivaktion zu starten. Denen geht es einzig und allein darum, ein Tor des Gegners zu verhindern. Und wenn es einer solchen Mannschaft gelingt, den Gegner permanent rund 35 Meter vom eigenen Tor fernzuhalten, dann wird es selbst für Bayern nicht leicht. Denn aus 35 Metern schießt ja auch kaum einer mal aufs Tor.

Ist dieses extrem defensive Verhalten die logische Antwort auf das moderne Pressing? 

Hamann: Das kann schon sein, auch wenn das eigentliche Ziel des Fußballs dabei ad absurdum geführt wird. Nehmen wir Darmstadt: Das ist eine reine Zerstörertruppe. Und doch hat sie erst am Wochenende ihr erstes Auswärtsspiel verloren. Das ist eigentlich ein Skandal und eine schlechte Aussage für den Bundesligafußball. Den meisten Mannschaften ist die Fähigkeit abhandengekommen, ein Tor zu erzielen.

Woran liegt das? 

Hamann: Weil es für Trainer wesentlich leichter ist, eine Defensive zu organisieren, anstatt Offensivaktionen einzustudieren. Die Abwehr steht mit ein paar Kniffen, weil eine Mannschaft nur reagieren muss. Die Kunst ist es aber zu agieren. Da bedarf es Kreativität.

Ist es aber nicht auch eine Kunst, die Kreativität zu besiegen – so wie es Arsenal im Hinspiel gegen Bayern getan hat? 

Hamann: Ja, aber selbst das können die wenigsten Mannschaften. Arsenal hat die Qualität dazu, weil die Mannschaft nach der Balleroberung schnell umschalten und eine gewisse Wucht in der Offensivbewegung entwickeln kann. Wenn eine Mannschaft aber so defensiv eingestellt ist wie Frankfurt gegen München, ist nach der Balleroberung kaum ein geordneter Angriff möglich. Zum einen fehlt die Kraft, weil die ganze Energie für die Balleroberung benötigt wird und sich die Spieler kaputtlaufen. Zum anderen ist der Weg zum gegnerischen Tor ohne Anspielstation im Angriff einfach zu weit.

Also muss Bayern damit rechnen, dass in Zukunft alle so spielen wie Frankfurt und sich ein noch besseres Rezept gegen ein Abwehrbollwerk überlegen? 

Hamann: Im Prinzip haben die Bayern ein gutes Rezept. Nur weil Frankfurt jetzt 0:0 gespielt hat, heißt das ja nicht, dass nun alle 0:0 gegen die Bayern spielen, wenn alle Mann verteidigen. Den Bayern ist das Unentschieden auch herzlich egal. Sie werden auch so Meister. Sie konzentrieren sich auf die Champions League. Die macht ihnen mehr Spaß.

Was müssen die Bundesligisten tun, damit sie Bayern auf Dauer Paroli bieten können? 

Hamann: Sie müssen wieder mehr Energie für Offensivaktionen aufwenden, mehr Ideen entwickeln. Es sagt ja auch schon viel aus, dass hierzulande kaum mehr Spielmacher ausgebildet werden, weil kaum mehr eine Mannschaft wert darauflegt. Die meisten Teams sind besser im Spiel gegen den Ball. Das ist bedauerlich. Ohne solch einen kreativen Spieler ist es schwer, in den gegnerischen Strafraum einzudringen. Und warum? Weil fast jede Defensive gut organisiert ist.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.