Eine Analyse

Der Fall Paderborn: Wie der Ex-Bundesligist seinen Stolz verloren hat

Mit ihm kehrte die Aufmerksamkeit nach Paderborn zurück: Trainer Stefan Effenberg. Foto: dpa

Kassel. Als der SC Paderborn erstmals in der Fußball-Bundesliga spielte, war der Stolz dieser Stadt und ihrer knapp 145.000 Einwohner greifbar.

Auf den Ortsschildern stand nicht nur der Ortsname, sondern auch der Zusatz: Bundesligastadt. Schwarz und blau, die Farben des Fußballklubs, waren allgegenwärtig. Die Provinz hübschte sich auf für das Konzert mit den Großen. Das hatte etwas von Fußballmärchen.

Keine zwei Jahre ist das her – geblieben von dieser Aufbruchstimmung, dieser Leichtigkeit und dieser Euphorie ist nichts mehr. Der Zusatz auf dem Ortsschild? Verschwunden. Paderborn im Januar 2016 – das steht für Abstiegskampf in Liga zwei, einen Eklat und für Schmuddelschlagzeilen über Penisblitzer und kaputte Vasen im Mannschaftshotel.

Paderborn ist nicht mehr Paderborn

Jetzt dient der Klub nicht mehr als Paradebeispiel für einen beachtlichen Aufstieg, der im deutschen Fußball trotz all der hochgezüchteten Konkurrenz immer noch möglich ist. Hier hat Darmstadt als Vorzeigemodell längst die Vorreiterrolle. Nein, mittlerweile lässt sich an Paderborn aufzeigen, was mit einem Klub passiert, der nach einem sensationellen Coup den Übergang in die Normalität nicht hinbekommt.

Abstieg im Mai

Das Problem dabei ist nicht der Abstieg gewesen nach einem Jahr Bundesligaabenteuer, in dem den Ostwestfalen die Sympathien zuflogen. Selbst nach dem 1:2 am letzten Spieltag im Mai gegen Stuttgart bejubelten die Fans ihr Team, dessen Rückkehr in Liga zwei soeben besiegelt wurde. „Das ist Wahnsinn. Da wird ein Absteiger gefeiert“, stellte Mittelfeldspieler Mario Vrancic fest.

Es gab also keinen Unmut, weil der selbst ernannte krasseste Außenseiter der Bundesliga-Geschichte mit dem Abstieg rechnen musste. Und zunächst sah es auch so aus, als ob der SC an seinem Konzept festhalten würde: Nach dem Abschied von Erfolgstrainer André Breitenreiter verpflichtete der Klub mit Markus Gellhaus einen Nachfolger, der seine erste Chance als Cheftrainer im Profifußball erhielt. Wie einst André Schubert, wie Roger Schmidt, wie Breitenreiter, die heute alle bei Spitzenklubs tätig sind.

Anders auf den zweiten Blick

Als Gellhaus aber erfolglos blieb, was mit einer umformierten Mannschaft und nach einer Euphoriephase nicht unüblich ist, änderte der Verein seine Strategie, wenn auch nur auf den zweiten Blick. Im Oktober holte er mit Stefan Effenberg zwar auch einen Trainer-Neuling, aber eben auch eine schillernde Figur. Es hatte den Anschein, als wolle der mächtige Präsident Wilfried Finke mit dem Ex-Nationalspieler panikartig das nach dem Abstieg entstandene Aufmerksamkeitsdefizit ausgleichen. Auf einmal war Paderborn wieder großes Thema.

Nur noch Lachnummer

Positive Schlagzeilen gab es aber nur zu Beginn. Nach einem missratenen Trainingslager in Belek ist Paderborn nun zur Lachnummer verkommen. Effenberg darf zwar weitermachen, steht aber unter Beobachtung – von Finke und vom lüsternden Boulevard, der sich die Hände reibt. Die Fans zeigen sich empört, äußern ihren Unmut. Das beschauliche Paderborn – das war einmal.

Lesen Sie auch:

- Paderborn-Boss: "Effenberg muss jetzt liefern"

- Nach Trainingslager-Eklat: Effenberg bleibt Trainer

- SC Paderborn suspendiert Proschwitz

- Kommentar zum Paderborner Eklat: Abkehr vom Idyll

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.