FIFA in der Falle

Giannis Premiere: Doping, Garcia und Russland-Lob

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FIFA-Präsident Gianni Infantino bei der Pressekonferenz in St. Petersburg. Foto: Marius Becker

Der Confederations Cup in Russland war das erste Turnier unter der Regentschaft von Gianni Infantino als FIFA-Chef. Die Organisation klappte, doch moralische Fragen trüben die Bilanz. Infantino lässt diese Kritik nicht zu. Grund dafür könnten die FIFA-Finanzen sein.

St. Petersburg (dpa) - Russland-Treue, Doping-Problem und immer noch die Ethik-Fragen: Nach seiner logistisch gelungenen Turnier-Premiere schlägt Gianni Infantino unverändert große Skepsis entgegen.

Und der FIFA-Boss tut wenig, um die Zweifel an seiner Glaubwürdigkeit zu zerstreuen. Der selbsterklärte große Reformer der maroden Welt der Fußball-Funktionäre trat während des Confed Cups vor allem in einer Rolle in Erscheinung: als unkritischer Freund der stolzen Gastgeber.

Nach seinem skurrilen Redeauftritt mit Staatschef Wladimir Putin in der Ehrenloge des St. Petersburger WM-Stadions beim Eröffnungsspiel hielt sich der 47-Jährige zurück. Doch vor dem Finale zwischen Deutschland und Chile ging es im gleichen Tonfall weiter: "Wenn ein problematisches Turnier so aussieht, will ich viele problematische Turniere, weil es ein großer Erfolg war", sagte der Schweizer in seiner durch und durch positiven Bilanz des WM-Testlaufs.

Schnell schaltete er im Kellerraum der riesigen Krestowski Arena als Sitznachbar des umstrittenen russischen Multifunktionärs Witali Mutko in einen Modus der Selbstzufriedenheit. Souverän wirkte Infantino nicht. Schon gar nicht in seiner ironisch-bissigen Replik an DFB-Präsident Reinhard Grindel, der im ersten russischen Fußball-Sommer geschickt den Part des konstruktiven Mahners im FIFA-Zirkel übernommen hat.

"Er hat jeden Tag eine neue Idee, und das ist großartig", spottete Infantino in Richtung Grindel. Dessen Vorschlag, alle Gewalt über Dopingfragen im WM-Jahr in die Hände der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA zu legen, sei obsolet, meinte Infantino. Von einer kritischen Auseinandersetzung mit den Indizien möglichen Dopings im russischen Fußball ist die FIFA ein Jahr vor der großen WM-Sause weit entfernt.

Es ist diese nonchalante Haltung Infantinos, mit der er fatal an seinen gestürzten Vorgänger Joseph Blatter erinnert. Der Hauch der Unantastbarkeit umweht dann den FIFA-Boss. Dabei verspricht Infantino permanente Transparenz. Wie eine Stimme aus der dunklen Vergangenheit erklangen am Sonntag die Kommentare Blatters in der Zeitung "Blick".

"Als ich 1998 zum Präsidenten gewählt wurde, schrieb die FIFA rote Zahlen. Als ich ging, hatte sie 1,4 Milliarden Reserven. Und die neue FIFA braucht jetzt das Geld auf. Man hat den Verbänden zu viel Geld versprochen", erinnerte Blatter an Infantinos möglicherweise siegbringende Wahlkampf-Aussage, jedem der 211 Nationalverbände mehr als eine Million Dollar zu geben.

Blatter als Kronzeugen der Anklage gegen Infantino zu nutzen, wäre verfehlt, gerade nach der Veröffentlichung des Garcia-Reports, der die Dekadenz der Funktionärs-Kaste unter der Regentschaft des Schweizers um die WM-Vergabe an Russland und Katar dokumentiert. Und doch nennt Blatter mit dieser Aussage möglicherweise den eigentlichen Grund für Infantinos nibelungenhafte Russland-Treue.

Die FIFA braucht Geld. Ein WM-Problem mit Russland, bis hin zu einem eventuellen Turnierausfall, hätte wohl fatale Konsequenzen. Im April verkündete die FIFA ihre Bilanz. Ein Defizit von 369 Millionen Dollar im Jahr 2016 wurde mit einem transparenten Abrechnungsmodus erklärt. Blatter hatte kalkulierte WM-Gewinne schon immer für Vorjahre verbucht. Gelingen in den kommenden Monaten nicht gute Abschlüsse mit Sponsoren und WM-TV-Rechten, könnte es knapp werden in der Kasse.

Rund eine Milliarde Dollar benötigt die FIFA angeblich, um einen Vierjahresrhythmus von WM zu WM zu finanzieren. Diese Marke ist fast unterschritten. Nicht einmal in Russland ist ein Fernsehdeal für 2018 abgeschlossen. Mutko moserte über zu hohe Forderungen aus Zürich. So einen Ton würde sich Infantino in die andere Richtung öffentlich nie herausnehmen. Es scheint, als stecke Infantino in der Russland-Falle.

Ungerührt nahm der FIFA-Boss zur Kenntnis, wie Mutko am Samstag zu einer abenteuerlich klingenden Grundsatzrede zum Dopingthema ansetzte. "Wenn ich einen russischen Tanz vor ihnen aufführe, hören Sie dann auf, diese Fragen zu stellen?", lautete einer seiner Repliken. Ansonsten redete der als ehemaliger Sportminister selbst involvierte Mutko, als hätte es den Doping-Skandal um russische Leichtathleten und Wintersportler nie gegeben. "Doping wird bei uns nicht toleriert. Es gibt kein staatliches Programm der Dopingorganisation", beteuerte der nationale Fußball-Verbandschef.

Infantino, der in der Fußball-Funktionärswelt überall nur als "Gianni" firmiert, tuschelte derweil feixend mit seinem anderen Sitznachbarn, Schiedsrichter-Chef Pierluigi Collina. Ignoriert werden auch noch die Ungereimtheiten um angebliche Vorermittlungen in Ethikfragen gegen den FIFA-Boss. In Afrika soll er sich in die Präsidentschaftswahlen unlauter eingemischt, den Sturz des langjährigen Blatter-Vasallen Issa Hayatou unterstützt haben, so die Medienberichte.

Konkrete Antworten gibt es von der FIFA dazu nicht. Die Ablösung der Ethik-Doppelspitze Cornel Borbely und Hans-Joachim Eckert im Mai bekommt aber ein noch größeres Geschmäckle. Die von Infantinos Council und dem Kongress durchgewunkenen neuen Ethikhüter Maria Claudia Rojas und Vassilios Skouris wirken noch nicht öffentlich.

Im Vorjahr hatte es noch unter Borbely und Eckert Voruntersuchungen gegen Infantino schon gegeben, sie wurden eingestellt. Es ging um mögliche Verfehlungen mittlerer Güteklasse, wie vom russischen Oligarchen Alischer Usmanow bezahlte Flüge oder sündhaft teure Matratzen auf FIFA-Kosten. Ähnliche Fälle hatte auch Garcia in seinem WM-Report über die alte Funktionärs-Generation zuhauf notiert.

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