Ex-Vize Warner stellt sich Polizei

FIFA-Skandal: Darf Blatter die Schweiz nicht verlassen?

Zürich - Joseph S. Blatter steht unter Druck wie nie, dennoch soll die FIFA-Präsidentschaftswahl am Freitag durchgezogen werden. Blatters Getreue halten auch im Skandal zu ihm. Ex-Vizepräsident Warner ist in Polizei-Gewahrsam. Alle Entwicklungen im FIFA-Skandal.

Bislang hieß es, die Ermittlungen im FIFA-Skandal richten sich nicht gegen den Präsidenten Joseph S. Blatter. Doch wie die Bild-Zeitung unter Berufung auf die Daily Mail nun berichtet, dürfen Blatter und auch andere FIFA-Offizielle die Schweiz nicht verlassen. Die englische Tageszeitung schreibt: "Die Schlinge begann sich zuzuziehen, als die US-Justizministerin es ablehnte, Blatter freizusprechen. Die Schweizer Polizei befahl ihm und den anderen FIFA-Offiziellen, das Land nicht zu verlassen, während die Untersuchungen andauern."

Der Pressesprecher der Bundesanwaltschaft in der Schweiz hingegen dementiert diese Meldung: "Entsprechende Meldungen sind völliger Blödsinn. Es gibt weder eine „Ausreisesperre“ Seitens der Schweizer Behörden noch soll der Präsident der FIFA in den nächsten Tagen durch die Bundesanwaltschaft befragt werden".

Hintergrund für die anscheinend falsche Bestimmung soll die Wahl von Blatter aus dem Jahr 2011 sein. Denn der Inhalt von US-Gerichtsakten gibt Einblick in mögliche Schmiergeldzahlungen rund um die Wahl in Höhe von 40.000 US-Dollar. Diese sollen in Umschlägen den Besitzer gewechselt haben - in einem Hotel in der Karibik. Die Zahlungen im Hyatt Regency Hotel in Trinidad und Tobago, der Heimat des ehemaligen FIFA-Vizepräsidenten Jack Warner, sollen von einem hochrangigen Mitglied des Weltverbandes und des asiatischen Kontinentalverbandes AFC arrangiert worden sein. Ein Name wurde in den Akten nicht genannt.

Nike in FIFA-Skandal verwickelt?

Die Affäre um Bestechung und Korruption zieht weiter Kreise. Wie das Portal Bloomberg Business berichtet, ist möglicherweise auch der Sportartikelhersteller Nike in den Skandal verwickelt. In der Anklageschrift des US-Justizministeriums ist von einem Vertrag zwischen einem nicht namentlich genannten Hersteller und dem brasilianischen Fußballverband von 1996 die Rede. Im Rahmen dieses Vertrags sollen Zahlungen an eine brasilianische Vermarktungsgesellschaft geflossen sein, ein Teil der Gelder wurde anschließend dazu genutzt, FIFA-Funktionäre zu schmieren. Nike hat im fraglichen Jahr einen entsprechenden Vertrag mit dem Verband abgeschlossen. Bisher hat sich das Unternehmen nicht zu den Vorwürfen geäußert, gab in einem schriftlichen Statement aber an, jede Form von Manipulation im Sport abzulehnen.  

Blatter sagt Eröffnungsrede ab

FIFA-Präsident Joseph S. Blatter meidet angesichts des neuerlichen Skandals im Fußball-Weltverband zunächst die Öffentlichkeit. Der 79-jährige Schweizer sollte am Donnerstagmorgen im Züricher Swissotel die Eröffnungsrede zum zweiten Teil der FIFA-Medizinkonferenz halten. Er sagte diesen Termin jedoch ab.

Der Druck auf Blatter wird auch durch den möglichen Boykott des FIFA-Kongresses durch die UEFA immer größer. Nach den Worten des ehemaligen FIFA-Mediendirektors Guido Tognoni wäre ein Boykott eine Gefahr für Joseph Blatter. Sollte die Europäische Fußball-Union die Drohung wahr machen, „dann wird das für Sepp Blatter eine schwierige Sache“, sagte Tognoni am Donnerstag im Deutschlandfunk. Zwar sei eine Wiederwahl des FIFA-Präsidenten trotzdem wahrscheinlich, aber „ein FIFA-Präsident, der von einem Rumpfparlament gewählt wird, der blickt schwierigen Zeiten entgegen.“

Einen Rücktritt Blatters von sich aus schloss der Ex-FIFA-Manager aus: "So wie ich ihn kenne, wird er nicht zurücktreten. Er hat Angst vor dem großen Loch", sagte Tognoni. "Der einzige Trost ist für mich, dass es wirklich die letzte Wahl von Blatter sein wird, ob ihm das passt oder nicht."

Asien steht weiter hinter Blatter

Das System FIFA wankt, die Fußball-Welt schreit nach Konsequenzen - doch die Vasallen stehen auch im schlimmsten Skandal treu zu Joseph S. Blatter. Die asiatische Konföderation AFC teilte einen Tag vor der Präsidentschaftswahl im Weltverband mit, zwar „enttäuscht und traurig“ zu sein, eine Verschiebung der Wahl komme jedoch nicht infrage: „Und die AFC steht zu ihrer Entscheidung, Blatter zu unterstützen.“ Eine klare Botschaft - der einzige Gegenkandidat für den übermächtigen Amtsinhaber, Prinz Ali bin Al Hussein (Jordanien), kommt aus dem eigenen Haus.

"Blatter muss gehen!"

Die Gefolgschaft hatte zuvor auch der afrikanische Kontinentalverband CAF Blatter (79) versichert. Dennoch: Der Schweizer steht unter Druck wie nie. Die Europäische Fußball-Union UEFA hatte von einem „Desaster“ gesprochen und mit Boykott des FIFA-Kongresses gedroht, der englische Verbandspräsident Greg Dyke forderte: „Blatter muss gehen! Entweder durch Rücktritt, Abwahl oder über einen dritten Weg.“

Fußball-Idole wie Romario („Ich hoffe, auch er wird verhaftet“) und Diego Maradona („Ich sage das schon seit langer Zeit“) schlossen sich an. Gary Lineker schrieb spöttisch: „Wenn er noch einen letzten Krümel Würde hätte, würde er zurück in seine Höhle kriechen, in seinem Sessel sitzen und seine Katze streicheln.“

Warner in Polizei-Gewahrsam

Jack Warner, ehemaliger Vizepräsident der FIFA; soll in die USA ausgeliefert werden.

Fern des FIFA-Hauptquartiers in Zürich gab es in der Nacht zu Donnerstag neue Entwicklungen. Blatters per Haftbefehl gesuchter ehemaliger Vize-Präsident Jack Warner stellte sich in seiner Heimat Trinidad und Tobago der Polizei, er wurde in der Hauptstadt Port of Spain einem Richter vorgeführt. Zudem drohen unverzichtbare Geldgeber angesichts des neuerlichen Skandals mit ihrem Ausstieg. Ohne einen Wandel werde es „sein Engagement überdenken“, teilte das Kreditkarten-Unternehmen Visa mit und drückte seine „tiefe Enttäuschung und große Sorge“ aus.
Seine Besorgnis hinterlegte wiederholt auch Coca-Cola. „Diese lange Kontroverse befleckt die Mission und die Ideale der FIFA“, schrieb der Getränke-Riese laut der Nachrichtenagentur AFP. Auch der US-Fastfood-Gigant McDonald's nimmt die Vorgänge, die am Mittwoch den Weltverband schwer erschüttert hatten, „sehr ernst“. Der deutsche Sportartikelhersteller adidas betonte, sein Engagement fortsetzen zu wollen, sofern „Standards für Transparenz“ eingeführt werden. Der US-Konkurrent Nike teilte mit, die Ermittlungen der US-Behörden zu unterstützen.

Nach einem Amtshilfe-Ersuchen der US-Justizbehörde hatte die Schweizer Kantonspolizei in Zürich am Mittwochmorgen sieben hochrangige FIFA-Funktionäre (darunter zwei Vize-Präsidenten) verhaftet, denen im Rahmen eines US-Verfahrens Geldwäsche, die Annahme von Bestechungsgeldern sowie Korruption bei WM- und TV-Rechte-Vergaben vorgeworfen werden.

Brasiliens Präsidentin fordert genaue Untersuchung aller WM-Vergaben

Die brasilianische Staatspräsidentin Dilma Rousseff forderte in ihrer Reaktion die Untersuchung der Vergabe sämtlicher Endrunden von Weltmeisterschaften, darunter auch jener in ihrem Heimatland im vergangenen Jahr. „Jede Aufklärung in diesen Fragen ist sehr wichtig“, sagte die 67-Jährige am Mittwochabend in Mexiko-Stadt.

„Untersucht alle Weltmeisterschaften, den gesamten Fußball“, forderte Dilma. Dies könne nur zu einer Professionalisierung führen, auch Brasilien könne von einer solchen Untersuchung „nur profitieren“. Am Mittwoch war auch Jose Maria Marin verhaftet worden, früherer Präsident des brasilianischen Verbandes CBF.

Jack Warner, ehemaliger Präsident des Kontinentalverbands Nord- und Zentralamerika sowie der Karibik (CONCACAF), ist eine von 14 Personen, die angeklagt worden sind. Er soll im Zuge der Vergabe der Weltmeisterschaften 1998 an Frankreich und 2010 an Südafrika in Korruption verwickelt gewesen sein und sich persönlich bereichert haben.

Blatters Gegenkandidat ohne Chancen

Blatter kann sich in seinem Bemühen um eine fünfte Amtszeit der Stimmen der AFC und des CAF gewiss sein - dies reicht schon fast für die Mehrheit bei 209 Stimmberechtigten. Prinz Ali tritt wohl chancenlos an. Das portugiesische Fußball-Idol Luis Figo und der niederländische Funktionär Michael van Praag hatten ihre Kandidatur zurückgezogen.

Der CAF hat 54 Stimmen, die UEFA 53, die AFC 46. Weitere 35 entfallen auf den CONCACAF. Die südamerikanische Konföderation CONMEBOL hat zehn Stimmen, der Verband Ozeaniens elf.

sid/dpa

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