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Frank Mill im Interview: Nie vergessen, wo man herkommt

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Von: Ralf Ohm

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Ausgetanzt: Frank Mill umkurvt SCN-Torwart Szendzielorz und macht sein Tor beim 10:2-Erfolg des BVB. richard kasiewicz
Ausgetanzt: Frank Mill umkurvt SCN-Torwart Szendzielorz und macht sein Tor beim 10:2-Erfolg des BVB. richard kasiewicz © Richard Kasiewicz

In der 62. Minute war‘s so weit, wurde Frank Mill seinem Ruf als legendärer Strafraumstürmer gerecht. Am Fünfmeterraum angespielt ließ er Torwart Thomas Szendzielorc gekonnt aussteigen und schob zum 1:8 ein. Der Applaus der 1000 Zuschauer im Neukirchener Steinwaldstadion ließ erahnen, wie sehr sie darauf gewartet hatten.

Neukirchen - Keine Frage, der Essener Jung war einer der Stars im Dortmunder Traditionsteam, zum Anfassen. Einer, der sich nicht als solcher fühlt, wie der 63-jährige Unternehmer, der einige Fußballschulen betreibt, nach dem Spiel im Austausch mit den Fans sowie im HNA-Interview offenbarte.

Wie lief‘s heute bei Ihnen?

War anstrengend bei dieser Hitze, hat aber Spaß gemacht.

Sie sind seit 20 Jahren Mitglied der Traditionsmannschaft des BVB. Warum tun Sie sich das an mit 63 Jahren an, auf dem Platz zu stehen und gegen wesentlich jüngere Spieler mit wesentlich weniger Talent zu kicken?

Ich spiele einfach gerne Fußball. Außerdem haben wir viele nette Jungs in der Mannschaft, da wird viel geflachst. Diee Belastung ist dosiert. Ich bekomme da meine Pausen.

Wie erklären Sie sich Ihre dauerhafte Beliebtheit?

Natürlich freut es mich, wenn die Leute einen noch mögen. Und nur weil man mal ein erfolgreicher Fußballer war, muss man ja den Kopf nicht höher als andere tragen. Wichtig ist nie zu vergessen, wo man herkommt. Und ich komme aus einer Schrotthändler-Familie aus Essen.

Ihre fast 20-jährige Profikarriere wurde geprägt von vier Vereinen: RW Essen, Borussia Mönchengladbach, Borussia Dortmund und Fortuna Düsseldorf. An welchen denken Sie am liebsten zurück? Warum?

Düsseldorf am Ende meiner Karriere war sicherlich nicht so ganz mein Verein, die andern drei Stationen tun sich alle nichts. Essen war mein Heimatverein, bei Borussia Möchengladbach habe ich die Mannschaft aus den 70er Jahren mit Jupp Heynkes, Alan Simonsen und Ulrik Le Fevre bewundert …

Alles Stürmer wie Sie …

Aber mein Idol war George Best. Und was allgemein untergegangen ist, ist, dass ich trotz meiner nicht gerade großen Statur die Hälfte meiner Bundesligatore mit dem Kopf gemacht habe.

Und was hat Sie besonders am BVB gereizt?

Das Stadion und die Fans. Ich hatte dort eine tolle Zeit.

Trotzdem wären Sie von Mönchengladbach statt nach Dortmund fast nach Mailand gewechselt.

Stimmt. Der AC Mailand hat bei mir angeklopft, aber ich habe mich aus familiären Gründen gegen Italien entschieden. Das war im Nachhinein ein Fehler. Es wäre sicherlich spannend gewesen, ein anderes Land und seine Sprache kennen zu lernen.

Ganz spontan: An welche drei Spiele können Sie sich am besten erinnern?

An das Aufstiegsspiel von RW Essen gegen den Karlsruher SC. Wir hatten das Hinspiel mit 5:1 verloren und dann zu Hause 3:0 geführt. Da bebte das Stadion. Leider hat es am Ende nicht zum Aufstieg gereicht. Das im Elfmeterschießen verlorene Pokal-Finale mit Mönchengladbach 1984 gegen Bayern München und das gewonnene mit dem BVB 1989 gegen Bremen. In beiden Spielen habe ich ein Kopfballtor gemacht.

Sie sind Fußball-Weltmeister von 1990, fühlen sich aber nicht als solcher, weil Sie in Italien nicht eingesetzt wurden. Haben Sie Franz Beckenbauer verziehen, dass er Rudi Völler, Jürgen Klinsmann und Karlheinz Riedle vorzog?

Zunächst war ich schon etwas enttäuscht, aber das hat sich schnell gelegt. Wir hatten eine tolle Kameradschaft im Team und die gibt es heute noch. Denn wir treffen uns alle fünf Jahre.

Stürmer Ihrer Prägung mit soviel Torinstinkt und Raffinesse sind heute fast ausgestorben. Warum?

Es gibt immer weniger Strafraumstürmer. Die Spieler haben eine andere Ausbildung, müssen auf mindestens zwei Positionen spielen können und nach hinten mitarbeiten. Für mich war da spätestens an der Mittellinie Schluss.

Täte eine Renaissance dieses klassischen Stürmertyps dem aktuellen Fußball gut oder ist dafür überhaupt kein Platz?

Ich glaube nicht an eine Renaissance. Dazu wird zu viel Wert auf Athletik und Schnelligkeit gelegt. Meistens gibt es ja auch nur noch einen echten Stürmer und der hat kaum noch taktische Freiheiten, ist voll in das Passspiel seiner Mannschaft eingebunden. Ich wünschte mir, dass dieser mehr auf eigene Faust versucht.

Bilden Sie den in Ihrer Fußballschule aus?

Nein. Es handelt sich dabei auch mehr um Fußballspaßschulen für Kinder. Die sollen vom Computer weg und erst mal soziales Verhalten in der Gruppe und auf dem Platz lernen.

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