Verhandlung vor Verwaltungsgericht

Sollen Fußballvereine für Polizeieinsätze bei Risikospielen zahlen?

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Zu Fuß zum Auswärtsspiel: Fans des Hamburger SV marschierten im März 2019 zu Fuß in den Stadtteil St. Pauli zum Zweitligaspiel gegen den Stadtrivalen. Um Zusammenstöße mit Pauli-Fans zu verhindern, waren hunderte Polizisten beim Hochrisiko-Spiel im Einsatz.

Bei Fußball-Derbys wie zwischen Bremen und Hamburg sorgen unzählige Polizisten für Sicherheit. Sollen sich die Bundesligisten an den Kosten dafür beteiligen. Darüber streiten unsere Redakteure.

Vor dem höchsten deutschen Verwaltungsgericht in Leipzig begann am Dienstagmorgen die mündliche Verhandlung über einen Rechtsstreit zwischen dem Land Bremen und der Deutschen Fußballliga (DFL). Bremen fordert von der DFL Gebühren für zusätzliche Kosten eines Polizeieinsatzes bei einem Derby zwischen Werder Bremen und dem Hamburger SV vor vier Jahren. 

Die DFL klagte gegen diese Gebührenforderung von inzwischen 415.000 Euro. Sie hält die bundesweit einmalige Regelung im Gebühren- und Beitragsgesetz Bremens, auf die sich die Forderung stützt, für verfassungswidrig und die entsprechenden Gebührenbescheide daher für rechtswidrig.

Dazu ein Pro & Kontra unserer Nachrichtenredakteure Martina Hummel und Gregory Dauber.

Pro: Liga sollte nicht mehr jammern

Von Martina Hummel

Der Streit um die Kosten für Polizeieinsätze bei Fußballspielen schwelt seit Jahren. Zwar bemüht sich der Fußball, die Einsatzstunden der Polizisten zu reduzieren, aber der Einsatzbedarf ist trotz engagierter Fanprojekte nicht deutlich weniger geworden. Dies gilt von der Bundesliga bis in untere Spielklassen.

Deshalb ist ein Obolus für Polizeieinsätze im Millionengeschäft Fußball nicht nur wünschenswert, sondern überfällig – etwa in Form eines Fonds, den alle Liga-Vereine gemeinsam füllen. Betrachtet man nur die rechtliche Seite, ist die Polizei für die Sicherheit bei Großereignissen verantwortlich, aber Gesetze kann man anpassen.

Denn es kann nicht sein, dass Polizisten unzählige Überstunden vor sich herschieben, an anderer Stelle aber fehlen. Wenn zugleich die Allgemeinheit nach mehr Poilizisten ruft und dafür auch aufkommen soll, während im Gegenzug noch nicht einmal die Bundesliga im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu sehen ist. Weil die vor Millionen strotzende Fußball-Lobby die Rechte an Bezahlsender verhökert hat. Die DFL beruft sich gern darauf, dass es nicht rechtens sei, wenn der Staat für Polizei-Großeinsätze bei Fußballspielen Geld verlangt. Denn er schütze ja auch Demonstrationen.

Das Gegenteil ist richtig: Es ist rechtswidrig, kein Geld zu verlangen. Der Unterschied liegt darin, dass sich beim Fußball Liga, Vereine und Spieler die Taschen voll machen, während eine Demonstration in der Regel eine Non-Profit-Veranstaltung ist und ein wesentliches Element gelebter Demokratie.

Fußball ist ein Riesengeschäft: In der Saison 2017/18 hat zum Beispiel Borussia Dortmund 28,5 Millionen Euro Gewinn gemacht. Der Polizeieinsatz von 1000 Polizisten bei einem Hochrisikospiel wird im Schnitt mit 300.000 Euro angesetzt. Angesichts dieser Summe sollten die Vereine nicht jammern, sondern sich für den Einsatz bedanken.

Dieser Beitrag stammt von der Video-Plattform Glomex und wurde nicht von HNA.de erstellt.

Kontra: Vereine anders in die Pflicht nehmen

Von Gregory Dauber

Emotionen beim Fußball führen nicht immer zu farbenfrohen Festen – das ist leider immer dann zu beobachten, wenn es zu gewaltsamen Zusammenstößen zwischen rivalisierenden Fans kommt. Dann ist die Polizei gefragt, die eingreifen muss. 

Denn der Staat allein sorgt für Recht und Ordnung auf unseren Straßen. Und weil er dieses Recht, nämlich seine Gesetze durchzusetzen, aus gutem Grund als einziger innehat, muss er dafür auch die Kosten tragen. Genauso wie er es etwa beim Oktoberfest oder bei Karnevalsumzügen tut, ohne das jeder Steuerzahler daran teilnimmt. 

Dieser Dienst ist demnach ein Dienst an der Allgemeinheit. Es ist zwar nur ein Bruchteil der Anhänger, der – wenn überhaupt – einen Polizeieinsatz notwendig macht. Von der dadurch gewonnenen Sicherheit profitieren aber nicht nur unbescholtene Stadiongänger, sondern auch Anwohner in Stadionnähe und Reisende am Bahnsteig.

Sicherheit ist keine optionale Dienstleistung, die der Staat auf Rechnung anbieten kann. Sie ist für alle da, ohne Wenn und Aber. Wir alle wollen sicher leben, dafür zahlen wir Steuern. Dass wir nicht immer auch persönlich etwas davon haben, liegt in der Natur der Sache. Übrigens zahlen auch Fußballvereine Steuern auf ihre Gewinne und sind so Teil dieses gemeinschaftlichen Systems. 

Die Klubs sind letztlich nicht dafür verantwortlich, wenn es zu Ausschreitungen kommt – denn es sind gesellschaftliche Probleme, die jedoch beim Fußball konzentriert zutage treten. Das heißt nicht, dass die Klubs damit nichts zu tun haben. Sie stecken mittendrin. 

Aber sie müssen auf anderem Wege verpflichtet werden, zu einem friedlichen Stadionerlebnis beizutragen. Das Geld wäre an anderer Stelle besser aufgehoben: Die Fansozialarbeit behandelt nicht nur kurzfristig Symptome, sondern schafft gesellschaftlichen Mehrwert. Der Staat sollte sich das integrative Potenzial des Fußballs zunutze machen.

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