EM 2016

Vom Hoffnungsträger zum Sorgenkind: Alaba gibt Rätsel auf

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David Alaba suchte nach der Auswechslung Trost bei seinem Vater.

Mallemort - Es sollte die EM des David Alaba werden. Doch bislang läuft der Star der Österreicher seiner Form hinterher. Die Zeitungen in der Alpenrepublik sorgen sich um den Bayern-Profi. Doch der Teamchef hält weiter zu ihm.

Kurz vor der EM war die Welt des David Alaba noch in Ordnung. Zusammen mit Marko Arnautovic scherzte und blödelte der Star der österreichischen Nationalmannschaft bei einer Pressekonferenz im Quartier im kleinen Provence-Städtchen Mallemort. Alaba sprach über seine Rolle als Team-DJ, Frisuren und die Freude, erstmals bei einer Großveranstaltung dabei zu sein. „Ich traue uns einiges zu“, sagte der Spaßvogel von Bayern München voller Selbstvertrauen.

Zwei EM-Spiele später ist dem stets fröhlichen und zu Scherzen aufgelegten Alaba die gute Laune jedoch vergangen. Der 23-Jährige steht bei den mit großen Hoffnungen zur Fußball-Europameisterschaft nach Frankreich gereisten Österreichern massiv in der Kritik. Die „Kronen Zeitung“ bezeichnete Alaba nach dem 0:0 gegen Portugal sogar als „Totalversager“, die Boulevard-Zeitung „Österreich“ fragte besorgt: „Was ist nur los mit Star Alaba?“

Sowohl gegen Ungarn als auch gegen Portugal blieb Alaba weit unter seinen Möglichkeiten. Gegen die Portugiesen nahm ihn Trainer Marcel Koller sogar in der 65. Minute vom Feld. Eine Majestätsbeleidigung, die vor der EM niemand für möglich gehalten hätte. Dementsprechend angefressen reagierte Alaba auch, schaute seinen Coach bei der Auswechslung völlig entgeistert an. „Ich weiß nicht, warum mich der Trainer rausgenommen hat“, sagte der Münchner später in der ARD. Verletzt sei er auf jeden Fall nicht gewesen.

Dafür jedoch ziemlich schwach. Gerade einmal 29 Ballkontakte hatte der Taktgeber des Teams, für ihn enttäuschende knapp 60 Prozent seiner Pässe fanden den Mitspieler. „Er irrte durch den Prinzenpark, lieferte das schwächste Länderspiel seiner Karriere ab“, schrieb die Tageszeitung „Der Standard“.

Alaba ist innerhalb von einer Woche vom Hoffnungsträger zum großen Sorgenkind geworden. Der Bayern-Profi ist der einzige Spieler von Weltklasse-Format im österreichischen Team, das bei seiner zweiten EM-Teilnahme unbedingt ins Achtelfinale will. Dementsprechend groß ist die Erwartungshaltung an Alaba.

Doch der Double-Gewinner tut sich schwer, seine Rolle zu finden. Während er bei den Bayern meist als Außenverteidiger spielt, soll er im Austria-Team eine zentralere Rolle einnehmen. Größtenteils im defensiven Mittelfeld an der Seite von Julian Baumgartlinger. Gegen Portugal sogar auf der Spielmacher-Position als Ersatz für den verletzten Bremer Zlatko Junuzovic.

Sein Hund heißt Rudi! Diese Spieler könnten bei der EM voll durchstarten

EM besondere Spieler
UNGARN - Gabor Kiraly (40, Tor, Szombathelyi Haladas) - Mitunter doppelt so alt wie seine Mitspieler. Könnte Lothar Matthäus als ältesten Spieler der EM-Geschichte ablösen. Wird wieder seine tief hängende Jogginghose schlabbern lassen, die schon manchen Beinschuss verhindert hat. "Ich trage sie immer eine Nummer zu groß", sagt er: "Ich bin kein Supermodel. Mein Job ist es, Bälle zu halten." Das kann er auch mit 40 noch. © dpa
EM besondere Spieler
ENGLAND - Jamie Vardy (29, Sturm, Leicester City) - Die Geschichte eines wundersamen, blitzschnellen Aufstiegs von der 8. Liga zu den Three Lions. Musste einst mit Fußfessel spielen, fesselt jetzt seine Fans. Als Torschützenkönig eine Hauptfigur des Märchens von Leicester City, eines Sammelbeckens für Talente und Gescheiterte, die aus dem Nichts Meister wurden. Kaum jemand außerhalb Englands hat Vardy spielen sehen. Das ändert sich jetzt. Es wird Zeit. © dpa
EM besondere Spieler
WALES - Joe Allen (26, Mittelfeld, FC Liverpool) - Andrea Pirlo fehlt. Als Passgenie, als italienische Stil-Ikone, die morgens nur einmal schnell mit den Fingern durchs Haar schüttelt und schon perfekt aussieht. Immerhin: Es gibt Joe Allen! "The Welsh Pirlo" nennen sie den Mann. "Großartiger Bart, großartiger Haarschnitt, großartiger Typ", sagt sein Kapitän Ashley Williams. Damit ist alles gesagt. Der echte Pirlo fehlt trotzdem. © AFP
EM besondere Spieler
SPANIEN - Nolito (29, Sturm, Celta Vigo) - Ein Phänomen. Manuel Agudo Durán, so der echte Name, bringt den "Rock'n'Roll zwischen die Violinen", sagt der frühere Nationalspieler Kiko Narváez. Wuchs bei seinen Großeltern auf, weil seine Mutter im Gefängnis saß. Bietet neben den "falschen Neunern" und Pass-Maschinen den Instinkt, Straßenfußball, Kampf. Ist 29 und spielt in der Provinz bei Celta Vigo. Spätstarter gegen alle Widerstände. Vier Tore in neun Länderspielen. © AFP
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BELGIEN - Radja Nainggolan (28, Mittelfeld, AS Rom) - Blondierter Irokesen-Schnitt, Gesicht eines Kriegers, und: Tattoos, Tattoos, Tattoos. Eine riesige Rose vorne und Flügel mit Herz hinten auf dem Hals (für die verstorbene Mama), eine Schlange über den gesamten Bauch, Sinnsprüche, Verschnörkeltes, Geheimnisvolles, Namen, überall. Sieht auch mit nacktem Oberkörper aus, als trage er ein buntes T-Shirt. Spielt übrigens in Italien bei AS Rom. Und: Sein Hund heißt Rudi. © AFP
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PORTUGAL - Renato Sanches (18, Mittelfeld, Benfica Lissabon, bald Bayern München) -Rastalocken, beeindruckend muskulöser Körper, jetzt schon ein Fels. Eines der größten Talente Europas. Bayern München zahlt für den 18-Jährigen mindestens 35 Millionen Euro. Trank auf der Meisterfeier von Benfica Lissabon eine Dose Bier vor laufenden Kameras aus, ohne abzusetzen. Feierte dann mit Hut, aber ohne Hose weiter. © AFP
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RUSSLAND - Roman Neustädter (28, Abwehr, Schalke 04) - Heißt Roman Petrowitsch Neustädter. Geboren in Dnjepropetrowsk (heute Ukraine). Bis 2016 deutscher Staatsbürger, wurde am 30. Mai offiziell Russe, um bei der EM spielen zu können. Musste daraufhin unverhofft seinen deutschen Pass abgeben. Spricht fließend russisch. Schrieb vor kurzem bei Instagram: "Falls du ein Rassist oder homophob bist, verpiss dich von meinem Account!" Spielt jetzt dennoch für das Land Wladimir Putins. Sagt dazu: "Das ändert nichts an meiner privaten Meinung." © dpa
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ALBANIEN - Taulant Xhaka (28, Mittelfeld, FC Basel) - Das Duell mit der Schweiz wird ohnehin ein Spiel von Albanien gegen Albanien II, doch Xhaka verleiht ihm noch eine besondere Note. Taulant, 25, geboren in Basel, spielt gegen seinen Bruder Granit, 23, geboren in Basel. Taulant spielt für Albanien, Granit Xhaka, der von Borussia Mönchengladbach zum FC Arsenal wechselt, entschied sich für die Schweiz. Er spielt am 11. Juni gegen seinen Bruder - und das Heimatland seiner Eltern. © AFP
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NORDIRLAND - Will Grigg (24, Sturm, Wigan Athletic) - Es gibt kein Entkommen. "Der Song ist überall", sagt Grigg, wenn er von "seinem" Lied spricht. Seit Sean Kennedy, Fan von Wigan Athletic, den Hit "Freed from desire" der italienischen Sängerin Gala auf ihn umgeschrieben hat, gibt es kein Halten mehr. In den britischen Download-Charts stand "Will Grigg's on fire" sogar auf Platz sechs - vor Adele, Justin Bieber oder Coldplay. © AFP
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UKRAINE - Andrej Jarmolenko (26, Mittelfeld, Dynamo Kiew) - Verlor Anfang Mai vollkommen die Nerven. Mit einem üblen Tritt gegen Taras Stepanenko, Schachtjor Donezk, löste er eine Massenschlägerei auf dem Platz aus. Die Atmosphäre zwischen den Klubs ist nun vergiftet - aber zusammen stellen die Rivalen nicht weniger als 11 EM-Spieler. Darunter, im Mittelfeld, selbstverständlich: Jarmolenko und Stepanenko. © 
EM besondere Spieler
ISLAND - Kolbeinn Sigthorsson (26, Sturm, FC Nantes) -  Siegtor durch Sigthorsson! Ein Fest für Journalisten, Twitterer, Wortspielfreunde in Deutschland. Erzielte tatsächlich schon anständige 19 Tore in 38 Länderspielen. Spielt in Frankreich beim FC Nantes, auch deshalb interessant. Von Ausgleichsson, Führungsthorsson oder Eigenthorsson ist bisher nichts bekannt. © 

Vor dem Turnier hatte Alaba noch getönt, dass er damit kein Problem habe. „Ich denke, dass ich schon öfters gezeigt habe, dass ich ein flexibler Spieler bin“, sagte der fünfmalige Fußballer des Jahres. Eigentlich will er die EM nutzen, um dem neuen Bayern-Coach Carlo Ancelotti zu zeigen, dass er auch als Sechser, auf der wichtigsten Position des modernen Fußballs, internationales Top-Niveau verkörpert. „Ich will mich auf dieser Position bei dem Turnier beweisen“, hatte Alaba gesagt.

Ein Unterfangen, das bislang schief ging. Doch Koller nimmt Alaba in Schutz. „David hat in diesem Kader im vergangenen halben Jahr die meisten Spiele gemacht. Er hat über 2000 Minuten gespielt“, sagte der Teamchef. Er wird deshalb auch am Mittwoch im entscheidenden Gruppenspiel gegen Island wieder auf seinen einzigen Superstar vertrauen. „Er ist ein Spieler, der alles draufhat“, sagte der Schweizer. „Er ist ein Spieler, den wir brauchen, der sehr wichtig ist. Da muss er sich absolut keinen Kopf machen“, sagte Koller. Teamkollege Stefan Ilsanker von RB Leipzig meinte am Montag, Alaba sei „der beste Spieler seit ewigen Zeiten in Österreich“. Worte, die die Laune des Bayern-Stars wieder etwas verbessern dürften. Alle Ereignisse von der EM 2016 finden Sie in unserem Live-Ticker vom Montag.

dpa

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