„Dort muss wieder Leben rein": Fußball-Funktionär Rolf Hocke im Interview

Gesucht: der neue Präsident des Deutschen Fußball-Bundes. Derzeit bleibt der Parkplatz vor der Zentrale in Frankfurt frei. Foto: dpa

Kassel. Der deutsche Fußball durchlebt eine turbulente, mitunter dramatische Zeit. Ein Gespräch mit Rolf Hocke aus Wabern, Vorstandsmitglied des Deutschen Fußball-Bundes, über das abgesagte Länderspiel und den Skandal im Verband.

Herr Hocke, Sie waren am Dienstag auch in Hannover und haben die Absage des Länderspiels vor Ort erlebt. Wie haben Sie die Situation empfunden? 

Hocke: Es war schon beängstigend. Unser Hotel befand sich ganz in der Nähe des Stadions. Als die Absage bekannt wurde, waren wir noch im Zimmer. Kurze Zeit später waren mehr als 100 Feuerwehrleute zu sehen, Mitarbeiter des Roten Kreuzes, Notärzte. Die Hotelgäste kamen nicht mehr weg: weder mit dem Auto noch zu Fuß.

DFB-Interimspräsident Reinhard Rauball sprach anschließend davon, dass der Fußball in vielen Facetten eine andere Wendung bekomme. Wie interpretieren Sie diese Aussage? 

Hocke: Ich habe sie so verstanden, dass uns nach den Ereignissen in Paris und nun in Hannover vor Augen geführt worden ist, dass es Wichtigeres gibt als Fußball und dass der Blick auf den Fußball sich wieder relativiert. Und natürlich spielt jetzt der Sicherheitsaspekt eine größere Rolle beim Stadionbesuch. Das spürt jeder: Ich werde am Wochenende die Bundesligapartie in Frankfurt gegen Leverkusen besuchen - das tue ich auch mit gemischten Gefühlen.

Arsene Wenger, der Trainer von Arsenal London, hat davon gesprochen, dass die Deutschen mit der Absage überreagiert hätten. Hat er recht? 

Hocke: Ich kann verstehen, dass man zu dieser Meinung kommen kann, weil bisher nicht konkret nachgewiesen worden ist, ob eine erhöhte Gefahrenlage bestand. Aber im Zweifelsfall gehen die Sicherheit und der Schutz der Menschen vor. Deshalb hüte ich mich davor, Kritik an der Absage zu üben - zumal das Spiel rein sportlich keine Bedeutung hatte.

Es hatte aber einen Symbolcharakter. Ist es vom ideellen Wert her womöglich überhöht worden?

Hocke: An dieser Meinung könnte etwas sein, weil man mit aller Macht versucht hat, ein Zeichen zu setzen - trotz der ursprünglichen Bedenken von Bundestrainer Joachim Löw und Manager Oliver Bierhoff. Jetzt wissen wir: Es hat nicht funktioniert.

Ist der Fußball gegen solche Einflüsse machtlos? 

Hocke: Zumindest ist er abhängig, weil andere Aspekte hereinspielen, die nicht unser Kerngeschäft betreffen. Für die Sicherheit sind in erster Linie Politik und Polizei zuständig. Aber das macht auch deutlich, wie sehr der Fußball in der Gesellschaft verankert ist. Jetzt müssen sich alle zusammen der Situation stellen.

Fernab davon muss der Deutsche Fußball-Bund die hauseigenen Probleme bewältigen. Am Dienstag haben die Chefs der Länderverbände Reinhard Grindel als ihren Kandidaten für das Amt des Präsidenten vorgestellt. Prompt gibt es heftigen Widerstand aus dem Profibereich. Droht jetzt die Zerreißprobe? 

Hocke: Den Widerstand des Ligaverbandes, der die Profis repräsentiert, habe ich erwartet, und ich habe auf unserer Sitzung am Dienstag auch gefragt, ob es nicht im Vorfeld Absprachen über einen von allen Seiten unterstützten Kandidaten gegeben habe. Das war leider nicht der Fall. So waren wir Länderchefs gezwungen, uns zu positionieren.

Musste das so früh sein? 

Hocke: Über den Zeitpunkt lässt sich sicher streiten, zumal mit dieser Personalie untergegangen ist, was unser eigentliches Ziel ist: die schonungslose Aufklärung des Skandals rund um die WM-Vergabe 2006. Sie muss absolute Priorität haben. Nur: Ein so großer Verband wie der DFB kann es sich auch deshalb nicht leisten, ohne einen Präsidenten auszukommen.

Mir ist das erst kürzlich bewusst geworden, als ich in unserer Zentrale in Frankfurt war: Das Büro des Präsidenten war verwaist, die Zimmer daneben ebenso, es ging kein Telefon - nichts. Das war gespenstisch. Dort muss wieder Leben rein, zumal viele Mitarbeiter fernab der Chefetage verunsichert sind und wir eine Menge Aufgaben zu bewältigen haben.

Die EM 2016 steht an, der Bau der Fußball-Akademie in Frankfurt muss trotz aller Widerstände vorangetrieben werden. Mit einem Investitionsvolumen von 100 Millionen Euro ist er auch kein Pappenstil. Dafür brauchen wir wieder einen immer ansprechbaren Chef.

Was zeichnet Reinhard Grindel für diesen Job aus? 

Hocke: Er ist seit zwei Jahren Schatzmeister bei uns. Er hat in dieser Funktion einen absolut souveränen Eindruck hinterlassen. Er hat als Journalist das ZDF-Büro in Brüssel geleitet, er ist Jurist und seit Langem Abgeordneter des Bundestages. Das ist also ein Lebenslauf, der sich sehen lassen kann. Und Erfahrung als Funktionär im Fußball hat er auch schon im niedersächsischen Landesverband gesammelt.

Trotzdem stellt sich die Frage, ob der Verband nicht auch über eine Strukturänderung nachdenken muss und einen hauptamtlichen Präsidenten installiert. 

Hocke: Diese Überlegungen gibt es - und es ist auch nicht verkehrt, sich über solche Modelle Gedanken zu machen, die auch noch einen Aufsichtsrat wie in der freien Wirtschaft beinhalten. Nur: Erstens gibt das auch keine Garantie, dass solche Skandale wie der aktuelle in Zukunft ausbleiben. Und zweitens haben wir eigentlich genügend Kontrollmechanismen wie zum Beispiel die Revisionsstelle.

Zum Schluss: Ist für Sie das Sommermärchen nachhaltig beeinträchtigt? 

Hocke: Nein, überhaupt nicht. Das vollkommen misslungene Krisenmanagement nach Bekanntwerden der dubiosen Zahlung von 6,7 Millionen Euro ändert daran nichts. Man hätte gleich sagen müssen, was Sache ist.

Zur Person:

Rolf Hocke (73) kommt aus Wabern (Schwalm-Eder-Kreis). Er war früher Torwart des KSV Hessen Kassel. Als Funktionär war der frühere Leiter der Arbeitsagentur Fritzlar zwischenzeitlich Präsident des Süddeutschen Fußball-Verbandes und Vize-Präsident des DFB, ehe er die Altersgrenze für dieses Amt überschritt. Heute ist er unter anderem noch Chef des Hessischen Fußball-Verbandes. Hocke ist verheiratet und hat eine Tochter.

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