Porträt über Fußball-Legende

Kicker-Gründer Walther Bensemann - der Pionier „in Narrentracht“ und „Ur-Vater“ des süddeutschen Fußballs

Die selbst ernannte „Meister-Mannschaft“ der Karlsruher Kickers 1895. Sitzend in der Mitte Walther Bensemann (mit Ball), links Ivo Schricker. Dieses  zierte auch die Titelseite der ersten Kicker-Ausgabe.
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Die selbst ernannte „Meister-Mannschaft“ der Karlsruher Kickers 1895. Sitzend in der Mitte Walther Bensemann (mit Ball), links Ivo Schricker. Dieses zierte auch die Titelseite der ersten Kicker-Ausgabe.

Als Walther Bensemann am 14. Juli 1920 in Konstanz die erste Ausgabe des „Kicker“ herausbrachte, hatte er bereits ein bewegtes Fußballer-Leben hinter sich. Als „anerkannten Ur-Vater der Fußball-Bewegung in Süddeutschland“ bezeichnet ihn etwa der Göttinger Bernd Beyer, Autor mehrer Bücher über Walther Bensemann.

  • Walther Bensemann gründete vor genau 100 Jahren das Sportmagazin Kicker
  • Im 19. Jahrhundert brachte Bensemann, einer der wichtigsten Pioniere des Fußballs hierzulande, den Fußballsport nach Süddeutschland
  • In Erinnerung blieb Walther Bensemann als Vorreiter für die Idee des Fußballs als Mittel zur Völkerverständigung

Nürnberg - „Der Sport ist eine Religion, ist vielleicht heute das einzige wahre Verbindungsmittel der Völker und Klassen“, schrieb Walther Bensemann 1930 in der von ihm zehn Jahre zuvor gegründeten Sportmagazin Kicker. Fußball ohne Fair-Play und Toleranz war für ihn unvorstellbar. Und der Kicker diente ihm als Sprachrohr, mit dem er auch die gesellschaftlichen Aspekte des Fußballs thematisieren konnte.

Dass er sich mit seinen Leitartikeln Verhör verschaffen konnte, lag auch daran, dass er im Gründungsjahr 1920 bereits ein angesehener Pionier des Fußballs in Deutschland war und sich in seinem 30-jährigen Wirken ein Netz internationaler Kontakte aufgebaut hatte. Anlässlich des 100. Jahrestages der Erstausgabe des Kicker am 14. Juli 1920 blicken wir zurück auf das außergewöhnliche Leben seines Gründers Walther Bensemann.

Kicker-Gründer Walther Bensemann: Geld für Trikots und Bälle

Alles begann 1887: Walther Bensemann war gerade 14 Jahre alt, als der Sohn einer Berliner Bankiersfamilie mit Mitschülern im schweizerischen Montreux seinen ersten Fußballclub gründete. Wenig später verließ die Familie Bensemann die Schweiz in Richtung Karlsruhe, wo das Fußballspiel noch vollkommen unbekannt war. Das sollte sich mit Walthers Ankunft jedoch schnell ändern. Die badische Residenzstadt entwickelte sich nun zu einer deutschen Fußball-Hochburg.

Schon als Schüler nutzte Bensemann seinen finanziellen Background – er entstammte einer jüdischen Bankiersfamilie – zur Popularisierung des Fußballs, beispielsweise, indem er Bälle aus der Schweiz beschaffte. Auch später steckte er fast all sein Geld in den Fußball, wie Bernd Beyer, Autor mehrerer Bücher über Walther Bensemann, sagt. Trikots, Bälle oder Fahrten zu Spielen kosteten im 19. Jahrhundert viel Geld, das Bensemann freigiebig zur Verfügung stellte. Er gab auch Feste für höhere Gesellschaftsschichten, um seine Begeisterung für den Fußball zu teilen, berichtet Beyer. Schon bald sei Bensemann so zum „anerkannten Ur-Vater der Fußball-Bewegung“ in Süddeutschland geworden.

Walther Bensemann als 14-jähriger Schüler in Montreux.

Egal wo er war, Bensemann schaffte es überall, eine Unmenge an Jugendlichen für den Fußball zu begeistern. „Es ging dabei hauptsächlich um junge Männer aus dem Bürgertum. Sie gaben sich modern im Sinne einer Jugendkultur. Vor allem im Vergleich mit den konservativen Turnern fühlten sie sich hipper, wie man heute sagen würde“, erklärt Beyer. Turnen war im 19. Jahrhundert der Sport, der von der deutsch-national gesinnten Öffentlichkeit propagiert wurde, während Fußball als „englische Modetorheit“ verschrien war. So ist Walther Bensemanns Spitzname zu Karlsruher Zeiten – „der Engländer in Narrentracht“ – weniger als augenzwinkernder Seitenhieb, sondern als handfeste Beleidigung zu verstehen.

Bensemann ließ sich davon allerdings nicht beeinflussen. 1891 gründete er mit dem Karlsruher FV (Deutscher Meister 1910, acht Mal süddeutscher Meister) den ältesten noch bestehenden Fußballverein Süddeutschlands. Noch legendärer wurden die Karlsruher Kickers, die nur von 1893 bis 1895 existierten, sich aber als „Meistermannschaft des Kontinents“ bezeichneten und zum Vorbild für viele deutsche Clubs wurden. Star der Kickers war Ivo Schricker. Mit dem späteren ersten Generalsekretär der FIFA verband Bensemann eine lebenslange Freundschaft.

Kicker-Gründer Walther Bensemann: Wichtige Gründungen

1892 begann Walther Bensemann mit dem Studium, das er jedoch nicht besonders ernst nahm. Lieber tingelte er durch süddeutsche Städte und war an zahlreichen Vereinsgründungen beteiligt. 1899 begründete er die Frankfurter Kickers, für die er selbst noch spielte, und aus denen nach mehreren Fusionen im Jahr 1920 die Frankfurter Eintracht entstand. Bereits 1897/98 hatte er eine Fußballabteilung beim MTV München initiiert, die sich 1900 aus dem Hauptverein herauslöste und fortan unter dem Namen „Bayern München“ firmierte.

Auch an der Gründung des DFB im Jahr 1900 war Bensemann als Vertreter mehrer Karlsruher und Mannheimer Vereine beteiligt. In den 1890er Jahren bewies Bensemann sein fußballerisches Talent zudem auf dem Spielfeld und galt als einer der prägendsten Figuren jener Zeit in Deutschland.

Wir sprachen mit Bernd Beyer, Autor mehrerer Bensemann-Bücher, über den Pionier des deutschen Fußballs. Beyer (69) war jahrelang verantwortlicher Lektor des Göttinger Sportbuchverlages „Die Werkstatt“.
Hätte sich der Fußball in Deutschland ohne Walther Bensemann ähnlich entwickelt?
Walther Bensemann hat wesentlich daran mitgewirkt, dass der Fußball in Deutschland das Turnen als Leitsportart abgelöst hat. Mit seinem kosmopolitischen Verständnis des Spiels musste er spätestens 1933 scheitern. Dennoch bildet diese Haltung einen positiven Traditionsstrang im deutschen Fußball.
Welches Ziel verfolgte Bensemann mit der Gründung des Kicker?
Er wollte den Fußball gesellschaftsfähig machen und zeigen, dass man auch mit literarischer Qualität über den Fußball schreiben kann. Inhaltlich verstand er sein Blatt als „Symbol der Völkerversöhnung durch den Sport“. Dabei versuchte er, seine ethischen Vorstellungen einzubinden: Fair-Play, Toleranz, Altruismus – das waren für ihn fundamentale Werte.
Was zeichnete Walther Bensemanns Glossen aus?
Das war oft ein wilder Mix aus Spielbericht, Reisebericht, Treffen mit bekannten Persönlichkeiten, Verbandskritik und Reaktionen auf Leserzuschriften. Sie sind faszinierend zu lesen, weil sie mit großer Formulierkunst geschrieben wurden.
Bernd Beyer veröffentlichte im Göttinger werkstatt-Verlag mehrere Bücher über Walther Bensemann und gilt als anerkannter Bensemann-Experte.

Weit mehr als seine Taten auf dem Spielfeld, machten Walther Bensemann die Leistungen abseits des Balles unsterblich. Er betonte die sozialpolitische Aufgabe des Fußballs, den er dazu im Stande sah, den „klaffenden Gegensatz der Stände“ zu mildern, und dem er attestierte „die Begriffe der Freiheit, der Toleranz, der Gerechtigkeit im inneren Sportleben, des Nationalgefühls ohne chauvinistischen Beigeschmack dem Auslande gegenüber zu wahren“, wie er 1900 schrieb.

Schon vor dem Ersten Weltkrieg verfasste Bensemann Zeitungsartikel über die soziale und politische Rolle des Fußballs. Zu dieser Zeit war er als Lehrer in England tätig. Eher ungewollt – der Ausbruch des Krieges 1914 verhinderte eine Rückkehr nach Großbritannien – wurde Bensemann im journalistischen Bereich heimisch.

Kicker-Gründer Walther Bensemann: Krieg verhinderte Rückkehr nach England

Der Krieg ließ Bensemann endgültig zum Pazifisten und Anti-Nationalisten werden. „Auf den Geburtsort eines Menschen kommt es so wenig an, wie auf den Punkt, von wo er in den Hades fährt“, notierte er 1920. Im selben Jahr gründete Bensemann in Konstanz die Fachzeitschrift Kicker, die am 14. Juli erstmals erschien. Der Beginn war von enormen Schwierigkeiten geprägt. Nach mehreren Umzügen fand der Kicker im Jahr 1925 seine endgültige Heimat in Nürnberg.

Trotz Bensemanns kritischen oder polemischen Leitartikeln, die er „Glossen“ nannte, konnte sich das Fachmagazin gegenüber der Konkurrenz etablieren. Dank seines umfangreichen Netzwerks verfügte Bensemann über profunde Auslands-Korrespondenten, deren Spielberichte der Zeitung ein ganz eigenes Profil bescherten.

Kicker-Gründer Walther Bensemann: charmant und streitlustig

Bensemann bezog im Sportmagazin Kicker dezidiert Stellung und sparte nicht an Kritik am nationalen Kleingeist der Deutschen. Bis zur Machtergreifung der Nazis 1933 blieb Walther Bensemann in Nürnberg, ehe er nach Montreux emigrierte. Hier, wo seine Leidenschaft für den Fußball entfacht worden war, verstarb Bensemann 1934 unbeachtet von der deutschen Öffentlichkeit. Vereinzelt wurde im Nachkriegsdeutschland der Versuch unternommen, Bensemanns Verdienste zu würdigen. Auf großes Interesse stießen sie zunächst nicht.

Bensemann hatte keine Nachkommen, er hat nie geheiratet und es gibt auch keine Hinweise auf eine Liebespartnerschaft. Walther Bensemanns Charakter beschrieben Zeitgenossen mit den Attributen Sprachgewandtheit, charmante Großspurigkeit, Streitlust und Tatendrang. Er soll ein guter Gastgeber und Unterhalter gewesen sein, aber auch stark melancholische Züge gehabt haben. Kritisiert wurde er immer wieder für ausschweifende Feierlichkeiten und seinen allzu lockeren Umgang mit Geld. In Erinnerung sollte Walther Bensemann aber als Pionier einer Idee des Fußballs als Mittel zur Völkerverständigung bleiben.

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