"Zeig der Welt, dass du besser als Messi bist!"

Wie im Fußball-Märchen: Tipp aus Nordhessen machte Deutschland zum Weltmeister

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Geheime Botschaft: In der 88. Minute des WM-Finales bekommt Mario Götze (links) von Bundestrainer Jogi Löw gesagt, dass er der Welt zeigen soll, dass er besser als Messi ist.

Ohne Claus-Peter Niem aus Bad Wildungen wäre Deutschland 2014 vielleicht nicht Fußball-Weltmeister geworden. Der Lehrer gab Jogi Löw den entscheidenden Tipp. Dies ist seine unglaubliche Geschichte.

Das Götze-Zitat

Am 12. Juli 2014 klingelte im Bad Wildunger Stadtteil Reinhardshausen das Handy von Claus-Peter Niem. Wie alle vier Wochen besuchte der Lehrer und Autor aus Dortmund seine Eltern in Nordhessen. Diesmal freute er sich auf das Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft, das Deutschland und Argentinien am nächsten Tag in Rio de Janeiro bestreiten sollten. Und der Anruf war nicht ganz unwesentlich für den Ausgang des Finales, wie sich 24 Stunden später herausstellen sollte.

Am Telefon war Peter Hyballa, einer der kreativsten und schrägsten Typen des deutschen Fußballs. Als Coach hatten Niem und seine Kollegin Karin Helle immer wieder mit dem ehemaligen Trainer von Alemannia Aachen zusammengearbeitet. Nun fragte er Niem: "Habt ihr Kontakt zu Jogi?" Mit Nationaltrainer Jogi Löw war das Duo in der Vergangenheit immer wieder in Kontakt gewesen.

Hyballa bat Niem, Löw den entscheidenden Tipp zu geben. Als Nachwuchstrainer von Borussia Dortmund hatte der 42-Jährige einst das Wunderkind Mario Götze betreut, das bei der WM hinter den Erwartungen zurückgeblieben war. Hyballa glaubte zu wissen, wie man den sensiblen Ausnahmekicker motiviert. Im November 2008 hatte er ihn nach schwachen Trainingsleistungen in einem A-Jugendspiel in Bochum 45 Minuten auf der Bank schmoren lassen. Nach dem Seitenwechsel schickte er ihn mit den Worten auf den Platz: "Jetzt zeig mal allen, dass du das Wunderkind bist." Prompt machte Götze aus einem Rückstand einen 4:3-Sieg der Borussen.

Diesen Ratschlag Hyballas sollte Niem nun nach Brasilien weiterleiten. Niem schrieb aus Reinhardshausen tatsächlich eine SMS an Löw: "Wenn du Götze in einer engen Situation von der Bank bringen kannst, ihn anstachelst: ,Zeig der Welt endlich einmal, dass du besser als Messi bist, dass du das Wunderkind bist!', wird er den Unterschied machen." Der Rest ist Geschichte.

Der Lehrer

Löw wechselte Götze in der 88. Minute ein, und zwar mit dem Satz: "Zeig der Welt, dass du besser als Messi bist!" Der Dortmunder, der damals für Bayern München spielte, erzielte in der 113. Minute den 1:0-Siegtreffer. Gegenüber Journalisten sagte Löw später: "Der Satz fiel mir spontan ein." Bei Niem hatte er sich aber am Vorabend per SMS für den Tipp bedankt.

Niem hat die Geschichte lange für sich behalten. Er erzählte sie erst im Buch "One touch". Darin erklären er und Helle, "was Führungskräfte vom Profifußball lernen können", wie es im Untertitel heißt. Die Autoren hängen ihr Geheimnis nicht an die große Glocke. Ihre Anekdote zeigt jedoch eindrucksvoll, wie man das Beste aus Menschen herausholt - ob als Lehrer, Manager oder Nationaltrainer.

"Man muss an den Leuten dran sein und sie berühren können", sagt Niem. Der 48-Jährige arbeitet immer noch als Grundschullehrer in Iserlohn. Nebenbei betreuen Helle und er mit ihrer Agentur "Coaching for Coaches" Unternehmer, Profifußballer und Trainer. Unter anderem arbeiteten die beiden für Jürgen Klinsmann. Als der Schwabe US-Nationalcoach war, kümmerten sie sich mit dessen für Europa zuständigen Kasseler Scout Matthias Hamann um Akteure wie den Hamburger Bobby Wood. "Die Spieler waren oft auf sich allein gestellt, und wir waren einfach für sie da", sagt Niem.

Sein Buch ist dank zahlreicher Beispiele aus der Praxis so kurzweilig wie ein packendes WM-Endspiel. Und wenn er von Viertklässlern erzählt, möchte man ihn sofort zum Vertrauenslehrer wählen. Profifußball und das echte Leben haben offensichtlich sehr viel gemeinsam.

Claus-Peter Niem

Der moderne Fußball-Trainer

Den Fußball hat Niem erst so richtig entdeckt, als er zum Lehramtsstudium nach Dortmund zog. In der nordhessischen Heimat hatte er nur ab und an mit Freunden gekickt. Sein Herz schlug für den Hamburger SV. Im Ruhrgebiet interessierte er sich sogleich für die gesamte Fußballkultur. Und als Dauergast im Westfalenstadion bekam er hautnah mit, wie sich der Trainerberuf wandelte. Statt Schleifern wie Felix Magath übernehmen Konzepttrainer wie der ehemalige BVB-Coach Thomas Tuchel das Kommando, die nur unterklassig gekickt hatten, aber auch ein Start-up-Unternehmen führen könnten.

Für die Entwicklung gibt es laut Niem zwei Gründe. Zum einen wurde die Ausbildung zum Fußballlehrer "wesentlich wissenschaftlicher, theoretischer und komplexer". Das habe womöglich eher praktisch veranlagte Ex-Profis abgeschreckt. Spieler, die ihre Karrieren wegen Verletzungen früh beenden mussten und darum "Freiraum für neue Entwicklungen" hatten wie Hoffenheims Julian Nagelsmann und Schalkes Domenico Tedesco waren nun im Vorteil. Zum anderen "ist Wissen heute überall gefragt".

Was Niem jedoch immer wieder wundert - im Fußball und auch sonst: "Viel zu selten wird über Führungskompetenzen gesprochen." Das nötige Werkzeug müsse man sich oft selbst erarbeiten. Dabei ist es "in unseren Augen viel wesentlicher, eine ganzheitliche Führungspersönlichkeit zu sein, als durch bloßes Fachwissen zu glänzen".

Die Kritik am Fußball

Der Star ist heute oftmals nicht mehr ein Spieler und auch nicht die Mannschaft, sondern der Trainer. Zugleich monieren Kritiker die Spielweise der Konzepttrainer. Nicht nur der ehemalige Nationalspieler Mehmet Scholl findet, dass man zu viel auf das System schaue und den Individuen zu wenig Raum lasse. Auch Niem hat das Problem erkannt. Schon in den Nachwuchsleistungszentren müssten sich die Spieler "an sehr enge Regeln halten und ihre Kreativität immer mehr in den Dienst der Mannschaft stellen". Die Folge: "Uns fehlen echte Typen mit Ecken und Kanten, Persönlichkeiten auf und neben dem Platz, die mutig Verantwortung übernehmen." Einer der letzten echten Typen war für Niem der gebürtige Fuldaer und Ex-Dortmunder Sebastian Kehl.

Damit es im deutschen Fußball wieder mehr Persönlichkeiten gibt, empfiehlt er, dem Einzelnen wieder mehr Freiheiten zu geben und ihn nicht zu sehr in ein starres Korsett aus Regeln zu pressen. Und vielleicht sollte ein Bundesligist endlich Peter Hyballa verpflichten. Er ist ein echter Typ. Er weiß, wie man das Letzte aus einem Wunderkicker wie Mario Götze herauskitzelt. Ach ja, und er ist gerade auf dem Markt - im April 2017 wurde er beim niederländischen Erstligisten NEC Nijmegen nach sieben Niederlagen in Folge entlassen.

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