Stippvisite daheim in Kassel

Fußballprofi Nej Daghfous: „Ich hatte das Zeug für mehr“

Nachdenklich: Nejmeddin Daghfous, Fußballprofi aus der Kasseler Nordstadt, steht vor einer ungewissen sportlichen Zukunft.
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Nachdenklich: Nejmeddin Daghfous, Fußballprofi aus der Kasseler Nordstadt, steht vor einer ungewissen sportlichen Zukunft. Foto: Dieter Schachtschneider

Aus der Kasseler Nordstadt zog er einst aus, die Fußballwelt zu erobern. Nun ist Nejmeddin Daghfous 33 und steht sportlich vor einer ungewissen Zukunft.

15 Jahre und 290 Meter liegen dazwischen. Und mehr als 300 Spiele als Profi an sieben Stationen. Nun trafen sich der hier beheimatete Fußballer und der Berichterstatter erneut in der Kasseler Nordstadt. Die damalige Begegnung für ein Porträt fand im Café Nordpol statt, die aktuelle ein Stück die Gottschalkstraße hinunter im Café Hurricane. Der Anlass: Nejmeddin Daghfous ist zum Zuschauen verurteilt, seine Karriere könnte sich dem Ende entgegen neigen. Aber nicht Corona zwingt den 33-Jährigen zur Untätigkeit, sondern die im Februar ausgesprochene fristlose Kündigung durch seinen Arbeitgeber Kickers Offenbach (siehe Hintergrund).

Am Ende seines sportlichen Weges sieht er sich nicht. „Ich traue mir noch zwei oder drei Jahre auf ordentlichem Niveau zu und habe auch Lust darauf“, sagt er. Wo dies sein könnte, steht in den Sternen. In Offenbach kaum. Womöglich hier in der Heimat? „In diesem Geschäft kann man nichts ausschließen. Aber ich fühle mich inzwischen in Frankfurt zuhause. Dort habe ich meine zweite Heimat, meinen Freundeskreis und mehr Bezüge als zu Kassel.“ Auch wenn ihm die Nordstadt immer erste Heimat ist. „Ich komme regelmäßig, treffe meine Eltern und alte Freunde. Aber es kommen keine neuen hinzu.“

Im Fußball bleiben möchte Daghfous so oder so. „Ich will spielen, so lange es geht, und parallel den Trainerschein machen. Was in Coronazeiten allerdings schwer zu planen ist“, sagt er.

Daghfous galt als eines der größten Talente der Region. Er entwickelte sich zum gestandenen Zweitliga-Profi. War mehr drin? „Ich weiß, ich hatte das Zeug für mehr. Aber es ist alles gut so. Und wenn ich bedenke, dass ich mit Trainern wie Jürgen Klopp und Thomas Tuchel gearbeitet habe und wo die jetzt stehen, dann kann ich das kaum fassen.“ Als Höhepunkte bezeichnet Daghfous, „dass ich zweimal zurückgekommen bin, als ich nach Verletzungen abgeschrieben war und es mit 27 noch mal von der Regionalliga in die zweite Bundesliga geschafft habe.“ Und, nicht weniger eindrucksvoll, „2016 der Aufstieg mit den Würzburger Kickers unter Bernd Hollerbach in die 2. Liga.“

Obwohl Daghfous mit sich im Reinen ist, würde er heute einiges anders machen. „Aber man kann nicht in die Zukunft schauen. Zwischen Erfolg und Misserfolg ist ein schmaler Grat“, sagt er, der zweimal durch Kreuzband-risse zurückgeworfen wurde, und erinnert an den Wechsel von Mainz nach Paderborn 2010: „Ich bin gegangen, weil Trainer Jörn Andersson nicht auf die Jungen setzte. Kurz nach meinem Weggang wurde er entlassen, und Tuchel kam.“ Nach seiner Rückkehr zu den 05ern kam Daghfous unter diesem zu seinem einzigen Bundesliga-Einsatz.

„Vielleicht wäre noch mehr für mich ja auch nicht gut gewesen. Ich bin religiös und glaube an das Schicksal. So bin ich bei mir selbst geblieben und nicht auf eine falsche Bahn geraten“, sagt Daghfous. Schlimmer als die verpasste noch größere Laufbahn trifft den 33-Jährigen anderes. „Die Negativschlagzeilen in Offenbach sind ein Imageschaden. Die Vorwürfe stehen nicht zu meiner Person. Ich bin weder beruflich noch privat je negativ aufgefallen“, sagt er und hofft, „dass mir Recht zugesprochen und meine Unschuld erwiesen wird.“

Die fußballfreie Zeit nutzte Daghfous, um sich Gedanken zu machen. „Ich habe viel gelesen, mich über alles Mögliche informiert. Das war wie ein dreimonatiges Studium. Aber jetzt könnte ich auch mal wieder kicken.“ Müsste ja nicht unbedingt in der Nordstadt sein.

HINTERGRUND

Ende Februar kam es im Training von Fußball-Regionalligist Kickers Offenbach zu handgreiflichen Auseinandersetzungen zweier Spieler. Die Folge: Der OFC kündigte Nejmeddin Daghfous fristlos, sein Kontrahent Luigi Campagna erhielt eine Geldstrafe und eine Abmahnung. Beide wurden bei der Rangelei verletzt. Daghfous setzt sich gegen die für ihn nicht nachvollziehbare Entlassung zur Wehr. Nach einem ergebnislosen Gütetermin wird es vermutlich zur Gerichtsverhandlung kommen. Dass Daghfous noch einmal für die Kickers auflaufen wird, scheint ausgeschlossen. Sein Vertrag läuft bis Sommer 2021. wba

ZUR PERSON

Nejmeddin Daghfous wurde am 1. Oktober 1986 als Sohn tunesischer Eltern in Kassel geboren. Nach dem Fachabitur schlug er eine Laufbahn als Fußballprofi ein. In der Jugend spielte er für den FC Oberzwehren, den TSV Wolfsanger und den KSV Baunatal, wo er die ersten Spiele bei den Erwachsenen absolvierte. Danach wechselte er zu Mainz 05 und trug außerdem das Trikot von SC Paderborn, Preußen Münster, VfR Aalen, Würzburger Kickers, SV Sandhausen und Kickers Offenbach. Einmal lief Daghfous in der Ersten Bundesliga auf, 144-mal in der Zweiten. Der 33-Jährige wohnt in Offenbach und ist ledig. wba

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