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Fußball-Kommentar Derek Rae im Interview: „Hier ist Fußball so, wie er sein sollte“

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Von: Maximilian Bülau

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Derek Rae.
Fan der Bundesliga: der schottische Fußball-Kommentator Derek Rae. © Imago/Nico Herbert

In Deutschland heißt es über die Fußball-Bundesliga vielerorts: Sie verliert international den Anschluss. Außer den Bayern kann in den europäischen Wettbewerben niemand mehr mithalten – auch wenn Eintracht Frankfurt in diesem Jahr gezeigt hat, dass es Ausnahmen gibt.

Kassel – Einer, der den deutschen Fußball und die Bundesliga mit ganz anderen Augen sieht, ist Derek Rae. Der 55 Jahre alte Schotte ist Kommentator und genießt vor allem im englischsprachigen Raum einen guten Ruf. Er war unter anderem bei einigen Weltmeisterschaften im Einsatz, begleitete das legendäre Champions-League-Finale zwischen dem AC Mailand und dem FC Liverpool, das die Reds nach 0:3-Rückstand noch im Elfmeterschießen gewannen. Warum Rae sagt, dass die Bundesliga die beste Spielklasse in Europa ist und warum er am vergangenen Wochenende im Auestadion bei der Partie des KSV Hessen Kassel gegen Rot-Weiss Koblenz zu Gast war, darüber haben wir mit ihm im Interview gesprochen.

Herr Rae, ein Schotte, der den deutschen Fußball liebt – wie geht das?

Als ich sieben Jahre alt war, fand die Fußball-WM in Deutschland statt. Ich habe damals viel im Fernsehen geschaut, die deutsche Mannschaft hat mich begeistert. Zwei Jahre später haben wir in der Schule das erste Mal Fremdsprachen gelernt, ich habe gehofft, dass ich in die deutsche Klasse komme. Bin ich dann auch.

Deswegen sprechen Sie so gut Deutsch?

Auch. Ich stamme aus Aberdeen an der Nordseeküste Schottlands. Ich hatte das Glück, dass es keine Störfaktoren wie Berge zwischen Aberdeen und Hamburg gab. Deswegen habe ich auch dort deutsches Radio empfangen. Ich habe viel NDR gehört und so die Sprache gelernt.

Sie sind ja nicht nur Fan von Deutschland, sondern auch von Kassel. Warum?

1984 konnte ich einen Schüleraustausch machen und bin zu einer Familie in Obersuhl im Landkreis Hersfeld-Rotenburg gekommen. Ein Jahr später war ich wieder in Deutschland und habe an einer Schule gearbeitet. Auch wenn es nie dazu gekommen ist, hatte ich damals das Gefühl, dass ich irgendwann in Deutschland lande und lebe. Ich wollte Lehrer oder Dolmetscher werden.

Aber warum die Verbindung zum KSV Hessen?

Ich habe 1985 mein erstes Bundesliga-Spiel gesehen, Eintracht Frankfurt gegen Bayer Uerdingen war das. Im selben Jahr war ich beim KSV Hessen in der zweiten Liga gegen Viktoria Aschaffenburg im Auestadion. Wir waren im Aufstiegskampf – und mit wir meine ich den KSV, das geht mir heute noch so, dass ich mich als einer vom Verein fühle. Jedenfalls spielten damals in der Truppe Hans Wulf, Dieter Hecking, Terry Scott, Trainer war Jörg Berger. Das war eine starke Mannschaft, die mich begeistert hat. Ich habe das Glück, dass ich sie damals erleben durfte. Wir haben seit damals viele Schwierigkeiten durchlebt. Und dennoch war es am vergangenen Wochenende eine Ehre und ein Vergnügen, im Stadion zu sein.

In Deutschland haben Sie schließlich nie gelebt, sind nun in den USA zuhause und dennoch regelmäßig hier. Warum?

Damals, als ich sicher war, dass ich mal nach Deutschland ziehen würde, kam ein Angebot von der BBC. Seitdem bin ich Fußball-Kommentator. Ich bin so in die USA gekommen, war bei der EM 1994 für die Medien zuständig. Anschließend bin ich zu ESPN gewechselt. In den USA ist der Fußball damals das erste Mal wichtig gewesen. Fußball ist meine Leidenschaft. Heute arbeite ich mit der DFL zusammen. Ich kommentiere Bundesliga-Spiele für die DFL für den englischsprachigen Markt. Vor der Pandemie war ich sechs, sieben Mal im Jahr für einige Tage in Deutschland und habe Spiele kommentiert. Ich hoffe, dass es jetzt wieder richtig losgeht und ich regelmäßig hier bin. Gerade habe ich zum Beispiel den Supercup, den Auftakt zwischen Frankfurt und Bayern, Leverkusen gegen Dortmund und Pokalspiele begleitet. Ich habe Deutschland sehr vermisst. Und seit einigen Jahren habe ich das Beste von allem: Ich kann hier sein, in meiner Heimat und in den USA.

Warum sagen Sie, dass die Bundesliga die beste europäische Liga ist?

Was die Stimmung angeht, ist es ganz anders als beispielsweise in England. In der Bundesliga ist der Fußball noch so, wie er sein sollte. Wenn ich Freunde mitbringe und mit ihnen zu einem Spiel in Deutschland gehe, sie das erste mal hier im Stadion sind, dann sagen sie hinterher: Wow, das ist Fußball. 50+1 ist ein Gewinn für den Fußball und für die deutsche Gesellschaft. In England denken viele Fans: Das ist zu viel – auch wenn die Stars in der Premier League spielen. Die Bundesliga sollte ihre Werte beibehalten und die Stimmung nicht verlieren. Da ist sie im internationalen Vergleich ganz vorn. Ich möchte nicht, dass Deutschland wie England wird.

Dennoch wäre ein bisschen mehr Konkurrenz an der Spitze nicht verkehrt.

Klar, die Geschichte mit den Bayern. Mehr Konkurrenz wäre wichtig. Aber es gibt Konkurrenz, wenn man auf die anderen Teams schaut. Auch die zweite Liga war zuletzt unfassbar spannend.

Eine Sache noch: Sie sind fußballverrückt und ständig unterwegs. Wie regeln Sie das mit Ihrer Frau?

Meine Frau hat nichts mit Fußball zu tun. Aber wir sind seit 26 Jahren verheiratet. Es klappt also irgendwie (lacht). (Maximilian Bülau)

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