Reportage nach der Absage des Länderspiels

Wie ein HNA-Redakteur die Ereignisse in Hannover erlebte

Hannover. Als das Länderspiel in Hannover am Dienstagabend abgesagt wird, ist HNA-Redakteur Florian Hagemann im Stadion und erlebt die Evakuierung hautnah. Eine Reportage.

Es ist kurz nach 19 Uhr an diesem Tag, als aus einer allgemeinen Nervosität eine konkrete Nachricht wird. Ein Ordner kommt zu der Handvoll Journalisten, die sich schon in der HDI-Arena in Hannover eingefunden haben und einen ersten Artikel über ein Länderspiel beginnen, bei dem der Fußball keine Rolle spielen sollte. Der Ordner spricht leise, unaufgeregt, aber bestimmt: „Die Partie wurde soeben abgesagt, bitte verlassen Sie umgehend das Stadion. Es müssen alle raus.“

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Vier Tage nach den Terroranschlägen in Paris wird nun doch jene Partie nicht stattfinden, die zum Symbol der Freiheit werden sollte, die ein Zeichen setzen sollte: „Seht her, wir lassen uns nicht unterkriegen.“ Und jetzt das: Absage 90 Minuten vor Anpfiff, weil die Sicherheit wohl doch nicht gewährleistet werden kann, weil es konkrete Hinweise auf einen terroristischen Anschlag gibt.

Beim Gang durch die Katakomben nach draußen treffen sich alle, die schon im Innenbereich des Stadions waren. Sie kommen aus Vip-Logen, aus der Mixed-Zone, aus dem Catering-Bereich. Manche telefonieren, manche unterhalten sich. Ein ruhiger, geordneter Abgang.

Vor dem Stadion stehen mehrere Dutzend Hostessen ohne Mantel, ohne Jacke. In ihren Kostümen sehen sie aus wie ein Chor, der gleich ein Konzert gibt. Gott sei Dank ist es mild an diesem tristen Novembertag in Hannover. Ein Mann, der seinen Laptop im Stadion vergessen hat, fragt einen Polizisten, ob er noch einmal zurückgehen darf. Nichts zu machen.

Vor dem Haupteingang steht eine Frau, die fragt, ob es Informationen über den Hintergrund der Absage gibt. Sie kann das alles nicht fassen. Die Polizei spricht per Megafon zu den Zuschauern, die bereits im Stadion waren, und zu denen, die zum Stadion kommen. Insgesamt wollten mehr als 30 000 Menschen die Partie sehen, die Bundeskanzlerin hatte ihr Kommen zugesagt, drei Minister wollten sie begleiten. Sie alle wollten ein Zeichen setzen.

Aber jetzt? Jetzt sagt die Polizei: „Das Länderspiel zwischen Deutschland und den Niederlanden wurde aufgrund einer konkreten Gefährdungslage abgesagt. Wir fordern alle Fußballfans auf, sich aus diesem Bereich zu entfernen.“

Ein paar Meter weiter ertönen Sirenen, Limousinen verlassen im Eiltempo den Weg unmittelbar am Stadion. Kurze Zeit später die nächste Durchsage der Polizei - mit Nachdruck: „Bitte gehen Sie geordnet nach Hause.“ Auch die Betreiber von Würstchenbuden werden angewiesen, ihren Betrieb einzustellen.

 

Die Masse bewegt sich in Richtung Stadt. Wer sein Auto am Stadion geparkt hat, darf nur über eine bestimmte Route abfahren. Auf dem Weg zum Innenstadtring durchleuchten Polizisten die Fahrzeuge. Es kursieren die ersten Gerüchte, Meldungen: Es ist von einem möglichen Bombenfund am Stadion die Rede, von Sprengstoff, der in einem Rettungswagen gefunden worden sei. Fest steht: Die Nationalmannschaft drehte auf dem Weg zum Stadion wieder um und fuhr an einen sicheren Ort. Und: Kanzlerin Angela Merkel traf die Entscheidung der Absage gemeinsam mit dem Innenministerium auf dem Flug nach Hannover. Direkt nach der Landung kehrte sie zurück nach Berlin.

Länderspiel abgesagt: Bilder aus Hannover

Im Nachhinein lässt sich das leicht sagen, aber diese Absage hatte sich über den Tag hinweg abgezeichnet bei der allgemeinen Anspannung, die schon auf dem Weg zum Stadion spürbar gewesen war. Die Polizei riegelte den Raum um das Stadion gegen 18 Uhr bereits zum ersten Mal ab, nachdem ein verdächtiger Koffer in der stadionnahen Robert-Enke-Straße entdeckt worden war. Die Straßen wurden gesperrt, manche Autos standen in einem Korridor, in dem es weder vor noch zurück ging. Die Menschen warteten auf der Straße und harrten der Dinge.

Ein Mann machte sich zu Fuß auf den Weg Richtung Innenstadt: Seit 45 Jahren ginge er in Stadien, sagt der ältere Herr, der die Karte geschenkt bekommen hatte als Dank für langjährige ehrenamtliche Arbeit in Barsinghausen. Aber nun ist er ernüchtert: „Das ist nicht mehr normal. Das sind Sachen, die wir nicht mehr greifen können. Ich habe ein mulmiges Gefühl.“ Und dann: „Ich gehe nach Hause.“

Er erspart sich das, was kommt. Der verdächtige Koffer entpuppt sich zwar als harmlos, aber die Nervosität bleibt - bei allen. Da mutet es skurril an, dass plötzlich aus dem Stadion die Hymne aller Fußballfans ertönt: „You‘ll never walk alone.“ Und dann: die Marseillaise, die französische Nationalhymne.

Am Stadion sind gegen 19 Uhr fast mehr Polizisten vor Ort als Fans. Die Einsatzwagen kommen nicht nur aus Hannover, sondern auch aus Dresden und aus anderen Städten. Drei Hundertschaften seien im Einsatz, hieß es im Vorfeld. Die Kontrollen am Eingang sind so streng wie selten zuvor bei einem Großereignis. Ein Polizeihund durchschnüffelt die Taschen der Journalisten, die Akkreditierungen sollen klar sicherbar am Körper getragen werden. Alles für die Sicherheit dieses Fußballspiels, das ein Zeichen sein sollte - und am Ende nicht stattfindet.

Noch am Abend sind in der Stadt viele Sirenen von Polizeiwagen zu hören. Es gibt eine Pressekonferenz, in der die Absage erklärt und bedauert wird - ohne konkret zu werden. An diesen Tagen ist vieles schlicht nicht fassbar.

Rubriklistenbild: © dpa

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