Bielefeld heute im Abstiegskampf gegen Mainz

Ansgar Brinkmann zum Bundesliga-Kellerduell: „Ich kann nicht alle retten“

Ansgar Brinkmann im Trikot von Arminia Bielefeld. Für die Ostwestfalen war er von 2001 bis 2003 aktiv.
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Ansgar Brinkmann im Trikot von Arminia Bielefeld. Für die Ostwestfalen war er von 2001 bis 2003 aktiv.

In der Fußball-Bundesliga war er bekannt als der „weiße Brasilianer“, Wandervogel und Fanliebling: Wir haben mit Ansgar Brinkmann über das Kellerduell seiner zwei Ex-Vereine Bielefeld und Mainz heute (15.30 Uhr, Sky) gesprochen.

Kassel - Brinkmann über den Abstiegskampf, eine verweigerte Auswechslung und seinen Zimmergenossen Jürgen Klopp.

Ansgar Brinkmann, was ist schöner: Nichtabstieg oder eine Meisterschaft?
Beides hat was. Einen Nichtabstieg feiert man nicht wie einen Titel, aber das gibt einem auch ein gutes Gefühl, wenn man sich für den Aufwand belohnt. Ich habe zwar keine Titel geholt, bin aber mehrmals aufgestiegen. Das ist legendär, für die Mannschaft und für die Region. 
Am 15. April 2002 waren Sie mit Bielefeld bei ihrem Ex-Klub Mainz. Da gibt es ja diese Anekdote…
Das werd ich nie vergessen. Die erste Halbzeit war eine Katastrophe – kein Pass, kein Dribbling hat funktioniert. Ich wusste nicht, dass ich so schlecht spielen kann. Trainer Benno Möhlmann wollte mich deshalb in der Halbzeit auswechseln. Da hab ich gesagt: „Trainer, das hier ist mein altes Wohnzimmer, Mainz’ Trainer Jürgen Klopp war mal mein Zimmerkollege: Ich spiel weiter.“ Unser Kapitän Detlev Dammeier guckt mich an und meint: „Ansgar, du kannst doch so nicht mit dem Trainer reden. Wenn der das sagt, bleibst du draußen.“ Ich: „Dammi, wenn ich nicht mit dem Trainer sprechen würde, wärst du gar nicht im Kader.“ Dann hat Möhlmann tatsächlich Dirk van der Veen ausgewechselt und nicht mich. Fünf Minuten nach der Pause kam ich dann in die Kabine, Dirk guckt und fragt: „Na, hat er dich doch ausgewechselt?“ – Ich: „Nee, Rot.“ (lacht)
Am Wochenende spielen Bielefeld und Mainz wieder gegeneinander. Wie sehen Sie die Entwicklung der beiden Vereine?
Mainz hat das gut gemacht in den letzten Jahren. Sie haben eine eigene Philosophie, und nach deren Kriterien holen sie ihre Spieler und Trainer. Mit Kloppo hat das mal angefangen. Da haben sie einen Plan, da sind sie schon vorbildlich. Dass ein Verein wie Mainz 05 auch mal ein schweres Jahr hat, ist normal. Bielefeld ist aufgestiegen, hat es sehr gut gemacht, sehr konstant. Die Arminia hat es aber im Sommer verpasst, sich zu verstärken. Der Kader wurde lediglich ergänzt. Von der Qualität eines Ritsu Doan hätten drei oder vier Spieler geholt werden müssen, um konkurrenzfähig zu sein. Bielefeld muss jetzt gegen Mainz, Freiburg, Augsburg und Schalke punkten, da ist noch Potenzial nach oben.
Wem von beiden trauen Sie den Klassenerhalt zu?
Dass Mainz gegenüber Bielefeld einen Vorsprung hat, was den Kader anbetrifft, ist klar. Bielefeld muss irgendwie zwei Mannschaften hinter sich lassen und es in die Relegation schaffen. Dann hätte die Arminia alles richtig gemacht. 
Bielefelds Kapitän Fabian Klos sagt ähnlich wie Sie, dass er gern auch mal ein Bier trinkt oder einen Döner isst. Ist er der neue Ansgar Brinkmann?
Der Respekt zwischen uns ist sehr groß, wir unterscheiden uns aber doch sehr. Als Klos vor zwei Jahren als Kapitän auf die Bank gesetzt wurde, ist er dem Verein treu geblieben. Ich hätte da direkt gesagt: der Trainer oder ich. Dass er sich hintangestellt und Gas gegeben hat, rechne ich ihm hoch an. Sein erstes Bundesliga-Tor gegen Leipzig habe ich ihm sehr gegönnt.  
Patrick Andersson (Mitte, Mönchengladbach) beim Schuss, links der Mainzer Ansgar Brinkmann, am Boden rechts Abderrahim Ouakili (Mainz). Brinkmann spielte von 1993 bis 1995 für Mainz 05.
Im Herbst vor Bielefelds Aufstieg sagten Sie: „Sicher ist, wenn meine Arminia aufsteigt, dann kracht es drei Tage am Stück“. Dann kam Corona.
Die Spieler, die so Großes geleistet haben, hätten emotional mehr verdient gehabt. Das tat mir in der Seele weh. Der Moment, wenn im Stadion alle jubeln, alle schreien – das hätte ich ihnen gegönnt, aber das ist höhere Gewalt. Enthusiasmus, Euphorie, Emotionen: Das alles fehlt jetzt, das alles macht dich sonst zum Fußballgott.
Was können Sie über Jan-Moritz Lichte, den Trainer von Mainz 05, sagen?
Alles, was ich von den Experten über den Trainer höre, ist sehr positiv. Die Außendarstellung, die Rhetorik, die Authentizität und die Demut – das passt alles.
Sie selbst spielten bei Mainz auf einer Seite mit Jürgen Klopp, teilten sich mit ihm ein Zimmer.
Kloppo war ein echter Profi, hat nebenbei studiert, war Kapitän und Wortführer. Er bringt sportlich und menschlich das Komplett-Paket mit. Als Verteidiger hatte er Power, war laufstark, hatte ein unfassbar gutes Kopfballspiel und war torgefährlich. Er war unfassbar effektiv auf seiner Position, ein Wahnsinnstyp. Kein Gegenspieler hat mich mehr angeschrien als Jürgen hinter mir. Auf dem Zimmer traf da ein Studierter auf einen Hauptschüler. Jürgen mit seiner Akribie sagte: „Morgen das, das, das“, und ich mit meiner Leichtigkeit fragte nur: „Kloppo, gegen wen spielen wir morgen überhaupt?“ (lacht)
Könnte der 25-jährige Ansgar Brinkmann einem der beiden Vereine helfen?
Ja. Aber ich kann nicht alle retten. (lacht) Früher haben die Vereine, denen es gut ging, gesagt: „Ansgar Brinkmann holen? Ganz ehrlich, seid ihr wahnsinnig? Das tun wir uns nicht an.“ Aber die unten hatten keine Wahl. Und meine Meinung war immer: Du darfst schwierig sein, aber du musst für das Team arbeiten. 
Wie geht es am Samstag aus?
Wenn die Arminia Ansprüche erheben will im Abstiegskampf, muss sie jetzt einen direkten Konkurrenten schlagen. 

Zur Person

Ansgar Brinkmann (51), Spitzname „Weißer Brasilianer“, wurde 1969 in Vechta (Niedersachsen) geboren und wuchs mit sechs älteren Geschwistern auf. Mit 18 Jahren startete seine Karriere beim VfL Osnabrück in der 2. Bundesliga, die 2007 und mehr als 15 Vereinswechsel später endete. Von 1993 bis 1995 spielte er in Mainz (Foto links), von 2001 bis 2003 in Bielefeld (rechts). Nach dem Karriereende machte er die Trainer-A-Lizenz, ist als Experte tätig und arbeitet hinter den Kulissen im Fußball. 2018 nahm er an der RTL-Show „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“ teil.

Von Björn Friedrichs

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