Geht es dem einen besser, geht es für den anderen bergauf

Steffen und Marvin Friedrich: Ihr Schicksal hängt zusammen

Marvin Friedrich (links) und Steffen Friedrich.
+
In der Heimat: Bundesliga-Fußballer Marvin Friedrich (links) und sein Bruder Steffen Friedrich in Guxhagen.

Wenn Steffen Friedrich im Auestadion bei Spielen des Fußball-Regionalligisten KSV Hessen Kassel ist, dann ist das ein gutes Zeichen. Vor allem für ihn selbst. Für seinen Zustand. Seine Gesundheit.

Kassel/Guxhagen – Lange hat der 26-Jährige auf das verzichtet, was ihm am Herzen liegt. Wegen seines Herzens. Beim Auswärtsspiel der Löwen in Offenbach zuletzt war Friedrich nicht dabei. Dieses Offenbach, das in seiner Geschichte ein schicksalhafter Ort ist.

Am 1. Dezember 2015 bestreitet der 26-Jährige sein letztes Spiel für den KSV eben in Offenbach. Sein letztes Spiel überhaupt. Damals muss er ausgewechselt werden, nachdem er auf dem Rasen zusammensackt. Im April 2016 bricht er auf der Tribüne des Stadions auf dem Bieberer Berg während des Hessenpokal-Halbfinals zusammen. In den folgenden Monaten und Jahren kristallisiert sich immer mehr heraus, dass mit seinem Herzen etwas nicht in Ordnung ist. Er hat Herzrhythmusstörungen, wird mehrmals operiert, bekommt einen Defibrillator eingesetzt. Doch es gibt weitere Zwischenfälle, sein Leben hängt mehrfach am seidenen Faden.

An Fußball ist schon lange nicht mehr zu denken. Mittlerweile hat der 26-Jährige mit diesem Kapitel abgeschlossen. „Das ist für mich raus. Selbst wenn die Kurve weiter bergauf geht und ich das Gefühl hätte, ich könnte mir die Fußballschuhe wieder anziehen und auf den Platz gehen. Das geht nicht mehr. Die Gesundheit geht vor. Wenn du da liegst und reanimiert wirst und nur noch ans Überleben denkst, dann ist für dich klar, Fußball ist nicht mehr“, sagt er.

Lange verzichtet er sogar auf Stadionbesuche. Weil er seinem Herzen nicht vertraut, die Aufregung zu groß sein könnte. In dieser Saison ist er wieder da. Der Teammanager des KSV kann live dabei sein. Und das ist dann eben ein gutes Zeichen für ihn selbst. Eines, das auch den ganzen Klub freut. „Mit vielen habe ich ja noch selbst gespielt. Vor dem ersten Heimspiel gegen Schott Mainz hat Tobi Damm in der Ansprache erwähnt, dass ich wieder da bin. Das hat mich schon sehr gefreut.“

Als wir uns an diesem Sonntag im November auf die Stühle im Vorraum einer Kegelbahn setzen, ist Steffen Friedrich nicht allein. Auch sein ein Jahr jüngerer Bruder Marvin ist dabei. Es ist Länderspielpause. Nur deswegen ist dieser Termin zustande gekommen. Denn oft ist Marvin Friedrich nicht in der Heimat. In Guxhagen. Dort, wo die Eltern eine Gaststätte betreiben. Dort, wo die Karriere von Steffen und Marvin ihren Anfang nahm. „Eigentlich schaffe ich es wirklich nur in diesen Pausen, im Sommer und über Weihnachten nach Hause“, sagt er. Der 25-Jährige ist eben Profifußballer, spielt für den Bundesligisten Union Berlin. Und das in seiner Rolle als Abwehrchef letzter Zeit immer erfolgreicher.

„Wir haben noch zwei Schwestern. Die eine spielt in Leverkusen Fußball. Die andere lebt hier, studiert mit mir. Dass wir alle vier zusammen zuhause sind, das ist eigentlich nur im Sommer und Weihnachten der Fall. Aber wir haben jeden Tag Kontakt“, sagt Steffen Friedrich. Für Marvin Friedrich hängen seine guten Leistungen zuletzt für Union auch damit zusammen, dass es seinem Bruder etwas besser geht. „Es ist nicht so, dass ich während des Spiels die ganze Zeit daran denke. Aber davor schon, beim Warmmachen. Das konnte ich nie ganz ausschalten. Es gab Phasen, als ich wusste, ihm geht es besser, da war ich befreiter. Und andersrum: Wenn ich wusste, er liegt im Krankenhaus, hat eine OP vor sich, dann hat mich das beeinflusst. Das war für alle eine sehr schwere Phase, besonders für Steffen. Deswegen sind wir jetzt alle froh, dass wir hier sitzen. Das muss ich ehrlich sagen.“

Die Brüder verbindet auch eine dramatische Erinnerung. Es ist im Februar 2016, nach dem Vorfall beim Spiel gegen Offenbach trägt Steffen Friedrich damals einen Defibrillator bei sich. Morgens ist er im Bad, Marvin Friedrich spielt in der Zeit noch für Schalke, er steht im Kader für ein Spiel in der Europa League am Abend gegen Donezk. Er wohnt in Düsseldorf, Steffen will ihn später nach Gelsenkirchen fahren. Doch an diesem Morgen bricht er im Badezimmer erneut zusammen. „Meine nächste Erinnerung ist, dass die Polizei da war“, sagt er. Nachbarn haben sie gerufen, sie wurden durch Marvins Schreie aufmerksam. Der Defibrillator rettet Steffen an diesem Tag das Leben. Marvin ruft Trainer André Breitenreiter an. Spielen kann er an diesem Tag nicht.

Dieser Vorfall, das Schicksal seines Bruders – für Marvin Friedrich hat das Folgen. „Ich war früher sehr verbissen, wenn es um Fußball geht. Ich weiß jetzt, dass es wichtigere Dinge gibt, kann besser mit Niederlagen umgehen.“ In seiner Augsburger Zeit hatte er mal eine Schambeinentzündung und musste zwei Monate aussetzen. „Es war nicht schön, nicht auf dem Platz zu stehen. Aber ich habe gewusst, mir geht es gut. Es ist eine Verletzung, und die geht wieder weg“, sagt er. „Das wird mich meine ganze Karriere, mein ganzes Leben begleiten.“

Die Corona-Pandemie hat die Brüder beide noch einmal eingeschränkt. Steffen Friedrich muss besonders vorsichtig sein. Er sagt aber auch: „Durch den Lockdown war es einfacher, sich mal richtig zu erholen. Das hat mir gutgetan.“ Ein Spiel von Marvin für Union hat er noch nicht live im Stadion gesehen. Wegen seines Herzens. Das ist eines seiner Ziele für 2021. Wenn das für ihn möglich ist, dann ist das ein gutes Zeichen. Auch für seinen Bruder. (Maximilian Bülau)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.