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Interview: Béla Réthy über seinen Abschied, die WM und sein neues Leben als Rentner

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Von: Pascal Spindler

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Sein letzter Einsatz: Kommentator Béla Réthy beim WM-Spiel zwischen Frankreich und Marokko.
Sein letzter Einsatz: Kommentator Béla Réthy beim WM-Spiel zwischen Frankreich und Marokko. © IMAGO/Ulmer/Teamfoto

Viele Jahrzehnte war Béla Réthy als Live-Kommentator für das ZDF aktiv – nun geht er in Rente. Wir haben mit ihm unter anderem über die WM in Katar gesprochen.

Kassel/Doha – Viele Jahrzehnte war Béla Réthy als Live-Kommentator für das ZDF im Einsatz, war die Stimme des deutschen Fußballs. Bei der WM in Katar führte er im Halbfinale zwischen Frankreich und Marokko ein letztes Mal durch eine Partie. Und das ausgerechnet an seinem 66. Geburtstag. Wir sprachen mit Réthy über seinen Abschied, das Turnier in der Wüste, seine größten Spiele und sein baldiges Leben als Rentner.

Herr Réthy, vor Ihrem letzten Spiel sagten Sie im ZDF, dass Sie im Anschluss noch einen Pfefferminztee trinken wollen. Gab es den denn noch?

Nun, der Pfefferminztee war dann doch ein bisschen gegoren und es war Schaum drauf. Wir waren erst nach Mitternacht im Hotel.

Wann kamen die ersten Abschiedsgefühle auf?

Die kamen, als ich nach der Übertragung den Reporterplatz verlassen wollte und dann ein Kollege zu mir sagte: ‘Bleib’ sitzen, sie schalten dich noch mal.’ Das wusste ich gar nicht – das war überraschend. Dann gab es einen kleinen Beitrag mit alten Bildern, nette Worte von Christoph Kramer und Per Mertesacker. Da wurde es schon emotional. Ich bin mit dem Tag vorher sehr cool umgegangen, weil ich einen Job zu erledigen hatte: Ich musste ein Fußballspiel kommentieren. Es ging nicht nur um Abschied, es gab auch noch ein WM-Halbfinale.

Das zwischen Frankreich und Marokko. War es eine würdige Abschiedspartie – oder hätten Sie zum Abschluss lieber die deutsche Elf kommentiert?

Natürlich wäre ein Spiel der deutschen Nationalmannschaft zum Abschluss der absolute Höhepunkt gewesen. Aber wie immer im Journalismus müssen wir die Dinge nehmen, wie sie kommen. Frankreich gegen Marokko war ein gutes Spiel mit klassischem Pokalcharakter: Außenseiter gegen Turnierfavorit, WM-Halbfinale. Da könnte es Schlimmeres zum Ausstand geben.

2014 saßen Sie beim legendären 7:1 der deutschen Mannschaft im WM-Halbfinale gegen Brasilien am Mikro. Hätten Sie damals gedacht, dass Sie dort Ihr letztes deutsches WM-K.o.-Spiel kommentieren?

Nein, natürlich nicht. Nach so einer rauschenden Ballnacht wie in Belo Horizonte denkst du nicht, dass Deutschland bei den kommenden beiden Weltmeisterschaften in der Vorrunde rausgeht. 2018 in Russland war es eine ernüchternde Vorstellung des amtierenden Weltmeisters. Dort habe ich das letzte Gruppenspiel gegen Südkorea kommentiert, das war überhaupt mein letztes deutsches WM-Spiel. In Katar wäre ich zunächst mal für das Achtelfinale vorgesehen gewesen, aber dazu kam es nicht.

Wie bewerten Sie den deutschen Katar-Auftritt?

Nicht so katastrophal, wie er aus der Enttäuschung heraus überwiegend bewertet wurde. Es war eine schlechte halbe Stunde gegen Japan, ja. Die Mannschaft hat dann gegen Spanien gut gespielt. Deutschland hatte es am letzten Spieltag nicht mehr in der eigenen Hand, und die Spanier haben sich gegen Japan hängen lassen – das gehört auch zur Wahrheit. So desolat wie 2018 war es nicht. Die Mannschaft schwamm auf einem anständigen Level mit. Aus der Enttäuschung heraus neigt man dazu, alles in Schutt und Asche zu reden. Aber wir müssen auch Grauzonen ausleuchten. Klar, es ist ein enttäuschender Ausgang, aber es ist nicht alles ein Desaster.

Es gab viel Wirbel um die „One Love“-Binde. Inwiefern hat auch dieser zum frühen Aus beigetragen?

So ein Turnier verlangt eine hohe Konzentration und die Debatte war sicher eine Ablenkung. Das war ein Baustein für das Ausscheiden. Ebenso, dass diese WM in Deutschland so politisiert wurde.

War das falsch?

Natürlich muss sie politisiert werden, Kritikpunkte müssen selbstverständlich zwingend angesprochen werden. Aber am Ende ging es nur noch darum. Da waren wir weltweit schon eine eigene Insel. Die Atmosphäre, die in Deutschland herrschte, hat sich wahrscheinlich auch auf die Mannschaft ausgewirkt. Dazu die internen Diskussionen fernab von Fußball. Bei einer Weltmeisterschaft konzentriert man sich am besten auf das nächste WM-Spiel.

Ihre Kollegin Claudia Neumann hat im ZDF mit Regenbogenbinde und -shirt kommentiert. Wie haben Sie diese Aktion empfunden?

Das war allein ihre Entscheidung.

Eine Protestaktion kam für Sie nicht infrage?

Nein. Ich habe die Eröffnungsfeier kommentiert, dort auch sehr viele kritische Anmerkungen gemacht. Aber ich wollte die Feier auch nicht zerstören – das ist dünnes Eis. Man kann so ein Ereignis nicht nur monothematisch angehen. Man muss schon Facetten ausleuchten, relativieren. Über eine Aktion habe ich nicht nachgedacht. Ich bin nicht der Botschafter der Welt, sondern Berichterstatter.

Sie waren nun rund vier Wochen in Katar. Wie ist Ihr Eindruck vom Land?

Meine Erwartungshaltung ging gegen Null. Nach dem, was man alles gelesen und gehört hatte, denkst du, du kommst dort in die Hölle. Das war aber nicht der Fall. Die Menschen waren zuvorkommend, freundlich. Die Organisation war gut, die Wege kurz. Natürlich ist eine Weltmeisterschaft in einem Land mit echter Fußball-Kultur attraktiver und reizvoller. Die Stimmung, die man auf den Straßen erlebt hat, war ja meist inszeniert. Mit Megafon wurden irgendwelche Fans animiert, zu tanzen und zu singen. Das war ein bisschen verrückt.

Sie waren bei so vielen Weltmeisterschaften vor Ort. Wo steht die Katar-WM für Sie im Vergleich zu anderen?

Sie gehört nicht in die Kategorie Top-WM. Wenn man Weltmeisterschaften in Mexiko, Italien, Brasilien und Deutschland erlebt hat, dann gehört der Fußball eher dort hin. Beim Eröffnungsspiel waren am Ende noch 5000 Zuschauer im Stadion, die anderen sind alle vorher gegangen. Zur Halbzeit war das Stadion schon halb leer. Das hat die Bildregie der Fifa ausgespart, wie sie so vieles ausspart.

War die WM in Katar die speziellste, die Sie je erlebt haben?

Ja, absolut. Mal abgesehen von der in Brasilien, weil ich in dem Land aufgewachsen bin. Aber mit der ganzen Gemengelage war das schon sehr speziell. Man hatte die ganze Zeit so ein komisches Bauchgefühl. Das ist dann nach und nach gewichen.

Sie haben mehr als 380 Spiele live kommentiert. Welche sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Ganz viele. Es ist schwer, ein Ranking aufzustellen. Mein erstes EM-Endspiel 1996 mit dem historischen Golden Goal von Oliver Bierhoff in Wembley, einem echten Fußballtempel, würde ich ziemlich weit oben ansiedeln. Dann das WM-Finale 2002 Deutschland gegen Brasilien – das erste Pflichtspiel überhaupt zwischen den beiden Ländern. Und natürlich jetzt mein letztes Spiel, das ich für das ZDF kommentieren durfte: Frankreich gegen Marokko.

Gab es mal Momente, in denen Sie nervös geworden sind?

Nein, aber das ist eine Typ-Frage. Ich war immer gut vorbereitet, habe mir immer ein sicheres Fundament geschaffen. Und dann ist es auch nicht so, dass man am offenen Herzen operieren muss, sondern es ist Fußball. Klar ist man da konzentriert, aber nervös war ich nie.

Den Kolumbianer Carlos Valderrama haben Sie aufgrund seiner Frisur mal als Klobürste bezeichnet. Beim Bildausfall im EM-Halbfinale 2008 sagten Sie, dass das Spiel der Deutschen dadurch auch nicht besser aussehe. Wie wichtig war Ihnen Humor bei Ihren Übertragungen?

Solche Sprüche nimmt man sich nicht vor. Bei einer Liveübertragung wird ein Stück Persönlichkeit nach außen transportiert. Man darf sich nicht verstellen, sonst wird es unglaubwürdig. Ich habe auch im Alltag einen gewissen Grundhumor. Wer mich kennt, weiß das. Und der kommt dann gelegentlich durch, wenn ich frei spreche.

Fußballkommentatoren polarisieren enorm. Was sagen Sie Leuten, die Sie nicht gerne gehört haben?

Ich hatte zu denen noch nie Kontakt. Ich bin in meinem ganzen Leben von denen noch nie angesprochen worden. Das ist ein Zeichen dafür, dass es gut lief, dass es sich auf die Anonymität beschränkt. Hatern sage ich nichts. Ich lasse mich nicht auf dieses Niveau herab. Wenn ich Leute nicht erreicht habe, dann tut mir das leid. Aber bei 25 Millionen Zuschauern kann man nicht jeden fragen, was er gerade schön findet. Jeder, der in der Öffentlichkeit steht, riskiert, auch mal zerrissen zu werden. Das ist ein Bereich, der dazugehört. Wenn allerdings Medien ihre Artikel nur auf kritischen Twitter-Zitaten aufbauen, dann ist das für mich ein krasses journalistisches Versagen.

Wie schwer fällt Ihnen nun der Abschied?

Die Emotionen kommen nach und nach. Wenn der erste Bundesliga-Spieltag ohne mich stattfindet. Wenn ich am Samstag schon kurz davor bin, mal wieder zu spät aus dem Haus zu gehen, dann wird mir einfallen, dass ich heute nicht dran bin und mich wieder hinsetzen kann. Dass es vorbei ist, ist noch gar nicht so richtig bei mir angekommen. Ich glaube, das kommt erst, wenn sich mein Lebensrhythmus stark verändert hat.

Was machen Sie ab Januar?

Vorgenommen habe ich mir noch nichts. Ich muss erst mal schauen, wie es ist, sich zu langweilen. Das kenne ich noch nicht. Aber ich habe Bock, mich zu langweilen –ein bisschen zumindest. Und ab Frühjahr schaue ich dann mal. Ich werde sicher auch medial noch etwas machen. Aber jetzt ist der Reporter-Koffer erst mal geschlossen. Demnächst sind in meinem Koffer nur noch Flip-Flops und Badehose. Und ein dünner Pullover für den Abend.

Und wenn die deutsche Nationalmannschaft spielt? Kommentieren Sie dann im heimischen Wohnzimmer?

Nein, so etwas habe ich nie gemacht. Ich arbeite nur für Geld (lacht). Ich werde die Spiele nur gucken. Du kannst diesen Beruf nicht so lange ausüben, wenn du keine Lust auf Fußball hast. Und meine Lust auf Fußball hat sich nicht verändert, auch wenn ich Dinge kritisch sehe. Ich schaue Bundesliga, Champions League, die Nationalmannschaft. Mit Eintracht Frankfurt werde ich privat wahrscheinlich nach Neapel reisen. Vielleicht fahre ich zum Champions-League-Finale nach Istanbul, egal, wer spielt. Ausgewählte kleine Pralinen eben. Es ist jetzt ein Stück Freiheit hinzugekommen.

Und nach dem Fußballgucken gibt es dann einen Pfefferminztee?

Oder währenddessen. Wobei – den trinke ich lieber vormittags.

Immer auf Ballhöhe: Réthy 1994.
Immer auf Ballhöhe: Réthy 1994. © imago/teutopress

Zur Person

Béla Réthy (66) wurde in Wien geboren, nachdem seine Eltern kurz zuvor ihre Heimat Ungarn verlassen hatten. Bis zu seinem elften Lebensjahr wuchs Réthy in Brasilien auf, ehe es nach Deutschland ging. Seit 1987 ist er ZDF-Redakteur, seit 1991 Fußball-Kommentator. Réthy war bei zehn Weltmeisterschaften im Einsatz, begleitete je drei WM- und EM-Endspiele am Mikrofon. Er lebt mit seiner Familie in Wiesbaden. (Pascal Spindler)

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