WM mit Überraschungsei-Effekt

Interview: Jennifer Cramer über Elefanten, Kunstrasen und Euphorie

Ball und Titel im Visier: Jennifer Cramer aus dem nordhessischen Birkenbringhausen. Foto: dpa

Kassel. Sie spielt ihre erste Weltmeisterschaft mit der A-Nationalmannschaft: die Nordhessin Jennifer Cramer. Gerade erst hat die 23-Jährige aus Birkenbringhausen (Kreis Waldeck-Frankenberg) ihren Vertrag bei Bundesligist Turbine Potsdam bis 2017 verlängert. Im Interview spricht die Europameisterin von 2013 über die Gruppengegner und die WM-Ziele.

Frau Cramer, mögen Sie Elefanten?

Jennifer Cramer: Das sind faszinierende Tiere, riesengroß. Die können auf jeden Fall was.

Auch Fußball spielen?

Cramer: Ich glaube schon. Das habe ich irgendwann einmal gesehen.

Gleich zwei Gruppengegnerinnen tragen den Spitznamen Elefanten: Die Spielerinnen der Elfenbeinküste heißen Elefantinnen, die Thailänderinnen Kriegselefantinnen. Beide sind WM-Neulinge und sportlich eher keine Schwergewichte, oder?

Cramer: Es ist schwer, sie einzuschätzen, weil ich selbst gegen beide noch nicht gespielt habe. Natürlich werden wir sie analysieren. Die Elfenbeinküste ist eine afrikanische Mannschaft. Gegen die ist es immer schwer, weil sie aggressiv und körperbetont spielen. Aber klar, als Deutsche sind wir immer Favorit.

Der dritte Gegner Norwegen dürfte heiß auf eine Revanche sein. Schließlich haben Sie das Team im EM-Finale 2013 geschlagen.

Cramer: Sicherlich. Wobei Norwegen immer ein unangenehmer Gegner ist. Während der EM-Gruppenphase haben wir ja auch 0:1 gegen sie verloren. Sie spielen gern mit langen Pässen, wir lieber am Boden.

Das heißt, da kommt in der Defensive auch auf Sie viel Arbeit zu?

Cramer: Auf jeden Fall. Aber eben weil wir schon häufiger gegen Norwegen gespielt haben, wissen wir, wo die Stärken und Schwächen liegen.

Könnte eine erfolgreiche WM auch Ihre persönliche Saisonbilanz aufbessern? Mit Turbine haben Sie ja Pokalsieg und Meisterschaft knapp verpasst.

Cramer: Es ist schade, dass wir in der Saison unsere Ziele nicht erreicht haben. Aber das ist jetzt zweitrangig. Es ist für uns erstmal wichtig, gut ins Turnier zu starten und die Gruppenphase zu überstehen. Das erste Spiel gewinnen, ein gutes Gefühl für die nächsten Partien bekommen. Alles, was darüber hinaus geht, werden wir dann sehen.

Sind die Männer Vorbild?

Cramer: Sie haben es uns mit dem Titel ja vorgemacht. Es wäre schön, wenn wir da nachziehen könnten. Aber unser Turnier ist ein ganz anderes, auch mit ganz anderen Voraussetzungen: Mit verschiedenen Zeitzonen und Kunstrasen.

Der erlebt bei dieser WM seine Premiere. Was ist der Unterschied zu normalem Rasen?

Cramer: Der Boden ist viel härter. Dadurch werden die Gelenke intensiver über eine längere Zeit beansprucht. Auf Kunstrasen kann der Ball mal nicht durch kleine Unebenheiten hochspringen, er rollt anders, er wird schneller. Auf diesem Belag ist das Fußballspiel ein ganz anderes als auf Rasen.

Könnte sich der neue Untergrund als Nachteil für die deutsche Mannschaft erweisen?

Cramer: So würde ich es nicht sagen. Es spielen ja alle Nationen darauf. Aber es gibt Teams wie die USA, die die ganze Saison schon auf Kunstrasen spielen und dadurch vielleicht leichte Vorteile besitzen. Wir haben uns jetzt erst in der Vorbereitung auf Kunstrasen eingestellt.

Für Ihr Team stehen noch andere Herausforderungen an. Es fehlen mit Nadine Keßler, Lira Alushi und Luisa Wensing drei Leistungsträgerinnen. Ist ihr Ausfall auszugleichen?

Cramer: Das sind wichtige Spielerinnen für uns, aber ich glaube, wir sind in der Breite gut aufgestellt. Das gleiche Problem hatten wir schon bei der EM 2013. Damals sind noch mehr Leistungsträgerinnen ausgefallen. Das haben wir damals gut gestemmt.

In Kanada steht ein Turnier der Superlative an: Erstmals sind 24 Mannschaften dabei. Das Leistungsgefälle aber ist groß. Droht die Gefahr, dass es „verwässert“?

Cramer: Natürlich ist es erstmal schön, dass aufgestockt wird, um mehr Nationen die Chance zu geben, sich bei solch einem großen Turnier zu präsentieren. Wir wissen ja, dass die weltweite Leistungsdichte noch nicht ganz so hoch ist. Sie ist noch nicht da, wo man es sich gern wünscht bei so einer WM. Aber alle befinden sich in der Entwicklung. Deshalb kann ich auch das Leistungsniveau einer Nation wie Thailand schlecht einschätzen. Da kommt ein bisschen der Überraschungsei-Effekt hinzu.

Beim Gastgeber herrscht Euphorie. 750 000 Tickets sind bereits abgesetzt worden, das Finale ist ausverkauft. Ist das eine neue Welle der Euphorie?

Cramer: Genau weiß ich nicht, was da auf uns zukommt. Wir wissen: Kanada ist ein fußballbegeistertes Land. Und es war ja für mich schon bei der EM 2013 in Schweden zu sehen: Die Stadien waren voll, vor solch einer Kulisse zu spielen, ist etwas Besonderes. Sie beflügelt, wenn’s gut läuft. Und sie spornt an, wenn die Fans gegen uns sind. Wir merken die Entwicklung, spüren, dass da etwas passiert. Ich bin mir sicher: Es wird eine schöne WM.

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