Interview: Chef des Fußball-Museums über die richtige Taktik für einen Besuch

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Ein kleiner Schatz: Der Weltmeisterpokal darf im Fußball-Museum natürlich auch nicht fehlen. Manuel Neukirchner hält ihn in Händen.

An diesem Sonntag eröffnet das Deutsche Fußball-Museum in Dortmund. Ein Interview mit dem Geschäftsführer Manuel Neukirchner.

Herr Neukirchner, beim Betrachten des Museumskonzepts lässt sich erahnen: Ein Durchgang dauert hier länger als 90 Minuten, oder? 

Neukrichner: Sie können uns gern mit der Weisheit von Sepp Herberger in Verbindung bringen und in 90 Minuten das Museum durchstreifen. Sie können auch gern noch in die Verlängerung gehen. Wenn Sie aber all die medialen Möglichkeiten unseres Museums nutzen, werden Sie locker drei Stunden und mehr darin verweilen – und dann haben Sie noch nicht alles mitbekommen. So aber ist unser Konzept.

Der Besucher soll gar nicht genug bekommen? 

Erzielte 1954 das Siegtor im WM-Finale: Helmut Rahn.

Neukirchner: Realistisch betrachtet ist es nicht möglich, alles an einem Tag zu bewältigen. Allein, wenn Sie sich alle 600 Filme anschauen, sindSie rund 25 Stunden beschäftigt. Wir setzen auf Wiederholungsbesuche – auch aus einem weiteren Grund: Wir sind kein Haus des Bewahrens. Der Fußball wird jeden Tag fortgeschrieben. Genau dem wollen wir auch Rechnung tragen, indem wir unsere Ausstellung ständig aktualisieren. Wir wollen dynamisch sein und nicht ewig-gestrig. Das zeigt sich auch daran, dass wir nach dem Titelgewinn der Deutschen 2014 schnell noch einmal umgeplant haben. Unser Museum ist auf Wachstum ausgelegt.

Welche Taktik sollte sich der Besucher zurechtlegen, wenn er das Museum durchschreitet? 

Neukirchner: Er sollte wachsam und auf Überraschungen gefasst sein. Es ist aber so, dass er sich auch auf eine gewisse Dramaturgie einstellen kann.

Das bedeutet? 

Neukirchner: Das Museum ist aufgebaut wie ein Fußballspiel oder ein Stadionbesuch. Es gibt eine Zeit vor dem Spiel, eine erste Halbzeit, eine Pause, eine zweite Halbzeit und eine Zeit danach. So beginnt der Besuch mit einer Rolltreppenfahrt, vorbei an einem Wimmelbild, das den Weg des Fans zum Stadion auf künstlerische Weise umsetzt. Anschließend durchquert der Besucher den Spielertunnel und ist plötzlich mitten im Geschehen. Die erste Halbzeit beginnt – und damit eine Reise durch die Welt des Fußballs.

Und das wird eher Erlebnisreise als Beobachtungstour? 

Neukirchner: Das Museum setzt auf Emotionalität. Bis dahin war es ein langer Prozess, der im Jahr 2000 begann, als im Oberhausener Gasometer die Ausstellung zum 100-jährigen Bestehen des Deutschen Fußball-Bundes gezeigt wurde. Es gab 3000 Objekte zu sehen, das Interesse war mit 216 000 Besuchern in gut fünf Monaten enorm groß. Seitdem gibt es die Vision eines Fußball-Museums.

„Wir haben keine Mona Lisa im Angebot, sondern ein emotionales Thema.“

Nun versteht sich das Museum als kulturelles Vermächtnis der Weltmeisterschaft 2006. Wir setzen die Vision um. Allerdings müssen wir berücksichtigen, dass sich die Wahrnehmung der Menschen seitdem verändert hat. Unsere Aufgabe ist es daher, Informationen in Emotionen umzuwandeln – zumal wir keine Mona Lisa im Angebot haben, sondern ein emotionales Thema. Daher spielen Inszenierungen und Interaktionen eine große Rolle.

Das heißt, das klassische Ausstellungsstück ist aus der Mode? 

Neukirchner: Nein, wir haben auch 1600 Exponate, auf die wir sehr stolz sind. Es ist nämlich gar nicht so einfach, an manche Stücke zu kommen, weil es einen hartumkämpften Markt gibt. Viele Exponate sind in einem Vereinsmuseum, von manchen können sich Nationalspieler nicht trennen.

Welche Exponate sind zum Beispiel zu sehen? 

Neukirchner: Wir haben den Endspielball von 1954, den sich Sepp Herberger gesichert hat. Wir haben aber auch den Füllfederhalter von Christoph Metzelder, mit dem er bei Real Madrid unterschrieben hat. Wir haben das Aufnahmegerät, das im Bundesligaskandal von 1971 eine wesentliche Rolle gespielt hat. Und wir haben einen Stock eines Kriegsgefangenen, wobei in den Stock Ergebnisse von Turnieren eingeritzt sind. Auch hier zeigt sich unser Ansatz: Die Dinge, die wir ausstellen, erzählen eine Geschichte.

Auf welches Exponat sind Sie besonders stolz? 

Neukirchner: Auf den Schuh von Helmut Rahn, mit dem er im WM-Finale 1954 den Siegtreffer erzielt hat. Für beide seiner Söhne ist er ein Heiligtum. Aber wir haben die Rahns von unserem Konzept überzeugt, weil wir auch Aufklärungsarbeit leisten und zeigen wollen, dass dieses 3:2 im WM-Finale von 1954 gegen Ungarn mehr war als ein Ergebnis. Das wollen wir gerade auch der jungen Generation verdeutlichen. Insofern ist die Ausstellung besser als jedes Geschichtsbuch.

Wir haben über den großen Fußball gesprochen. Wo findet sich der kleine Fußball wieder? 

Neukirchner: Er ist unsere zweite Säule. Auf einer großen LED-Wand ziehen die Namen der 26 000 Vereine vorbei, die im DFB organisiert sind. Wir machen auch deutlich, dass der große Fußball ohne den kleinen nicht möglich wäre, indem wir von einzelnen Stars darstellen, wo sie herkommen. Wir zeigen, dass ihr Anfang im Amateurbereich liegt.

Sie erwarten 260.000 Zuschauer im Jahr. Ist das nicht ein bisschen defensiv angesetzt angesichts des Fußball-Booms? 

Neukrichner: Mit 260 000 Zuschauern werden wir kostendeckend arbeiten. Das ist erst einmal wichtig. Natürlich dürfen wir die Hoffnung haben, dass mehr Menschen kommen als veranschlagt. Aber wir tun gut daran, erst einmal konservativ zu kalkulieren.

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