Interview: Fußballerin Martina Müller spricht über Karriereende

Martina Müller

Kassel. Weltmeisterin, Europameisterin, Triple-Gewinnerin, olympische Bronzemedaille und, und, und – die aus Kaufungen stammende Martina Müller blickt auf eine Karriere als Fußballerin zurück.

Die ging am vergangenen Sonntag in Frankfurt zu Ende. Mit dem 1:1 gegen den 1. FFC verpasste die 35-Jährige mit dem VfL Wolfsburg die Meisterschaft in der Frauen-Bundesliga. Logisch, dass da erst einmal die Tränen flossen.

Frau Müller, sind die Tränen wieder getrocknet? 

Martina Müller: Na klar. Wir haben nicht unser Maximalziel erreicht. Aber wir sind Pokalsieger – das ist doch was. In den vergangenen drei Jahren haben wir sechs Titel geholt. Mehr geht ja fast nicht.

War Ihnen nach dem Schlusspfiff klar, dass Ihre Karriere zu Ende geht? 

Müller: In Frankfurt war ich zuerst einfach nur gewurmt. Es tat gut, dass meine Familie und Freunde mir nach dem Spiel Trost gespendet haben. Dann ging es dann auch wieder. In der vergangenen Woche hatten wir weiterhin Training. Alles wie immer. Von daher fühlt es sich gar nicht nach Karriereende an. Der Abschied ist noch ganz weit weg.

Haben Sie sich wirklich keine Gedanken darüber gemacht? 

Müller: Ich glaube, das Gefühl wird erst später kommen. Wenn die anderen mit der Vorbereitung loslegen, wenn ich am Wochenende plötzlich frei habe, wenn ich nach der Arbeit nicht zum Training muss und mich stattdessen auf die Couch legen kann – dann werde ich wohl begreifen, dass alles vorbei ist.

Bekommen Sie da keinen Kloß im Hals? 

Müller: Natürlich werde ich die Kolleginnen vermissen. Mit einigen habe ich mehrere Jahre zusammengespielt. Ich war ja mehr auf dem Fußballplatz als zu Hause. Aber die Wege in Wolfsburg sind kurz. Wie heißt es so schön: Man ist nicht aus der Welt.

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie auf Ihre Laufbahn zurückblicken? 

Müller: Ich lasse nicht alles Revue passieren. Es kommt manchmal in Schüben.

Wie meinen Sie das? 

Müller: Zum Beispiel ist mir bewusst geworden, dass meine Karriere dort aufhörte, wo alles anfing. In Frankfurt beim FSV war meine erste Station im Seniorenbereich. Da war ich 19 Jahre alt. Wahnsinn. Oder auf dem Rückweg nach Wolfsburg: Als wir auf der A 7 am Lohfeldener Rüssel vorbeifuhren, musste ich daran denken, dass ich in der Jugend beim FSC Lohfelden das erste Mal in einer Mädchen-Mannschaft gespielt habe.

Gibt es den einen Moment? 

Müller: Ach herrje. Ein spezieller Moment fällt mir spontan gar nicht ein. Die Erfolge bleiben natürlich für immer in Erinnerung: zum Beispiel die WM 2003, die Bronzemedaille in Athen 2004 und das unfassbare Triple-Jahr 2013 mit Wolfsburg.

Was hat sich in all den Jahren im Frauen-Fußball getan? 

Müller: Wo soll ich da anfangen? Vor allem ist die Wertschätzung gestiegen. In den Vereinen gibt es profihafte Strukturen – das fängt damit an, dass Vollzeit-Trainer beschäftigt werden. Heute werden auch Gehälter gezahlt. Nicht viel. Eine Weltreise, wie sie Sebastian Kehl jetzt vorhat, kann ich mir nicht leisten. Aber wenn ich an früher denke: In Frankfurt bekam ich eine Monatskarte für die Bahn. Heute wird die Jugend in der Ausbildung von den Vereinen unterstützt. Es gibt hier und da Internate. Das war undenkbar zu meiner Zeit.

Würden Sie alles noch mal genauso machen? 

Müller: Absolut. Für mich ist alles perfekt gelaufen. Ich bin froh, dass ich die Erfahrungen machen durfte und mich da durchgebissen habe. Überlegen Sie mal: Am Anfang bin ich morgens um 5 Uhr mit dem Zug nach Wolfhagen gefahren. Da habe ich meine Ausbildung gemacht. Nach der Arbeit ging es mit der Bahn nach Frankfurt zum Training. Und um 21.18 Uhr ist der letzte ICE dann nach Kassel gefahren. Das weiß ich heute noch ganz genau.

Worauf freuen Sie sich denn jetzt am meisten? 

Müller: Ganz klar: Urlaub. Urlaub. Urlaub. In Zukunft kann ich endlich zu den günstigeren Zeiten verreisen.

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