Buchautor Christian Eichler über die Jahrhundertpartie

Ein Jahr nach dem 7:1 gegen Brasilien: „Geil auf das perfekte Spiel“

Das Raubtier schlägt wieder zu: Toni Kroos schiebt in der 26. Minute zum 4:0 ein. Die Brasilianer Fernandinho (von links), Torwart Julio Cesar, Dante und David Luiz sind reine Statisten. Foto: dpa

8. Juli 2014. Halbfinale der Fußball-Weltmeisterschaft in Belo Horizonte: Gastgeber Brasilien gegen Deutschland. Es wird ein Spiel, das für immer im Gedächtnis bleiben wird.

Die deutsche Mannschaft feiert mit dem 7:1 einen historischen Triumph. Wir blicken zurück:

Herr Eichler, Lust auf ein kleines Quiz zu Beginn?

Eichler: Gern.

Welchen Schwierigkeitsgrad wünschen Sie: leicht, mittel oder schwer?

Eichler: Wenn schon, denn schon: schwer!

Was geschah beim Spiel Brasilien gegen Deutschland in der 78. Minute? 

Eichler: In der 78. Minute? Das war eine Minute vor dem 7:0. Aber was ist da passiert? Ich weiß es nicht. Dann nehme ich doch die einfache Frage.

Okay: Was geschah in der 26. Minute? 

Eichler: Das ist wirklich einfach. Da ist das 4:0 durch Toni Kroos gefallen.

Bingo. Sie haben jede einzelne Minute des Spiels beschrieben und interpretiert. Wie oft haben Sie sich das Spiel angeschaut? 

Eichler: Einmal live vor Ort und dann noch zehn- bis fünfzehnmal – und das in verschiedenen Versionen. Ich habe mir zum Beispiel die Aufzeichnung des ZDF, die der BBC, die des brasilianischen und mexikanischen Fernsehens angesehen.

Ist es Ihnen irgendwann langweilig geworden? 

Eichler: Nein. Das Schreiben des Buches war total spannend, auch wenn das Spiel spätestens ab der 29. Minute vom rein Fußballerischen gar nicht mehr so interessant war. Dafür war es auf anderer Ebene spannend: Was passiert im Stadion? Was passiert in Brasilien? Wie entwickelt sich die Atmosphäre?

Das häufigste Wort rund um das Spiel war: unglaublich. Haben Sie heute eine Schlüsselerklärung für das, was geschah? 

Eichler: Die eine Erklärung gibt es nicht. Das war ein Tag, an dem alles zusammenkam. Ein Ansatz ist, dass Deutschland dem Gegner taktisch und strategisch um Jahre voraus war. Die Brasilianer haben einfach 14 Jahre länger als die Deutschen daran geglaubt, dass immer alles gut geht.

Heißt das auch, dass die Brasilianer das Spiel schon vor Anpfiff verloren haben? 

Eichler: Dies anzunehmen, wäre sicher vermessen. Ich habe die Brasilianer vor dem Spiel zwar spielerisch deutlich unterlegen eingeschätzt, aber trotzdem für einen gefährlichen Gegner gehalten, weil im Fußball die emotionale Energie manchmal Berge versetzen kann. Aber die Eigendynamik, die zum Beispiel der Ausfall des Superstars Neymar hätte auslösen können, ist genau in die andere Richtung ausgeschlagen. Die Brasilianer haben den Ausfall Neymars auf eine dermaßen überemotionale Art auszugleichen versucht, dass sie selbst wie gelähmt wirkten.

Woran machen Sie das fest? 

Eichler: In dem Moment, als die Spieler mit Neymar-Kappen aus ihrem Bus ausstiegen, habe ich mir schon gedacht: Jetzt übertreiben sie aber ein bisschen. Das war wie eine Heiligenverklärung. Sie haben gedacht, sie müssten nur noch mit Herz spielen. Und das ist danebengegangen.

Das Ganze gipfelte in knapp sieben wundersamen Minuten. Wie haben Sie den Zeitraum von der 23. bis zur 29. Minute mit vier deutschen Toren erlebt? 

Eichler: Einerseits sind die knapp sieben Minuten wie im Rausch an einem vorbeigezogen. Auch ich habe mich gefragt: Was ist denn hier los? Es gibt nicht wenige, die behaupten: Ich habe nicht verstanden, dass da schon wieder ein Tor gefallen ist. Manches sah ja auch aus wie die Wiederholung des letzten Tores. Manche haben sich nach dem 2:0 ein Bier aus dem Kühlschrank geholt, und als sie zurückgekehrt sind, stand es auf einmal 4:0.

Und andererseits? 

Eichler: Andererseits steckt in diesen sechs Minuten und 40 Sekunden, nach denen der brasilianische Fußball nicht mehr so war wie vor diesen sechs Minuten und 40 Sekunden, enorm viel. Da lässt sich erkennen, wie das System der Brasilianer durch individuelle Aussetzer komplett ausgefallen ist, weil David Luiz sich von seiner Position gelöst hat und Dante plötzlich völlig allein in der Abwehr stand. Das war wie ein unvollständiges Puzzle, das die Brasilianer da geboten haben. Insgesamt waren die sechs Minuten und 40 Sekunden also eine Zeit, die an einem vorbeiflog und zugleich voller Ereignisse war.

Sie sprechen von einem brasilianischen Systemausfall. Was aber haben die Deutschen dazu beigetragen? 

Eichler: Sie haben einfach nicht aufgehört. Man sieht das nach dem 3:0 durch Toni Kroos. Da vergehen nur 69 Sekunden bis zum nächsten Tor. Kroos hat an der Körpersprache des Gegners gesehen, wie verunsichert die Brasilianer waren. Er ist gleich wieder ins Pressing gegangen und war wie ein Raubtier, das seine Beute riecht – und das beim Stand von 3:0, wo sich andere zurücklehnen und sagen: Jetzt ist das Ding gelaufen. Die Deutschen waren geil auf das perfekte Spiel.

Was passierte danach im Stadion? 

Eichler: Es war eine gespenstische Stimmung, Totenstille – nur überdeckt von einzelnen Gesängen deutscher Fans. Das war schon erstaunlich, wenn man die Leidenschaft bei Spielen Brasiliens zuvor gesehen hat. Mir wurde fast unheimlich.

Es ist alles friedlich geblieben. 

Er wurde zum Symbol der brasilianischen Trauer: Der weinende Fan mit dem Weltpokal in Händen. Foto: dpa

Eichler: Ich glaube, das lag auch daran, dass sich die Brasilianer etwas geschämt haben. Da schleicht man sich eher nach Hause, als dass man auf irgendjemanden schimpft. Dass die Stimmung nicht umgeschlagen ist, lag aber auch am Verhalten der deutschen Mannschaft, die sachlich weitergespielt hat und der Versuchung widerstanden hat, den Gegner vorzuführen. Das 6:0 und 7:0 ist deshalb nicht als Demütigung empfunden worden. Im Gegenteil: Nach dem 7:0 haben die Brasilianer die deutsche Mannschaft gefeiert.

Sie schreiben, dass dieses Spiel immer heller strahlt, je weiter das Ereignis entfernt ist. Wie hell strahlt dieses 7:1 heute? 

Eichler: Es ist eines der größten Spiele der deutschen Elf – wenn es nicht sogar das größte Spiel ist. Nicht das 1:0 im Finale gegen Argentinien begründet einen Mythos, sondern das 7:1.

Was löst es heute in Ihnen aus? 

Eichler: Ich fühle mich unheimlich lebendig, wenn ich daran denke. Ich spüre gleich die Energie, die damals von dieser Mannschaft ausging. Es war insgesamt eine großartige WM. Und das 7:1 hat alles getoppt. Dieses Spiel war ein Jahrhundertspiel, obwohl es schon nach 29 

Minuten entschieden war.

Und nun schauen Sie sich dieses Spiel noch zehnmal an?

Eichler: Zehnmal nicht, aber am 8. Juli werde ich es mir noch einmal anschauen und mir ein Bier zwischen dem 3:0 und 4:0 aus dem Kühlschrank holen.

Dann müssen Sie sich aber sputen. 

Eichler: Ich beeile mich.

• In der 78. Minute ereignete sich im Übrigen nichts Weltbewegendes: David Luiz geriet mit Thomas Müller aneinander – ohne Folgen.

Christian Eichler (56) stammt aus Wanne-Eickel und ist in der Nähe des Schalker Parkstadions aufgewachsen. Nach dem Studium arbeitete er zunächst als Diplombibliothekar, seit 1989 ist er Sportredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und mehrfach ausgezeichnet. Christian Eichler ist verheiratet und hat zwei Söhne. Sein Buch „7:1 – Das Jahrhundertspiel“ ist im Verlag Droemer erschienen, es hat 288 Seiten und kostet 12,99 Euro.

In der gedruckten Ausgabe lesen Sie außerdem:

- Zahlen und Fakten zum 7:1

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