Baunataler Bundesligatrainer über Chefposten, Karriereplan und Corona

Mainz-Trainer Jan-Moritz Lichte: „Kloppo ist in anderen Sphären zu Hause“

Im Fokus: Jan-Moritz Lichte hatte Ende September das Cheftraineramt des 1. FSV Mainz 05 übernommen.
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Im Fokus: Jan-Moritz Lichte hatte Ende September das Cheftraineramt des 1. FSV Mainz 05 übernommen.

Erst als Co-Trainer den Klassenerhalt gefeiert, dann Ende September das Amt des Cheftrainers beim Fußball-Bundesligisten Mainz 05 übernommen: Es war ein ereignisreiches Jahr für Jan-Moritz Lichte.

Auch dem 40-Jährigen gelang es nicht, die Rheinhessen in ruhigeres Fahrwasser zu führen. Wir haben das Gespräch mit dem Nordhessen bereits Ende November geführt, da es aus terminlichen Gründen aufgrund der englischen Wochen nicht anders möglich war.

Nach zwei fast schon normalen Monaten hat sich im März das Leben massiv verändert. Wo haben Sie zum ersten Mal von Corona gehört?
Das weiß ich gar nicht mehr genau, weil das Ganze ja so häppchenweise kam. Damals konnte man noch nicht wirklich einschätzen, welche Konsequenzen das für die Welt haben würde. Bewusst wurde es einem dann mit den Bildern aus Italien.
Die Bundesliga nahm nach dem Lockdown als erste Liga den Spielbetrieb wieder auf, es gab Kritik an der bevorzugten Behandlung. War es trotzdem richtig, weiterzuspielen?
Mit der bevorzugten Behandlung ist das so eine Sache. Ich glaube, dass die DFL ein vernünftiges Hygienekonzept vorgelegt und so die Fortsetzung der Saison ermöglicht hat. Nebenbei ging das Arbeitsleben ja auch in anderen Bereichen weiter. Ich denke, dass es keine Sonderbehandlung war, sondern am Ende ein ausgeklügeltes Konzept stand, für das es von der Politik grünes Licht gab.
Wie haben Sie das erste Spiel ohne Fans erlebt?
Das ist schon sehr skurril, aber in den 90 Minuten bist du ohnehin sehr konzentriert auf deine Arbeit. Da macht es dann auch wenig Unterschied, ob 20.000 oder 80.000 da sind. Bei den Spielern ist der Unterschied schon dramatischer, wenn plötzlich alles still ist und man jeden Ruf hört. Ich freue mich aber total darauf, wenn die Fans wieder im Stadion sind – sie geben dem Fußball seine ganz besondere Atmosphäre und Emotionalität.
Mainz hat den Abstiegskampf dann bravourös gemeistert, gegen Dortmund und Konkurrent Bremen gewonnen. War es schwer, den Klassenerhalt nicht feiern zu dürfen?
Im Gegensatz zu meinem ersten Jahr in Mainz, als wir den Klassenerhalt in Dortmund perfekt gemacht haben, war das nun schon eine ganz andere Situation. Natürlich war die Freude auch in diesem Jahr sehr groß, doch ihn ohne die Fans und ohne eine große Party zu feiern, war schon extrem schade.
Nach der Sommerpause kam der katastrophale Fehlstart. Wirkt das Ganze während der Corona-Pandemie noch einsamer?
Wenn man Spiele verliert, kostet es immer jede Menge mehr Kraft. Aber es hat geholfen, dass uns die Fans in dieser schwierigen Phase in jeglicher Hinsicht unterstützt haben, auch wenn sie nur in geringer Zahl oder gar nicht in Stadion kommen durften. Zudem arbeiten wir mit dem Team Tag für Tag und sind deshalb auch nicht einsam oder allein.
Dann kam die Suspendierung von Adam Szalai, die Freistellung von Achim Beierlorzer und Ihre Beförderung. Haben Sie gleich Ja gesagt?
In dieser Situation haben Rouven Schröder und Stefan Hofmann gleich mit mir gesprochen und gesagt, dass sie sich das gut vorstellen können. Wenn du schon drei Jahre im Verein bist, dir der Klub viel bedeutet und es natürlich auch eine große Chance ist, dann brauchst du nicht so lange überlegen. Nachdem ich dann auch kurz mit meiner Familie gesprochen habe, ging das alles ziemlich zügig über die Bühne.
Wie schwer ist es, in dieser schweren sportlichen und gesellschaftlichen Phase erstmals als Cheftrainer an der Seitenlinie zu stehen?
Das war nicht einfach, keine Frage. Aber ich hatte nicht das Gefühl, dass es nicht zu schaffen wäre. Und das Vertrauen der Führungsriege hat mir dann Kraft und Selbstvertrauen gegeben.
Wie schnell kann man denn Dinge anders machen?
Es gibt Trainer, die sehr schnell etwas verändern, die innerhalb von einer Woche in der Lage sind, alles umzustellen. Das bin aber nicht ich. Ich mache das eher Schritt für Schritt. In dem Prozess sieht man dann meistens, ob etwas noch nicht so läuft, an welchen Stellschrauben man noch drehen muss. Manchmal muss man auch wieder einen halben Schritt zurückgehen.
2012 haben Sie mal in einem Interview gesagt, dass Sie keinen Druck haben, Cheftrainer zu werden. Damals waren Sie Assistent von Andre Schubert auf St. Pauli. Gab es einen Plan, wann Sie die Nummer eins auf der Bank werden wollten?
Nein, einen Karriereplan habe ich nie gemacht. Mit Mitte 20 habe ich mal das Gefühl gehabt, dass ich mit Fußball gern mein Geld verdienen würde. Allerdings habe ich dann auch recht schnell gemerkt, dass es als Spieler nicht reichen würde. Als ich dann in Baunatal die U19 betreut habe, wusste ich, dass mir die Trainertätigkeit unheimlich viel Spaß macht. Und mit dem Wechsel nach Paderborn war klar, dass ich das Ganze hauptamtlich machen und damit meinen Lebensunterhalt verdienen kann. Dass ich jetzt Cheftrainer bin, wirkt zwar etwas kurzfristig, aber auf jeden neuen Job bereitet man sich ja auch nicht Monate vor – darüber hinaus arbeite ich schon viele Jahre als Trainer.
Nach anfänglichen Niederlagen gab es auch erste Kritik. Wie viel größer ist der Druck nach dem Sprung vom Co- zum Cheftrainer?
Ich glaube, dass der Druck, den du dir selbst machst, noch größer ist. Als Co-Trainer bist du verantwortlich für gewisse Aufgabenbereiche, als Cheftrainer hast du die Verantwortung dafür, dass alles irgendwie läuft. Und wenn der Verein sagt, dass es nicht reicht, dann kann es mir natürlich wie jedem anderen Trainer gehen. Aber darüber mache ich mir keine Gedanken.
Einst hat Jürgen Klopp einen ähnlichen Negativstart noch in den Klassenerhalt umgewandelt. Ist er eine Art Vorbild für Sie?
Ich kenne Jürgen persönlich, und es ist vermessen zu sagen, er wäre mein Vorbild. Einem Vorbild möchte man ja nacheifern, aber Kloppo ist als Trainer in anderen Sphären zu Hause als ich, und ich bin zudem auch ein anderer Typ Mensch. Ich habe allergrößten Respekt vor ihm und seiner Arbeit, und ich finde es sensationell, wie er es schafft, langfristig bei Vereinen Erfolg zu haben. Aber mein Weg muss eben für mich persönlich passen.
Im Gespräch: Jan-Moritz Lichte (rechts) mit seinem Spieler Moussa Niakhate.

Zur Person

Jan-Moritz Lichte (40) war Spieler beim Fußball-Hessenligisten KSV Baunatal. 2007 wechselte er zum SC Paderborn, bei dem er Co-Trainer und zugleich Leiter des Nachwuchsleistungszentrums war. Im März 2011 schloss er die Ausbildung zum Fußball-Lehrer ab. Als Assistenzcoach arbeitete er anschließend beim FC St. Pauli, Bayer Leverkusen und Hannover 96. Seit 2017 steht er bei Mainz 05 unter Vertrag. Lichte ist verheiratet und hat drei Kinder. Die Familie wohnt in Wiesbaden und Paderborn.

Von Torsten Kohlhaase

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