Klopps lange Ehrenrunde: Ein Abschied vom BVB

+

Nach sieben Jahren verlässt Trainer Jürgen Klopp den Fußball-Bundesligisten Borussia Dortmund. Beim Saisonabschluss am Samstag gegen Werder Bremen stand der Abschied vom heimischen Publikum an. Eine Reportage aus Dortmund.

Dortmund. Als auch die Ehrenrunde gedreht war und sich die Abschiedszeremonie dem Ende zuneigte, trat Jürgen Klopp ein letztes Mal in diesem Dortmunder Fußball-Tempel namens Signal-Iduna-Park als Jürgen Klopp auf. Seine Spieler, die er groß gemacht hat, standen für ihn Spalier. Klopp schritt durch die Gasse, vorbei an Mats Hummels, vorbei an Roman Weidenfeller, vorbei an Ilkay Gündogan. Als er schließlich am Ende angelangt war, drehte er sich um und taperte hinter dem Rücken der Fußballprofis wieder an den Anfang des Spaliers. Er tat das so, als wolle er seine Jungs noch einmal linken und den Abschied hinauszögern. Schließlich ging er ein zweites Mal durch das Spalier.

In dieser Geste drücken sich nicht nur Klopps Witz und sein Hang aus, ganz gern ein Schelm zu sein, sondern in ihr spiegelt sich auch die Sehnsucht der Dortmunder. Da ist dieses Hoffen, dass sich der Meistermacher eines fernen oder vielleicht schon sehr nahen Tages wieder von hinten anschleicht und alle zusammen das noch einmal erleben, was sich in den vergangenen sieben Jahren ereignet hat. Klopp hat in diesem Zeitraum diesem Verein, dieser Stadt einen einzigartigen Stolz gegeben. Selten hat ein Trainer besser zu einem Klub und dessen von Malochertum und Direktheit geprägtem Umfeld besser gepasst als Klopp zu Dortmund. Er hat die Bedürfnisse der Menschen bedient, er hat ihre Herzen nicht nur erreicht, sondern berührt.

Wie sehr, das zeigte der ganze Tag in Dortmund. Schon lange vor dem Spiel gegen Werder Bremen herrscht rund um das Stadion und das angrenzende Kreuzviertel eine gewisse Anspannung. Die Menschen tragen ihre BVB-Trikots oder das Shirt mit der Aufschrift: "Danke, Kloppo!" Im Café gibt es nur ein Thema. Wer eine Karte fürs Stadion hat, wird beneidet von denen, die kein Ticket haben oder hinter dem Tresen arbeiten müssen.

Im Stadion haben sich schon lange vor Anpfiff die Anhänger vereint. Die Südtribüne, wo der Kern der Dortmunder Fans steht, huldigt zunächst Sebastian Kehl, dem langjährigen Kapitän des Teams, der nach 13 Jahre bei diesem Verein seine Karriere beendet. Kehl bekommt Blumen, die Zuschauer feiern ihn. Dieser Abschied allein wäre schon Beweis genug, welches Feingefühl ein Stadion entwickeln kann.

Da steht die Nummer mit Klopp noch aus. Der 47-Jährige wollte es so, er wollte sich aufs Spiel konzentrieren. Für ihn sollte es so sein wie immer - bis kurz vor halb vier. Da geschieht das, was sonst selten ist in Dortmund: Sie pfeifen auf Klopps Wunsch, es entspannt sich eine Choreografie, die ausdrücken soll, was alle empfinden: Es ist ein großes Bild von Klopp zu sehen, wie er in Richtung Fans in die Hände klatscht, dazu der Spruch: "Wir brauchen viele Jahre, bis wir verstehen, wie kostbar Augenblicke sein können." Augenblicke, die mit Klopp verbunden sind: zwei Meisterfeiern, ein Doublegewinn und viel mehr, was nicht mit Titeln verbunden ist.

Es ist nicht auszumachen, was Klopp denkt in diesem Moment. Kurze Zeit später gibt er wieder ganz normal Anweisungen, das Spiel gegen Bremen läuft. Er jubelt bei den Toren, er staucht noch einmal seine Jungs zusammen, er wechselt kurz vor Schluss Sebastian Kehl aus und herzt ihn. Und als der Schlusspfiff ertönt, klatscht Klopp ganz normal alle ab. Erst als sich die allgemeine Hektik gelegt hat, richtet sich der Fokus auf ihn. Die Mannschaft steht vor der Südtribüne, Sekunden vergehen, ehe Klopp schließlich nach vorn tritt, seine Kappe abnimmt und sich verneigt.

Dieses Wohlwollen ist ein gegenseitiges. Wo passiert das schon in einer Liga mit neun Trainerwechseln in einer Saison? Dass ein Trainer so gefeiert wird, wenn er geht? Als Klopp seine Ehrenrunde dreht, sind alle noch im Stadion, auf den Anzeigen, auf denen normalerweise Werbung prangt, steht: "Danke für sieben Jahre Vollgas." Bevor Klopp zu seinen Spielern zurückkehrt, die mittlerweile das Spalier gebildet haben, kommt er an den Bremen-Anhängern vorbei. Auch sie sind alle noch im Stadion, auch sie stehen nun und applaudieren. Es ist Klopps Tag, es ist Klopps Abschied von diesem Stadion. Einmal feiern möchte er aber trotzdem noch mit den Dortmundern - nächste Woche nach dem Pokalfinale gegen Wolfsburg.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.