Hitze und Hautabschürfungen sind die größten Probleme bei der Frauen-WM

Kunstrasen – mehr Fluch als Segen

Wenn das schwarze Granulat fliegt: Fußball auf Kunstrasen bei der Frauen-Weltmeisterschaft in Kanada, hier beim Spiel Deutschlands gegen das Team der Elfenbeinküste. Foto:  dpa

Der Aufschrei war groß – vor der WM der Fußball-Frauen. „Wir sind Versuchskaninchen“, wetterte Bundestrainerin Silvia Neid vor den ersten Titelkämpfen auf Kunstrasen.

Spielführerin Nadine Angerer, Teamkollegin Pauline Bremer aus Göttingen, US-Star Abby Wambach und Weltfußballerin Marta aus Brasilien wollten mit 50 anderen Nationalspielerinnen zusammen das Turnier in Kanada gar gerichtlich verbieten lassen.

Und jetzt? Die Vorrunde ist zu Ende, und es ist deutlich ruhiger geworden um das Plastikgrün. Klar, die Nachteile bleiben. Klar ist aber auch: Keine einzige schwerwiegende Verletzung ist auf den künstlichen Belag zurückzuführen.

WARUM KUNSTRASEN? 

Viele Betreiber von Arenen beobachten weltweit den Versuch in Kanada. Denn in allen großen, hohen Stadien gibt es ein eklatantes Problem: Die Rasenpflanzen können künstlich bewässert werden, sie bekommen aber zu wenig Licht zum Wachsen. Daher müssen in den Arenen oft schon nach wenigen Monaten die Wiesen kostspielig durch neuen Rollrasen ersetzt werden. In Kanada wird das Problem durch lange, kalte und dunkle Winter verstärkt. Also wurde im Endspiel-Stadion von Vancouver Kunstrasen verlegt. Und damit auf allen WM-Plätzen gleiche Bedingungen herrrschen, in allen anderen Stadien auch.

WELCHE PROBLEME GIBT ES? 

Gegen Hautabschürfungen sollen Vaselineschichten an den Beinen und knielange Radlerhosen schützen. Aber Wambach gesteht: „Du überlegst Dir sehr genau, ob Du in ein Tackling gehst oder grätschst.“

Gegen die Hitze jedoch haben die Spielerinnen kein Mittel. Das Wässern des Plastiks nützt wenig, „schon nach fünf Minuten ist der Platz wieder trocken. Schade um das Wasser“, hat „Bild“ Silvia Neid zitiert. Größere Mengen Granulat oder Sand sollen das stumpfe Geläuf schneller machen. Doch das Granulat ist aus Gummi und schwarz, wird aus alten Autoreifen gewonnen. Es heizt sich trotz Außentemperaturen von moderaten 23 Grad bis auf 50 Grad auf, kostet die Aktiven viel Substanz. Wambach: „Ein Albtraum.“

STECKT MEHR DAHINTER? 

Die Frauen fühlen sich diskriminiert: Die WM auf Kunstrasen sei illegal und eine Beleidigung. „Warum werden Männer-Turniere auch 2018 in Russland und sogar 2022 im brütend heißen Katar weiterhin auf Naturrasen gespielt?“, fragte US-Nationalspielerin Sydney Lerous. Abby Wambach gab die Antwort: „Weil sie das boykottieren würden.“

WAS SAGT EIN ORTHOPÄDE? 

Dr. Hans-Günter Schafdecker (54) von der Orthopädischen Praxisklinik in Baunatal, vermag „offenbar seriösen, fundierten Studien der Fifa und einer schwedischen Universität“ nicht zu widersprechen, wonach es für Erwachsene auf Kunstrasen kein erhöhtes Verletzungsrisiko gebe. Aber, so der einstige Jugendkicker bei KSV Baunatal und KSV Hessen Kassel: „Das höhere Tempo im Spiel und höhere Temperaturen auf dem Platz belasten Herz und Kreislauf mehr, sorgen für schnellere Erschöpfung.“ Im nordhessischen Alltag hat er festgestellt: „Hautabschürfungen sind deutlich häufiger, und bei Kindern im Wachstum haben wir vermehrt Knorpelschäden in Sprung- und Kniegelenken“, sagt Schafdecker, „vermutlich durch die Nachfederung des Belags, einen Rückstoßeffekt.“

WELCHE PERSPEKTIVE GIBT’S? 

Bei der Frauen-WM 2019 in Frankreich wird wieder auf natürlichem Grün gespielt. Wie früher. Und bei den Männern.

In der gedruckten Ausgabe am Freitag lesen Sie außerdem:

- Kunstrasen - das Für und Wider

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.