Ein afrikanisches Sommermärchen

Madagaskar überrascht beim Afrika-Cup und steht im Viertelfinale

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Feiern ausgelassen den Einzug ins Viertelfinale: Stürmer Faneva Andriatsima (Mitte) feiert mit seinen Teamkollegen nach dem gewonnenen Achtelfinale im Afrika-Cup gegen Republik Kongo mit den Fans in der Kurve.

Madagaskar mischt den afrikanischen Fußball auf. Bei der ersten Teilnahme beim Afrika-Cup erreicht das Team direkt das Viertelfinale.

Das Land, das eher mit schönen Landschaften, Regenwäldern und dem gleichnamigen Animationsfilm in Verbindung gebracht wird als mit mitreißendem Fußball, überrascht beim Afrika-Cup in Ägypten und steht völlig unerwartet im Viertfinale. Es ist die erste Teilnahme an der Afrika-Meisterschaft in der Geschichte des Landes – schon die Teilnahme an sich glich einer Sensation.

Die Vorzeichen für den sportlichen Erfolg der ehemaligen französischen Kolonie, die seit 1960 unabhängig ist, sind eigentlich alles andere als gut: Vereinen, Verband und Ligen fehlt es an Struktur und Geld. Junge Spieler, die eine Profi-Karriere anstreben, wechseln früh oft nach Frankreich. 30 000 aktive Fußballer gibt es in Madagaskar. In Deutschland sind es zum Vergleich 6,5 Millionen. Und doch schreibt das Land mit einer Fläche so groß wie Spanien gerade Fußballgeschichte.

Lutz Pfannenstiel, der einige Jahre in Namibia als Torwart- und Co-Trainer arbeitete und den Afrika-Cup als Experte für den Livestreamingdienst Dazn begleitet, zeigt sich im Gespräch mit unserer Zeitung begeistert ob der Leistung der Madagassen: „Das Märchen lebt. Da spielt sich eine goldene Generation in einen Rausch“, sagt Pfannenstiel.

Erste Anzeichen für ein madagassisches Sommermärchen gab es schon in der Vorrunde: Die Elf von Trainer Nicolas Dupuis, einem 51-jährigen Franzosen, der es bisher selbst nie über den Amateurbereich hinaus geschafft hatte, schickte den dreimaligen Afrikameister Nigeria mit 2:0 vom Platz und qualifizierte sich so für das Achtelfinale. Es folgte das nächste Ausrufezeichen: Mit 6:4 im Elfmeterschießen setze sich das Team, das gänzlich ohne Stars und mit in Vokalen fast untergehenden Namen wie Andriamirado Andrianarimanana und Njiva Rakotoharimalala auftritt, gegen die Auswahl der Republik Kongo durch.

Wie ist dieses Fußball-Märchen zu erklären? Bekannte Gesichter sucht man vergebens. Einige Spieler sind in der ersten und zweiten französischen Liga aktiv, manche spielen in Belgien. Mit 14 Millionen Euro hat der Kader einen geringeren Marktwert als ein guter Bundesligaspieler.

Pfannenspiel hebt die spielerische Qualität hervor: „Das ist eine technisch gute Mannschaft, die eine klare, einfache taktische Ausrichtung hat.“ Ihre Vorgabe: „Gut stehen und mit schnellen Angriffen Nadelstiche setzen.“ Die Spieler haben keine Angst vor größeren Namen und gehen ohne Furcht in Dribblings, beobachtet Pfannenstiel. „Bei so einem Turnier, das für viele der Höhepunkt ihrer Karriere ist, gelingt dann alles“. Der Vater des Erfolges ist Dupuis. Es ist auch sein größter Erfolg. Er sei es, der seine Spieler optimal einstelle: „Die Truppe geht jedes Spiel wie ein Endspiel an.“

Erfolgversprechend sei auch die Mischung. „Auf den Schlüsselpositionen haben sie Spieler, die in Europa ausgebildet wurden.“ Hinzu kommen „lokale Spieler“, die ihre Vorgaben eins zu eins umsetzen. Fußballer wie Andria, der beim Afrika-Cup schon fünf Tore schoss, spielen sich in den Vordergrund. „Mit Tunesien oder Ghana warten jetzt zwei Powerhäuser des afrikanischen Fußballs auf Madagaskar“, sagt Pfannenstiel. Doch wenn dieser Afrika-Cup eins zeigt, dann dass für Madagaskar alles möglich scheint.

Lutz Pfannenstiel (46) ist ein ehemaliger deutscher Fußballtorhüter. Der in Zwiesel (Bayern) geborene Fußball-Weltenbummler war nach seiner Spielerkarriere Scout bei 1899 Hoffenheim. Seit Ende 2018 ist er Sportvorstand bei Fortuna Düsseldorf und bei Dazn derzeit Experte für den Afrika-Cup.

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