Martina Müller: Tor und Tränen zum Abschied

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Muss getröstet werden: Martina Müller (rechts) kann ihre Tränen nicht zurückhalten. Sie sucht Trost bei Mitspielerin Yuki Ogimi.

Frankfurt. Um 15.43 Uhr geht eine Ära zu Ende. Im Stadion am Bretanobad im Frankfurter Ortsteil Rödelheim verlässt Martina Müller den Platz. Es ist ihre letzte Aktion auf der großen Fußballbühne.

Beim Stand von 1:1 wird die aus Kaufungen stammende Spielerin in der 84. Minute ausgewechselt. Nicht nur der Anhang des VfL Wolfsburg applaudiert. Auch die Fans des 1. FFC Frankfurt spenden Beifall. Für einen kurzen Moment gerät fast in Vergessenheit, dass es hier um die Deutsche Meisterschaft geht.

Nur Müller scheint den Ernst der Lage zu begreifen. Sie schlendert nicht, sie genießt nicht die Atmosphäre, nein: Müller sprintet zur Wolfsburger Auswechselbank. Später sagt sie: „Ich hab das in dem Moment gar nicht wahrgenommen. Ich wollte unbedingt gewinnen.“ Typisch Müller: Immer alles geben. Und natürlich hat die Angreiferin auch in diesem wichtigen Spiel getroffen. Sie verabschiedet sich mit einem Tor – das 1:1 gegen die Südhessen reicht am Ende aber nicht, weil im Fernduell die Frauen des FC Bayern gegen Essen 2:0 gewinnen und den Titel nach München holen.

Ein denkwürdiger Tag, nicht nur wegen Müllers Abschied.

Die Konstellation

Vor dem Anpfiff herrscht reger Betrieb im Presse- und Vip-Bereich. Frauen-Bundestrainerin Silvia Neid plaudert angeregt mit DFB-Präsident Wolfgang Niersbach, zahlreiche Medienvertreter tauschen noch schnell die letzten Informationen aus – ganz klar, hier in Frankfurt passiert heute etwas Außergewöhnliches. Stadionsprecher Werner Damm, ehemaliger Mitarbeiter des HR, spricht nicht nur einmal von einem Herzschlagfinale an diesem letzten Spieltag in der Frauen-Bundesliga. Wolfsburg, München und Frankfurt können Meister werden.

Der Anhang

Unterstützung der Familie: Martina Müllers Schwester Steffi Apel mit den Kindern Luis und Leni.

Nicht nur der Dreikampf lässt die Aufregung im Wolfsburger Fanblock steigen. Dort steht Martina Müllers Familie, und deren Kribbeln hat zwei Gründe. „Natürlich fiebern wir um die Meisterschaft mit. Aber es ist auch Martinas letztes Spiel. Das ist schon ein komisches Gefühl“, sagt Schwester Steffi Apel, die mit den Kindern Luis und Leni angereist ist. Am Zaun vor der Tribüne hat der VfL-Anhang auf Plakaten eine Botschaft hinterlassen. „Danke Metti!“ So wird Müller bei den Niedersachsen genannt.

Das Spiel

Die Frankfurterinnen sind im ersten Durchgang das bessere Team und führen nach dem frühen Treffer (6. Minute) von Vero Boquete verdient 1:0. In der zweiten Hälfte drehen die Gäste auf, und – wie sollte es anders sein: Die Frau für die entscheidenden Tore erzielt den 1:1-Ausgleich (54.). Überhaupt ist die 35-jährige Müller einmal mehr das Duracell-Häschen, das läuft, rackert und die Kolleginnen anfeuert. „Ich liebe solche Spiele, in denen es um alles geht“, sagt Müller. Am Ende steht dieses 1:1, die Wolfsburger Vizemeisterschaft und die Qualifikation für die Champions League. „Natürlich wären wir lieber Meister geworden“, fasst die Nordhessin zusammen.

Der Abschied

Nach dem Schlusspfiff beginnt für Müller ein Umarmungsmarathon. Die Wolfsburgerinnen herzen sie, die Frankfurterinnen auch, die Fans, und natürlich fließt das eine oder andere Tränchen. Über ihre Gefühlswelt kann Müller keine Auskunft geben. „Ich bin einfach nur leer“, sagt sie. Nach 17 Jahren Fußball auf höchsten Niveau und 314 Ligaspielen wird es noch ein Weilchen dauern, bis Martina Müller ihr Karriereende tatsächlich begreift.

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