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Die neue DFB-Vizepräsidentin Silke Sinning im Interview: „Meine Tochter war entscheidend“

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Von: Maximilian Bülau

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Bernd Neuendorf (links) und Rainer Koch.
Präsident und Ex-Vize: Bernd Neuendorf (links) und Rainer Koch. © Revierfoto/dpa

Am vergangenen Freitag wurde mit Bernd Neuendorf der 14. Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) gewählt. Hinterher wurde aber mehr über eine andere Personalie gesprochen.

Denn der umstrittene Vize-Präsident Rainer Koch verlor in einer geheimen Kampfabstimmung seinen Posten an Silke Sinning. Die 52-Jährige ist in Nenterode in der Gemeinde Knüllwald im nordhessischen Schwalm-Eder-Kreis zuhause. Wir haben mit ihr über den Mut gesprochen, den sie brauchte, um sich Koch zu stellen und die Stärke, dem Druck im Vorfeld standzuhalten.

Frau Sinning, den Wahlkampf haben Sie noch mit Peter Peters bestritten. Präsident ist nun aber Bernd Neuendorf.

Richtig. Wir hatten einen netten ersten Kontakt, werden uns demnächst auch treffen, um meine Themengebiete zu besprechen. Ich habe mich beim Hessischen Fußball-Verband vor allem um Frauen- und Mädchenfußball, Nachhaltigkeit und Diversität gekümmert. Für Frauen und Mädchen sowie Diversität gibt es schon Vize-Präsidentinnen, die diese Aufgaben übernehmen. Das Thema Nachhaltigkeit kann ich mir gut vorstellen. Ich habe auch noch weitere Ideen, die ich aber erst mit Bernd Neuendorf besprechen möchte.

Sie haben in einer Kampfabstimmung das „System Koch“ beim DFB beendet. Viele hatten vorher vermutet – vielleicht auch Rainer Koch selbst – dass Sie vielleicht gar nicht mehr antreten, wenn Bernd Neuendorf gewählt wird. Warum haben Sie es dennoch gemacht?

Wir sind in einem Team gestartet und wollten mit diesem Team auch gemeinsam antreten. Ralf Viktora hat von vornherein gesagt, sollte Neuendorf und nicht Peters gewählt werden, dann wird er dem Schatzmeister nicht im Weg stehen. Der Schatzmeister ist das zweitwichtigste Amt neben dem des Präsidenten, da braucht es eine gute Bindung. Ich habe bis zuletzt immer gesagt, dass ich es von der Situation abhängig machen möchte.

Die hat gepasst?

In der Woche vor der Wahl habe ich viele Rückmeldungen bekommen. Dahingehend, dass ich antreten soll, wenn mich der Bayerische Fußball-Verband schon vorschlägt. Ich wollte abwarten, weil ich nicht wusste, ob ich den Mut aufbringen kann, nach vorn zu gehen. Meine Rede habe ich erst am Mittwoch vor der Wahl geschrieben, vorher habe ich nichts zu Papier bringen können. Meine Tochter war am Ende entscheidend. Die ist neun Jahre alt und hat sich bei der Wahl zur Klassensprecherin aufstellen lassen. Nach dem ersten Wahlgang hatte sie so viele Stimmen wie ihre Freundin, im zweiten Wahlgang dann eine weniger. Für sie war klar: Dann unterstütze ich jetzt meine Freundin. Das hat mir irgendwie den letzten Schub gegeben.

Dennoch war das Ergebnis für Sie überraschend.

Ich habe überhaupt nicht damit gerechnet. Rainer Koch ist eigentlich ein toller Redner. Als er als erster Vizepräsident am Anfang des Bundestages gesprochen hat, da bin ich in meinem Stuhl noch ein bisschen weiter zusammengesackt. Er hat alles im Blick. Ich musste mich bei meiner Rede an meinen Karteikarten festhalten, obwohl ich freies Reden gewohnt bin. Ich glaube, es liegt nicht allein an mir. Die Delegierten haben sich eine neue Situation gewünscht.

Die Rede von Rainer Koch vor der Abstimmung soll dann aber ziemlich bedenklich gewesen sein.

Man könnte vermuten, dass er nicht damit gerechnet hat, dass ich den Mut aufbringe, mich wirklich zur Wahl zu stellen. Ich war selbst verwundert, dass diese Rede dann nicht die gewohnte Prägnanz hatte.

In den Wochen zuvor war Stärke gefragt. Es gab die Forderung vom HFV-Präsidenten, Ihre Kandidatur für das Team Peters zurückzuziehen oder den Verband zu verlassen.

Das war eine anstrengende Zeit, in der ich viel gelernt habe. Aber wir standen im Team zusammen, haben das Ultimatum auch verstreichen lassen. Ich habe den Kopf oben behalten und den Blick nach vorn gerichtet. Es gab immer neue Situationen, auf die ich reagieren musste. Ob das wirklich Stärke war, weiß ich nicht. Das könnte man nach dieser sensationellen Wahl natürlich behaupten. Ich habe mich einfach an Themen festgehalten. Dazu kommt meine Familie, die mich unterstützt, und das Glück, einen Traumjob zu haben. Am Ende habe ich aber auch die Tage runtergezählt.

Was kann sich Nordhessen denn von einer Nordhessin beim DFB erhoffen?

In die Verbandsarbeit werde ich Beispiele aus der Region mitnehmen. Ich kenne auch den Süden Hessens, habe in Limburg gewohnt. Seit Anfang des vergangenen Jahres lebe ich wieder in Nenterode. Wir haben beim DFB-Bundestag jetzt den Wunsch auf Veränderung verspürt, um die wir uns kümmern müssen. Wir wollen einen Neuanfang. (Maximilian Bülau)

Zur Person

Silke Sinning (52) ist unter anderem seit 2008 Vorsitzende des Frauen- und Mädchenfußballausschusses des Hessischen Fußball-Verbandes. Die Mutter eines neun Jahre alten Mädchens ist Professorin für Sportpädagogik und -didaktik sowie Sportsoziologie an der Universität Koblenz-Landau. Sinning lebt in Nenterode und ist ledig. 

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