Wir erklären, wer Torschüsse und Pässe zählt

Millionen Daten pro Spiel: So werden Fußball-Statistiken erfasst

Kassel. Jeder Fußballfan kennt sie, jeder Fußballfan liebt sie: Statistiken rund um das Leder. Wir gehen der Frage nach, wo diese Zahlen eigentlich herkommen.

Wie oft war Spieler X am Ball? Wie viele Flanken schlug Y? Und welcher Profi läuft eigentlich am meisten bei Mannschaft Z? Auch am sechsten Spieltag der aktuellen Bundesligasaison gab es ein Zahlenspiel, das an Stammtischen und in Behördenkantinen gleichermaßen für Gesprächsstoff gesorgt hat: die 206 Ballkontakte des Bayernprofis Xabi Alonso beim 2:0-Erfolg gegen den 1. FC Köln – Rekord in der Bundesliga.

Wir sprachen mit Holger Rahlfs von der Firma Deltatre. Das Unternehmen ist ein Spezialist auf dem Gebiet der Datenerhebung und -analyse im Bereich Fußball. Unterschieden wird dabei in Scouting und Tracking. Ersteres ist die statistische Live-Erfassung eines Spielers. Das Tracking ist die Messung der physischen Leistungswerte eines Spielers.

Wer erfasst die Daten?

Bei einem Bundesligaspiel sind vier Leute vor Ort. Ein Scout und drei Tracker. Der Scout beobachtet die Partie. Er kommentiert per Mikrofon das Spiel stichwortartig. Die Beschreibung eines Spielzugs der Bayern könnte lauten: Schweinsteiger - Flanke - Alonso - Kopfball - Tor.

Einer der Tracker hört per Kopfhörer mit. Er erfasst die Daten und speist sie in einen Computer ein. Der dritte Mann trägt zusätzliche Informationen zusammen. Der vierte Mitarbeiter des Teams kümmert sich nur um die Videosoftware für Trackingdaten. Obendrein kontrolliert ein sogenannter Supervisor die Daten stichprobenartig. Während das Tracking ein vollautomatisches Verfahren ist, wird beim Scouting noch viel Handarbeit verlangt, etwa beim Eingeben der einzelnen Spielereignisse. Tracking- und Scoutingdaten werden anschließend zusammengeführt. Sie landen in Live-Datenbanken, in denen automatisch Statistiken erstellt werden. Diese aktualisieren sich in Echtzeit.

Die Statistiken können vielfach verwendet werden. Onlinedienste etwa bezahlen Unternehmen wie Deltatre für die Bereitstellung der Daten, die sie dann über ihre eigene Plattform meist kostenlos und live dem Nutzer zur Verfügung stellen, Zeitungen drucken sie ab. Während einer Live-Übertragung im Fernsehen nutzen häufig auch die Kommentatoren die Dienste – wenn sie etwa berichten, dass ein Spieler auf dem Platz bereits zehn Kilometer zurückgelegt hat.

Was bedeutet Tracking?

Das Wort Tracking kommt aus dem Englischen und bedeutet so viel wie jemanden oder etwas verfolgen. Das System wurde erst im Jahr 2011 in der Bundesliga eingeführt. Deltatre verwendet dafür pro Spiel zwei hochauflösende Kameras. Jeweils eine Kamera beobachtet dabei eine Spielhälfte. Das System erkennt automatisch, welcher Spieler sich wo befindet. Aus diesen Daten wird das Laufverhalten und das Positionsspiel für jeden einzelnen Akteur errechnet.

Die Bilder der Kameras werden Frame für Frame – also Einzelbild für Einzelbild – ausgewertet. Komplexe Laufwege, etwa ein Zick-zack-Kurs über den gesamten Platz, werden in optimierte Messwerte umgewandelt. Ein Algorithmus errechnet daraus die zurückgelegte Distanz sowie die Geschwindigkeit des Profis.

Dabei fällt eine unglaubliche Menge an Daten an. Die Kameras zeichnen 25 Einzelbilder die Sekunde auf. Bei einem 90-minütigen Spiel ergibt das 135.000 Bilder – pro Spieler. Multipliziert mit 22 Akteuren auf dem Feld sind das fast drei Millionen einzelne Positionsdatensätze.

Was ist Scouting?

Vom Englischen „to scout“, also auskundschaften, bedeutet es im Hinblick auf die Fußballstatistik das Erfassen einzelner Spielaktionen. Das sind pro Partie mehr als 2000 Ereignisse. Die Liste ist lang und reicht von A wie Abseits bis Z wie Zweikämpfe. Ballkontakte und Pässe machen den Großteil dieser Ereignisse aus.

Während jeder Fußballsaison zählen die Statistiker mehr als eine Million Spielaktionen. Hier kommen zu dem deutschen Bundesligabetrieb noch Spiele mit heimischer Beteiligung auf europäischer Ebene sowie Partien der deutschen Nationalmannschaft. Auch hier ist die Menge an Informationen immens: Seit 1992 hat Deltatre jedes Bundesligaspiel statistisch erfasst. Hinzu kommt eine Datenbank, die bis zur Gründung der Bundesliga im Jahr 1963 zurückreicht.

Wie lauten die aktuellen Bestwerte?

Auch in der Bundesligasaison 2013/14 gab es einige interessante Spitzenwerte. Hier sind fünf Zahlenspiele aus der Datenbank von Deltatre:

Die meisten Torschüsse in einem Spiel gab es bei Hoffenheim gegen Augsburg (2:0) am 30. Spieltag mit 49 Abschlüssen. Hoffenheim gab 26, Augsburg 23 Torschüsse ab.

Die meisten Torschüsse einer Mannschaft waren 32. Das gab es gleich dreimal (Schalke gegen Braunschweig und Dortmund gegen den HSV sowie der BVB gegen Bremen).

• Beim Spiel Frankfurt gegen Hoffenheim gab es insgesamt die meisten Fouls, nämlich 47.

Die größte Laufstrecke legte Mönchengladbachs Christoph Kramer zurück. Gegen den HSV (0:2) lief er am 11. Spieltag 13,9 Kilometer.

Den schnellsten Lauf zeigte der Ex-Braunschweiger Karim Bellarabi, der am 23. Spieltag gegen Mönchengladbach (1:1) 34,96 Kilometer pro Stunde sprintete.

Was versteht man unter...

Die Scoutingdaten richten sich nach einem sportwissenschaftlichen Definitionskatalog. In der Saison 2011/12 ist dieser von der Deutschen Fußball Liga (DFL) vereinheitlicht worden, denn es gibt neben Deltatre noch weitere Anbieter. Der Katalog ist als Mittel zur Standardisierung gedacht. Auf diese Weise soll er die Bewertung einer Spielsituation erleichtern. Wir zeigen ein kleines Glossar der Scoutingaktionen und verdeutlichen das am Beispiel des Profis Xabi Alonso beim 2:1-Erfolg beim 1. FC Köln:

• Torschuss: Jede Aktion von Alonso mit dem Ball mit der Absicht, ein Tor zu erzielen. Dabei muss nicht zwingend der Fuß im Spiel sein, auch Kopfbälle zählen. Während der 90+1 Spielminuten kam der Mittelfeldmann auf einen Torschuss.

• Ballkontakt: Die offizielle Bezeichnung lautet Ballbesitzphase. Vereinfacht gesagt heißt das: Der Spieler bekommt den Ball, er macht etwas damit und ist ihn dann wieder los. Dabei ist es egal, ob er drei Gegenspieler hat stehenlassen oder bloß den Ball mit einer Berührung hat abtropfen lassen. Der 32-jährige Alonso kam gegen den FC auf sagenhafte 206 Ballkontakte – Bundesligarekord!

• Fehlpass: Das sind Pässe, die nicht beim Mitspieler angekommen sind. Der beidfüßige Alonso spielte 19 Fehlpässe. Bei 204 gespielten Pässen errechnet sich eine Fehlpassquote von neun Prozent.

• Fouls/gefoult worden: Aktionen, die der Schiedsrichter als solche beurteilt. Die damit zusammenhängende Statistik für Gelbe und Rote Karten wird nach Abpfiff mit dem Unparteiischen abgeglichen. Der Defensivspezialist sah keinen Karton gegen Köln, foulte selbst einmal und musste zweimal einstecken.

Wer steckt dahinter?

Deltatre (sprich: Delta-tre) hieß bis zum Februar dieses Jahres Impire. Eine Übernahme brachte die Namensänderung mit sich. Impire wurde 1988 gegründet. 1992 eröffnete die Firma die wohl bis heute bekannteste Fußball-Datenbank, nämlich die des Sportmagazins ran auf Sat1.

Neben der Bereitstellung von Fußballstatistiken werden weitere Dienstleistungen angeboten. Dazu zählen Liveticker für mobile Endgeräte, redaktionelle Beiträge für Zeitungen und Grafiken für TV-Sender. Das sind die Mannschaftsaufstellungen vor Spielbeginn.

Auch Bundesligaclubs arbeiten mit den erhobenen Daten. Unter anderem werden Auswertungen der jeweils nächsten Gegner angeboten. Eine detaillierte Analyse der eigenen Spieler ist ebenfalls möglich.

Der Hauptsitz von Deltatre ist in Ismaning, das knapp 15 Kilometer nordöstlich von München liegt. Etwa 260 Menschen arbeiten mit. Ein guter Spielbeobachter müsse vor allem zwei Dinge erfüllen, sagt Holger Rahlfs: Ein grundsätzliches Verständnis des Fußballspiels sowie Wissen über Aufstellungen und Spieler einer Mannschaft.

Von Matthias Hoffmann.

Rubriklistenbild: © AFP

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