Taskforce soll helfen 

Nach Corona: Zeit für eine Wende im Fußball?

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Teures Transferobjekt und Mann der Rücklagen: Jadon Sancho (links) hat derzeit den höchsten Marktwert aller Bundesligaspieler. Uli Hoeneß (rechts) hat beim FC Bayern für ein pralles Festgeldkonto gesorgt.  

Kassel –Es gibt mal wieder eine Taskforce im deutschen Fußball – und der Name, wow: Taskforce „Zukunft Profifußball“. Klingt nicht schlecht und hört sich ambitioniert an. Zwar geht es aktuell darum, die Saison irgendwie zu retten. Aber ab Herbst soll nach Vorstellung von Christian Seifert, Chef der Deutschen Fußball Liga (DFL), solch eine Arbeitsgruppe die Fehler der Vergangenheit beheben. Zumal die Coronakrise deutlich aufzeigt, woran das System krankt.

Fehlendes Eigenkapital der Klubs, teils immense Schulden, Abhängigkeit vom TV-Geld und, und, und. Nur: An welchen Stellen sollten Änderungen ansetzen? Was muss passieren, damit der Profifußball tatsächlich eine Zukunft hat? Da gibt es freilich eine Reihe von Ansätzen. Wir versuchen, entscheidende Punkte herauszuarbeiten – ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Und die jeweiligen Änderungen überprüfen wir zudem auf Realisierbarkeit:

Gehaltsdeckelung

Was dafür spricht: Rein rechtlich wäre eine Deckelung der Gehälter zwar (noch) nicht umsetzbar. Was aber nicht vergessen werden darf: Hinter den zum Teil haarsträubenden Löhnen, die Fußballer jährlich kassieren, steckt ein nicht zu unterschätzender Teil der Misere. Und gemeint sind nicht nur finanzielle Engpässe. Die irrwitzigen Summen haben nicht zuletzt zu einer Entfremdung mit den Fans geführt, mit den Jungs aus der Kurve.

Was dagegen spricht: Eine Gehaltsdeckelung der Bundesliga-Spieler käme überhaupt nur dann infrage, wenn diese Regelung mindestens europaweit eingeführt wird. Wenn andere Topligen in Spanien, England und Italien nicht mitziehen, hätte das nur zur Folge, das Stars Deutschland meiden, nicht einmal mehr der FC Bayern in den internationalen Wettbewerben mithalten kann und die Liga unattraktiver wird. Von einer solchen gemeinschaftlichen Lösung ist der Fußball weit entfernt.

Rücklagenbildung

Was dafür spricht:Das Stichwort heißt Nachhaltigkeit oder auch Wirtschaften mit Augenmaß. Das Problem aktuell ist, dass viele Klubs ihre Finanzierung offenbar mit Abenteuerlust verwechseln. Zum Beispiel haben einige Vereine bereits Rechte auf Einkünfte verschachert, die in der Zukunft liegen. Forfaitierung nennt sich das. In dieser Krise zeigt sich aber, dass ein Festgeldkonto, so konservativ und verstaubt es auch anmuten mag, nicht das Schlechteste ist.

Was dagegen spricht: Die Vorstellung, dass die Vereine konservativer wirtschaften, ist zwar schön und wäre mit Blick auf die Folgen einer solchen Pandemie auch zwingend erforderlich. Ob das im irgendwann wieder normalen Liga-Alltag allerdings möglich ist, ist zumindest fraglich. Denn so wird der Traum vom internationalen Geschäft für viele Klubs lange ein Wunsch bleiben. Denkbar ist, dass sich die Abschlusstabelle schon vor dem Saisonstart recht sicher vorhersagen lässt.

Transferruhe

Was dafür spricht: Experten sind sich sicher, dass ein Jadon Sancho von Borussia Dortmund in diesem Sommer nicht für 100 Millionen Euro oder mehr wechseln wird. Ohne Corona hätte der Engländer sicher zwischen 120 und 160 Millionen in die BVB-Kasse gespült. Das ist die kurzfristige Auswirkung der Krise. Aber: Gut vorstellbar, dass Vereine in Zukunft vorsichtiger mit ihren Ausgaben sind. Wissen sie doch nun, wie wichtig Rücklagen im Zweifel sein können.

Was dagegen spricht: Der Sportökonom Daniel Weimar hat eine Formel: „Wer spart, steigt ab.“ Um im internationalen Wettbewerb mithalten zu können, werden deutsche Klubs auf kurz oder lang wieder ordentlich mitbieten müssen. Europäische Top-Vereine werden sich nach Corona kurz schütteln, Scheichs und Oligarchen machen ihre Schatullen auf, und am „Rattenrennen“ namens Transfermarkt wird sich nichts ändern. Davor wird sich die Bundesliga nicht verschließen können.

Solidaritätswachstum

Was dafür spricht:Ähnlich wie derzeit die Marke „made in Germany“ wieder an Bedeutung gewinnt, nimmt auch die Wahrnehmung des gesamtdeutschen Fußballs zu. Heißt: Es geht nicht mehr nur um höher, schneller, weiter und im Zweifel um eine europäische Superliga. Die Krise hat gezeigt, dass kaum ein Verein ohne Hilfe überleben könnte. Deswegen könnte die Bundesliga einen Teil ihrer TV-Einnahmen zur Stärkung der Basis an die unteren Ligen weitergeben.

Was dagegen spricht: Jeder ist sich selbst der Nächste. Die Redensart gilt besonders im Fußball. Das zeigte sich bereits zu Beginn der Krise, als Vereinsbosse entlarvende Aussagen machten. Einer von ihnen war Hans-Joachim Watzke von Borussia Dortmund. Sinngemäß sagte er in der ARD-Sportschau: Er sehe es nicht ein, dass Vereine, die gut gewirtschaftet und sich ein Polster zugelegt haben, nun für andere, die das eben nicht taten, einspringen müssen. Die Solidarität hört beim eigenen Geldbeutel auf.

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