"Sehr traurig"

Naki in Türkei zu Bewährungsstrafe verurteilt

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Deniz Naki wurde in der Türkei zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Der Fußballer zur "Bild"-Zeitung: "Ich werde weiter den Mund aufmachen." Foto: Str

Da er sich mit kurdischen Opfern solidarisierte, muss der frühere Bundesligaspieler Deniz Naki vor Gericht und wurde verurteilt. Die politische Justiz von Staatspräsident Erdoğan macht auch nicht vor Fußballern halt.

Istanbul (dpa) - Ein Jahr, sechs Monate und 22 Tage Haft auf Bewährung wegen "Terrorpropaganda" - Fußball-Profi Deniz Naki war nach der Berufungsverhandlung vor einem Gericht in der Südtürkei "sehr enttäuscht".

Bei der ersten Verhandlung "bin ich noch freigesprochen worden. Mit so einem Urteil herauszukommen, macht mich sehr traurig", sagte der ehemalige deutsche U21-Nationalspieler der ARD.

Die Bewährungszeit betrage fünf Jahre, erläuterte Soran Haldi Mizrak, der Rechtsanwalt des bei Amed SK in der Kurdenmetropole Diyarbakir spielenden Fußball-Profis, am Donnerstag der Deutschen Presse-Agentur. In dieser Zeit dürfe Naki sich nichts zuschulden kommen lassen. Der Jurist kritisierte die Entscheidung nach der halbstündigen Verhandlung zudem als "willkürlich".

Der Online-Zeitung "Haberdar" sagte Naki: "Mein Ziel ist es immer, eine Botschaft des Friedens zu verbreiten. Ich bin ein Mensch, der gegen den Krieg ist." Deswegen sei er "traurig" über das Urteil. "Aber das zeigt auch, dass derjenige der im momentanen Zustand des Landes eine Botschaft des Friedens verbreiten will und auf der Seite des Friedens, gegen den Krieg steht, mit solchen Problemen konfrontiert wird." Der "Bild"-Zeitung sagte der im nordrhein-westfälischen Düren geborene 27-Jährige: "Ich werde weiter den Mund aufmachen, wenn ich Menschen Not leiden sehe."

Hintergrund des Verfahrens waren Twitter- und Facebook-Nachrichten Nakis, in denen er unter anderem das Vorgehen des türkischen Militärs im kurdisch geprägten Südosten des Landes kritisiert hatte. Nachdem Amed im Januar 2016 im Pokal gegen den Erstligisten Bursaspor gewonnen hatte, schrieb Naki unter anderem, der Sieg sei denen gewidmet, "die bei den Grausamkeiten, die seit über 50 Tagen auf unserem Boden stattfinden, getötet oder verletzt wurden".

In der Türkei geht das Militär seit dem Scheitern eines Waffenstillstands im Sommer 2015 im Südosten des Landes gegen die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK vor. Die PKK wiederum verübt immer wieder Anschläge. Naki sprach mit Blick auf seine Veröffentlichungen von Friedensbotschaften. Trotzdem folgten auf die Botschaften im Januar vor einem Jahr eine Sperre über zwölf Spiele und eine Geldstrafe von rund 6000 Euro durch den türkischen Fußball-Verband.

Vor Gericht war Naki am 8. November 2016 zunächst in erster Instanz vom Vorwurf der PKK-Propaganda freigesprochen worden. Im Februar ging die Staatsanwaltschaft jedoch in Revision und Naki musste sich erneut vor Gericht verantworten. "Es ist schwer nachvollziehbar, wie der gleiche Richter in einer Revision nun zu einer anderen Entscheidung kommt", sagte Oke Göttlich, der Club-Chef des FC St. Pauli. Beim Zweitligisten hatte Naki seine Profi-Karriere begonnen und in 71 Spielen zwölf Tore erzielt.

"Wir wünschen Deniz viel Kraft bei seinem Einsatz für Freiheit, Frieden und Menschlichkeit", sagte Göttlich. Sein Ex-Club solidarisierte sich mit ihm, das Konterfei des ehemaligen Publikumslieblings war noch am Dienstag auf dem Titel des Stadionheftes zu finden. "Venceremos" - wir werden siegen - stand darunter.

Außer für den FC St. Pauli spielte Naki als Profi auch beim SC Paderborn. Derzeit kämpft der Deutsch-Türke mit seinem Club Amed SK um den Aufstieg in die zweite türkische Liga - Naki ist nicht nur der beste Spieler des Vereins, er ist auch Gesicht und Aushängeschild. Doch momentan ist der Kapitän gesperrt: "Ich soll das Publikum beleidigt haben. Dabei habe ich nur versucht, unsere eigenen Fans zu beruhigen", sagte er der "Bild".

Özcan Mutlu, Sportpolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag, sagte der dpa, der Fall Naki zeige, dass jeder Regierungskritiker in der Türkei mit dem Schlimmsten rechnen müsse. Alleine, dass das Verfahren wieder aufgerollt worden sei, sei eine "Farce und eine Schande für die türkische Justiz".

Bild-Zeitung zu Naki

St.-Pauli-Mitteilung

Tageschaubeitrag

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