Dicke Luft beim DFB

Vor Duell mit dem Weltmeister: Endspiel für Joachim Löw?

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Joachim Löw stehen schwere Wochen beim DFB bevor.

Endspiel für Joachim Löw: Sollte die deutsche Nationalmannschaft bei Weltmeister Frankreich eine weitere Enttäuschung erleben, könnten die Tage des Bundestrainers gezählt sein.

Paris - Auto-Fan Joachim Löw hatte für den mit Graffiti verzierten Oldtimer im Eingangsbereich des Hotels Molitor keinen Blick. Der massiv unter Druck stehende Bundestrainer eilte nach der Ankunft in der noblen Fünf-Sterne-Unterkunft am Rande des Bois de Boulogne in Paris auf sein Zimmer, seine Vorliebe für alte Wagen musste angesichts der prekären Lage vor dem Nations-League-Spiel bei Weltmeister Frankreich am Dienstag (20.45 Uhr/ARD/ hier im Live-Ticker) hinten anstehen.

Dem viermaligen Weltmeister droht der Sturz in die europäische Zweitklassigkeit und Löw in der Stadt der Liebe die Trennung vom DFB. "Jetzt müssen wir zeigen, dass wir den Charakter haben, den Abstieg zu verhindern", sagte Löw, der beim Ausstieg aus dem Teambus trotzdem kurz lächelte. 

Joachim Löw: Grindel vermeidet klares Bekenntnis zum Coach 

Die Lage ist aber ernst: Bei einer weiteren Niederlage drei Tage nach dem Abgesang von Amsterdam beim Erzrivalen Niederlande (0:3) hätte die Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) den Klassenerhalt in der Nations League nicht mehr in der eigenen Hand. Nach dem WM-Debakel wäre es ein weiterer großer Imageschaden für das Aushängeschild des Verbandes.

Präsident Reinhard Grindel rief vor dem Schlüsselspiel im Stade de France daher zu Geschlossenheit auf. "Dass der Weg unserer Mannschaft nach der WM auch Rückschläge mit sich bringen kann, war uns allen klar. Umso wichtiger ist es, jetzt gemeinsam als ein Team zusammenzustehen", sagte Grindel. Ein klares Bekenntnis zu Löw, dessen Vertrag im Mai bis 2022 verlängert wurde, vermied der DFB-Boss.

Bei einem weiteren Auftritt wie in der Johan-Cruyff-Arena wird die Luft für den 58-Jährigen ganz dünn. Er müsse aber "ausblenden, was in der Öffentlichkeit diskutiert und debattiert wird", so Löw, der bei der Ankunft in der französischen Hauptstadt um 12.50 Uhr im strahlenden Sonnenschein einen schwarzes T-Shirt und einen schwarzen Schal trug. 

DFB-Team: Wer spielt gegen Frankreich? 

Im Hotel Molitor, vor dessen Eingang zwei Polizisten mit Maschinengewehren standen, wohnte der DFB-Tross schon vor drei Jahren, als am Rande des Länderspiels in Paris die blutigen Terroranschläge verübt wurden. Die Attentate von 2015 waren in der Mannschaft aber kein großes Thema, schließlich spielte man schon während der EM 2016 wieder in St. Denis.

Löws Personalentscheidungen wurden da schon eher diskutiert. Für den verletzt abgereisten Jerome Boateng dürfte sein Münchner Teamkollege Niklas Süle in die Startelf rücken. Zudem drängen Leroy Sane, Julian Draxler und Julian Brandt ins Team. Dem formschwachen Thomas Müller droht die Bank.

"Man hat die Qualität von Leroy Sane gesehen, dass er ein absoluter Unterschiedsspieler sein kann und dass uns sein Tempo absolut gut tut", sagte Joshua Kimmich und forcierte damit Spekulationen über ein Aufbegehren der Jungen gegen die Alten. Zudem betonte der Bayern-Star: „Jeder, der rechnen kann, weiß, was noch drin ist.“ 

Die Hauptkritik an Löw lautet, dass er weiter in einer Nibelungentreue auf eine Achse bestehend aus den Weltmeistern von 2014 setzt. Der nach dem WM-Debakel ausgerufene Neuanfang ist bisher nur ein Umbruch light. Kein Wunder also, dass schon erste Kandidaten für seine Nachfolge gehandelt werden. 

Deutsche Nationalelf: Durchhalteparolen von Neuer und Kroos 

Ausgerechnet jetzt geht es gegen den vor Selbstbewusstsein strotzenden Weltmeister mit seinen Stars Kylian Mbappe und Antoine Griezmann. "Wir müssen uns schütteln, uns aufrichten, die Köpfe wieder hochnehmen. Es gibt keine andere Option", sagte Toni Kroos. 

Der zuletzt schwächelnde Kapitän Manuel Neuer forderte: "Es hilft uns nicht, im Negativen rumzudümpeln, wir müssen nach vorne schauen. Wir versuchen geschlossen aufzutreten und zusammen aus dieser negativen Phase rauskommen."

Neben einer stabilen Abwehr sind dafür auch Tore zwingend erforderlich. In den vergangenen zwölf Länderspielen erzielte das DFB-Team lediglich zehn Treffer. Im Sturm herrscht Flaute. "Irgendwann müssen wir jetzt endlich einmal eine Lösung finden. Wir spielen den Ball immer hin und her bis wir einen Konter kassieren. So können wir nicht weitermachen", sagte der für Paris St. Germain spielende Draxler. 

Mats Hummels: „Sonst können sie ihren Konter-Fußball mit ihren Mopeds vorne noch besser ausspielen“ 

Neben dem Abstieg könnte die Nationalmannschaft einen Negativrekord aufstellen. Sechs Niederlagen in einem Länderspieljahr gab es noch nie. Bisher hat die DFB-Auswahl 2018 gegen Brasilien, Österreich, Mexiko, Südkorea und die Niederlande verloren. "Frankreich ist noch stärker als Holland, das steht fest. Sie sind aktueller Weltmeister, spielen zu Hause, haben richtig Bock, gegen uns zu zocken", sagte Draxler.

Mats Hummels forderte dennoch einen "Sieg". Alles andere sei "zu wenig für uns". Gegen den Hochgeschwindigkeits-Fußball der Franzosen kommt es für Hummels darauf an, "nicht in Rückstand zu geraten. Sonst können sie ihren Konter-Fußball mit ihren Mopeds vorne noch besser ausspielen." Man brauche nun einfach mal ein Erfolgserlebnis, damit der Knoten platzt. 

Auch der Bayern-Star zeigte sich zuletzt arg angefressen und teilte nach dem Debakel in Amsterdam ordentlich gegen Medien und Fans aus

Von Optimismus ist in diesen Tagen und Wochen nur wenig im DFB-Team zu spüren. „Wir müssen hier möglichst einen Punkt machen und dann zuhause gegen die Niederlande gewinnen. Dann haben wir noch irgendwie eine Chance“, sagte der Bundestrainer zu den Aussichten in der Nations League. 

Joachim Löw: Setzt er gegen Frankreich auf die Jugendfraktion? 

Sportlich muss der Bundestrainer im 31. Duell mit den Franzosen (bisher neun Siege und 13 Niederlagen) eine überzeugende Antwort auf das 0:3 von Amsterdam finden. Ob er nun auf seine Jugendfraktion mit Timo Werner (22), Julian Brandt (22) und insbesondere auf Leroy Sané (22), der endlich eine wichtigere Rolle in der Nationalmannschaft übernehmen soll, setzt? 

Nach der „brutalen Niederlage“ gegen Oranje hatte Löw spontan erklärt: „Die jungen Spieler haben schon ein bisschen frischen Wind gebracht in der zweiten Halbzeit, absolut. Aber bei der Chancenverwertung hat man auch bei dem einen oder anderen jungen Spieler gesehen, dass das noch Zeit braucht.“ 

Eine Antwort auf die Fragen wird es wohl erst am späten Dienstagabend geben. 

sid / dpa

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