"Menschen sind in den letzten hundert Jahren größer geworden"

Sollen die Fußball-Tore größer werden? Ralf Rangnick hat die Diskussion angestoßen - Pro und Kontra

So kennt man das Fußballtor: Wie hier beim Länderspiel zwischen Deutschland und den Niederlanden betragen die Abmessungen 7,32 Meter mal 2,44 Meter. 
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So kennt man das Fußballtor: Wie hier beim Länderspiel zwischen Deutschland und den Niederlanden betragen die Abmessungen 7,32 Meter mal 2,44 Meter. 

Der frühere Trainer und Sportdirektor von RB Leipzig, Ralf Rangnick, hat sich für größere Tore im Fußball ausgesprochen. Pro und Kontra.

 „Ich wage es nicht auszusprechen: Wenn man bedenkt, dass der Mensch in den letzten hundert Jahren im Schnitt zehn, vielleicht sogar 15 Zentimeter größer geworden ist, fände ich es legitim, darüber nachzudenken, ob ein Tor immer noch 2,44 Meter hoch und 7,32 Meter breit sein muss“, sagte der 61-Jährige am Montag dem Sportmagazin kicker.

Der ehemalige Trainer und Sportdirektor von RB Leipzig regte an, das Tor vielleicht drei Zentimeter höher und fünf Zentimeter breiter zu machen, glaubt aber selbst nicht daran, dass das passiert. „Da müsste man ja weltweit Millionen Tore auswechseln, und ob es dann tatsächlich einen so großen Effekt haben würde, weiß ich nicht.“

Statistik gibt Rangnick recht: Es fallen im Durchschnitt weniger Tore

Die Bundesliga-Statistik würde dem globalen Fußballchef von Red Bull allerdings Recht geben. Von 1963 bis 1988 fielen insgesamt 3,31 Tore pro Spiel, von 1988 bis 2019 waren es nur noch 2,87 pro Partie. Auch bei Weltmeisterschaften hat sich die Trefferquote übrigens verändert. Durfte 1934 im Schnitt noch 4,1-mal gejubelt werden, waren es 2018 nur noch 2,8-mal.

Idee ist nicht neu: Auch Hertha-Trainer Pal Dardai hatte sie schon geäußert

Die Idee von Rangnick ist übrigens keineswegs neu. Der ehemalige Hertha-Trainer Pal Dardai hatte sich zu Beginn der Saison 2018/19 bereits zu einer Vergrößerung der Tore geäußert. Er plädierte jedoch für eine massive Veränderung von einem halben Meter nach oben und einem halben Meter nach links und rechts, um die Ausbeute anzukurbeln. 

Pro von Torsten Kohlhaase: Mehr Anreize für Spektakel bieten

Tradition hin oder her – in der heutigen Zeit muss sich auch der Fußball anpassen. Dabei geht es nicht nur um Torhüter, die im Schnitt größer sind als früher, sondern um Stürmer, die es aufgrund von digitalen Hilfsmitteln wie Videobeweis und Torlinientechnik ohnehin schwerer haben, zu treffen. 

Ein größerer Bereich zwischen Pfosten und Latte würde also wieder für mehr Spektakel sorgen. Und das ist es doch, was die Fans wollen. Tore sind das Salz in der Suppe, und gerade in Zeiten, in denen die Abwehrreihen gegenüber den Angreifern immer mehr Vorteile entwickeln, muss der Anreiz vergrößert werden. 

Zudem würden mehr Treffer aus Situationen fallen, die bislang eher die Ausnahme waren – beispielsweise bei Freistößen aus größerer Distanz oder bei Toren aus noch spitzeren Winkeln. Am Ende des Tages wird eben über ein 5:4 mehr gesprochen als über ein 2:1. Zudem hätten ein paar Zentimeter nicht gleich inflationäre Schützenfeste zur Folge. Und wenn doch, dann werden sie ganz schnell Teil der Fußball-Tradition.

Kontra von Maximilian Bülau: Es kommt nicht auf die Größe an 

Selten gab es einen unsinnigeren Vorschlag. Um zu diesem Ergebnis zu kommen, muss man nicht einmal ein Fußball-Konservativer sein. Zwei Gründe: Erstens: Wissen Sie, wie groß Iker Casillas und Manuel Neuer sind? Casillas ist 1,85 Meter, Neuer 1,93 Meter. Acht Zentimeter, die den kleineren Spanier dennoch nicht daran hinderten, lange der Beste zu sein. 

Es kommt eben nicht auf die Größe an. Weitere Beispiele? Fabien Barthez (1,80), Toni Turek (1,81), Dino Zoff (1,82), Sepp Maier (1,85) – alle haben eins gemeinsam: Sie waren große Torhüter – und damit ist nur ihre Leistung gemeint. Das Torwartspiel ist viel komplexer als die reine Körperlänge. Zweitens: Auch früher waren Torhüter nicht besonders klein. Sie gehörten immer zu den Größeren. Lew Jaschin (1,89) wurde 1960 Europameister. 

Der Unterschied ist heute allein: Es gibt mehr Auswahl, das Spiel hat sich weiterentwickelt – deshalb fallen weniger Tore. Wer dem mit größeren Toren entgegenwirken will, der liebt nicht den Fußball, der liebt das Spektakel.

Fakten rund um das Fußballtor

  • 1848 legten Studenten der Universität Cambridge die Maße des Fußballtores im Verhältnis 3:1 fest (acht Fuß hoch, acht Yard breit). 
  • 1891 stand in Nottingham erstmals ein Fußballtor mit Netzbespannung.
  • In Folge des Holzpfostenbruchs am 3. April 1971, als die Partie zwischen Gladbach und Bremen abgebrochen werden musste, wurden alle Tore aus Aluminium gefertigt. 
  • Das berühmteste Tor stand (oder lag) am 1. April 1998 in Madrid. Weil Fans den Zaun erklommen hatten, knickte dieser um und riss ein Tor zu Boden. Die Partie zwischen Real und dem BVB wurde mit 76 Minuten Verspätung angepfiffen, die Moderation von Günther Jauch und Marcel Reif ist bis heute legendär.

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