Ein spektakuläres Wunder

Heute vor 25 Jahren: SC Neukirchen steigt in die Fußball-Regionalliga auf

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Komm in meine Arme: SCN-Trainer Karl-Heinz „Ede“ Wolf (rechts) bejubelt mit dem zweifachen Torschütze Ali Cakici den Aufstieg in die Regionalliga. 

Ein Dorfverein im siebten Fußball-Himmel: Heute vor 25 Jahren machte der SC Neukirchen durch ein 4:0 über die damalige Bundesliga-Reserve von Eintracht Frankfurt den Aufstieg in die Regionalliga perfekt.

„Wahnsinn“, sagt Karl-Heinz Wolf. Und strahlt fast genauso wie vor 25 Jahren. Der damals 44-jährige Trainer, der mit dem SC Neukirchen am 28. Mai 1995 eines dieser viel beschworenen Fußballwunder schaffte. Eines mit Hallo-Effekt. Eines, das die Erinnerung ganz, ganz schnell zurückholt.

Als klarer Außenseiter war der Dorfverein aus dem Knüll ins Endspiel um die Hessenmeisterschaft sowie den Aufstieg in die Regionalliga Süd gegen die mit mehreren Jung-Profis (wie Sobotzik, Hagner, Bunzenthal, Nikolov) bespickte Reserve von Eintracht Frankfurt gegangen – und hatte die mit sage und schreibe 4:0 vor 3500 Zuschauern im Gießener Waldstadion entzaubert. „Ich bin überwältigt“, schwärmte Jürgen Schwabe, 1. Vorsitzender des SCN plus Mäzen plus Betreuer plus Stadionsprecher angesichts eines Fußballfestes in Blau und Weiss.

Die Initialzündung auf dem Platz ging dabei von Dragan Sicaja aus. 40 Minuten hatten die Eintracht-Fohlen das Spiel kontrolliert, ehe der Mittelfeldmotor mit einem einzigen langen Ball „das Spiel auf den Kopf stellte“ (Wolf). Denn dessen wie ein Befreiungsschlag anmutender Pass segelte über die aufgerückte Eintracht-Abwehrkette hinweg genau Richtung Ali Cakici, der entschlossen Maß nahm.

„Auf diese Chance habe ich gelauert“, bekannte der Torjäger, erst in der Winterpause vom VfR Limburg verpflichtet. Und schlug nach dem Wechsel ein zweites Mal per Konter zu. Was der konnte, konnte Jan Krämer in der Schlussphase auch. „Nach dem Führungstor haben wir Flügel gekriegt“, beschrieb Sicaja den Schwälmer Spielrausch. Einer mit System, hatte doch die Kontertaktik laut Wolf „maximal“ gepasst: „Frankfurt hatte die Stars, doch das bessere Team hatten wir.“

Und was für Feierbiester! „Gigantisch“, fand der defensive Mittelfeldspieler Karsten Walper die dritte Halbzeit. Erst auf dem Platz zusammen mit den 1500 glückseligen Schwälmer Fans, wo Dampfmacher Thorsten Müller einen viel umjubelten Indianertanz hinlegte. Dann im Bus und anschließend bis in die frühen Morgenstunden im Parkrestaurant der Knüllkampfbahn. Auch Bürgermeister Klemens Olbrich ließ sich nicht lumpen und steuerte tief in der Nacht noch 100 Liter Freibier bei.

Ein Traum war auf spektakuläre Weise wahr geworden, weil diese einzigartige Mannschaft Fakten geschaffen hatte. Der SCN war nach der Einführung der 3. Liga (Regionalliga Süd), dem damit verbundenen Aufstieg von sieben Mannschaften sowie drei echten Verstärkungen (unter anderem Heiko Liebers vom KSV Hessen Kassel) wohlwollend als Geheimfavorit in die Saison gegangen, die er schließlich prägte wie kein anderer: als Tabellenführer punktgleich mit Eintracht Frankfurt.

Trotzdem, die Regionalliga erschien den Verantwortlichen lange Zeit eine Nummer zu groß. Also leisteten Losekam, Rickert und Co. weitere Überzeugungsarbeit und zogen durch ein locker leicht herausgespieltes 3:0 beim Regionalligisten Egelsbach ins Hessenpokalfinale ein. Dieser „weitere Beweis der eigenen Stärke“ (Wolf) führt dann auf der Rückfahrt dazu, dass Jürgen Schwabe und Manager Klaus Raabe umschwenkten – und den Weg in die große Fußballwelt frei machten. Die Mannschaft dankte es ihnen. Mit einem Wunder in Gießen und vier aufregenden Regionalliga-Jahren.

Ein Aufstiegsheld erinnert sich

Zu den Aufstiegshelden des SC Neukirchen in der Fußball-Saison 1994/95 gehörte Torwart Roland Borrmann. Wir haben mit dem mittlerweile 47-Jährige über den Triumph am 28. Mai 1995 gesprochen. 

Roland Borrmann

Herr Borrmann, wissen Sie noch, was am 28. Mai 1995 in der 88. Spielminute passierte? Bin ich da ausgewechselt worden? 

Ja. Für Ersatztorwart Udo Jung. 

Es stand 4:0, das Spiel war praktisch entschieden. An den anhaltenden Applaus von den Rängen kann ich mich noch gut erinnern. Und Udo hatte es sich verdient, auch noch ein paar Minuten Einsatzzeit zu bekommen. 

Wie ordnen Sie diesen Erfolg in Ihrer Karriere ein? 

Jeder Aufstieg ist toll. Aber wenn du auf diesem Niveau gewinnst und Hessenmeister wirst, dann ist es schon etwas Besonderes. Ein Spielerberater steckte mir nach dem Spiel sogar sein Kärtchen zu. Das Spiel war insgesamt eine wichtige Erfahrung für meine weitere fußballerische Laufbahn. Wir hatten in dieser Saison ein junges Team mit einigen Ausnahmekönnern wie Volker Münn. Wenn du dich dann in solch einem Topspiel behauptest, dann hilft dir das für die Zukunft. Ich habe danach noch mehr Ruhe ausgestrahlt. 

Sie waren erst 21 Jahre. Wer ging bei der Aufstiegsparty vorweg? 

Als erstes fällt mir ein, dass sich die Heimfahrt aus Gießen sehr lang zog. Gefühlt haben wir an jedem Rastplatz angehalten und gefeiert. Nach der Ankunft in Neukirchen haben sich Thorsten Müller und ich eine Glatze schneiden lassen. Zu den Feierbiestern gehörten vor allem Karsten Walper und Volker Münn. Kurios auch: Norbert Rickert, Karsten Walper und ich sind spontan am nächsten Morgen zum Frühstücken nach München gefahren. Wir wollten eigentlich noch etwas bleiben, aber Norbert hatte schon einen OP-Termin. 

Was war das Besondere an dieser Mannschaft? 

Wir hatten eine echte Achse mit Münn und Rickert. Die beiden Spieler haben gesagt, wo es lang geht. 

Was haben Sie in Neukirchen gelernt? 

Es haben sich große Freundschaften entwickelt. Zu Norbert Rickert, Dragan Sicaja und Michael Matthaei habe ich heute noch guten Kontakt. Und wenn du mit Leuten zusammenspielst, zu denen du aufschaust, dann nimmst du natürlich auch spielerisch einiges mit. Sehr viel geholfen hat mir unser Torwarttrainer Wolfgang Ernst. Wenn ich ihn gefragt habe, ob wir noch eine Extraeinheit machen können, dann hat er immer Ja gesagt. 

Welche Begriffe verbinden Sie mit dem SC Neukirchen? 

Sportlich erfolgreich, erfahrungsreich und ein guter Teamgeist. Der Zusammenhalt in diesem Ort war beeindruckend. Wir waren so etwas wie ein Gallisches Dorf. Wobei man immer auch sagen muss, dass die Vereinsführung um Jürgen Schwabe und Klaus Raabe gute Spieler verpflichtet hat. 

Wie oft sehen Sie noch die damaligen Kollegen? 

Wir sehen uns jedes Jahr. Karsten Walper trommelt die Jungs immer wieder zusammen. Wir haben auch schon einige Male immer nach Weihnachten am HZ-Cup in Bad Hersfeld teilgenommen.

Zur Person: Roland Borrmann (47) stammt aus Guxhagen. Mittlerweile lebt er in Gensungen. Seine Stationen als Aktiver: Tuspo Guxhagen, SC Neukirchen, SG Borken/Freudenthal, SV Asbach, Borussia Fulda, TSV Wabern, SV Eschwege 07. Mit Neukirchen und Fulda schaffte er jeweils den Aufstieg in die Fußball-Regionalliga. Erste Erfahrungen im Trainergeschäft machte er als Assistenzcoach beim SVA Bad Hersfeld. Aktuell trainiert er ein Jugendteam des FV Felsberg/Lohre/Niedervorschütz. Zudem fungiert er als Co-Trainer beim Verbandsligisten OSC Vellmar, bei dem sein einstiger Neukirchener Teamkollege Jörg Müller als Chefcoach das Sagen hat. Borrmann, verheiratet und Vater zweier Kinder, arbeitet als Lehrer an der Wolfgang-Fleischert-Schule in Röhrenfurth.

Statistik 

SC Neukirchen: Borrmann (88. Jung) - Özcan - Englert, Losekam - Walper, T. Müller, Rickert, Sicaja, Krämer - Cakici (81. Matthaei), Liebers (87. J. Müller).

Frankfurt:Nikolov - King - Rubin, Kresovic - Bulut, Bunzenthal, Dworschak, Kaymak, Wilde (46. Reuter) - Reis, Sobotzik (23. Hagner).

SR: Dörr (Oberramstadt). - Z.: 3500.

Tore: 1:0 Cakici (40.), 2:0 Cakici (63.), 3:0 Krämer (81.), 4:0 Krämer (87.).

Gelb-Rote Karte: Rubin (70.).

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