der 22-Jährige über sein Jahr, Campo Bahia und unrealistische Träume

Weltmeister Mustafi blickt zurück: „Wir waren eine intakte Familie“

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Shkodran Mustafi

Kassel. Das Jahr 2014 hat viele unglaubliche Geschichten hervorgebracht. Eine kann der aus Bebra stammende Shkodran Mustafi erzählen: Der 22-Jährige wurde Fußball-Weltmeister.

Shkodran Mustafi, 2014 war reich an besonderen Momenten für Sie. Trotzdem: Gab es diesen einen Augenblick, der über all den anderen steht? 

Shkodran Mustafi: Stimmt: In den letzten Monaten ist extrem viel passiert. Aber der Moment, in dem man einen Pokal in die Luft stemmen darf, übertrumpft alles andere. Solche Emotionen sind einzigartig.

Träumen Sie manchmal von diesem einen Moment? 

Mustafi: Ich bin ein Mensch, der wenig träumt. Vor der WM war der Gewinn des Pokals aber sicher ein Traum von mir. Wobei man sagen muss: Es gibt realistische und unrealistische Träume, von denen man weiß, dass sie eh nie eintreten. Der WM-Gewinn war für mich eher ein unrealistischer Traum.

Jetzt sind Sie Weltmeister. Was hat sich seitdem verändert? 

Mustafi: Einiges. So ein Titel gibt einem einen anderen Namen. Auf der Straße wird man plötzlich nicht mehr mit Herr Mustafi angesprochen, sondern mit Herr Weltmeister. Die Mitspieler im Verein nehmen einen anders wahr. Auf dem Platz traut man sich viel mehr zu. Und insgesamt läuft man mit breiterer Brust durch die Gegend. Wobei ich versuche, der zu bleiben, der ich vor dem Titel war.

Fällt das schwer? 

Mustafi: Einfach ist es nicht. Und das kommt jetzt nicht daher, dass ich abheben will. Sondern es ist so viel Trubel um einen, dass man im Stress gar nicht allen gerecht werden kann. Da ist es wichtig, dass man eine gesunde Familie um einen hat, die einen unterstützt und vieles abfängt.

Gehen wir Ihr Jahr noch einmal durch. Als Bundestrainer Joachim Löw Sie für das Länderspiel im März gegen Chile nominiert hat, waren viele verwundert. Manch einer kannte Sie noch gar nicht. Waren Sie selbst auch überrascht? 

Mustafi: Im Nachhinein denke ich, es war eine logische Konsequenz: Ich habe alle Auswahlteams bei den Junioren durchlaufen und war gestandener Spieler bei der U 21. In dem Moment allerdings, in dem mich der Bundestrainer angerufen hat, da habe ich mich schon gefragt: War das jetzt ein Scherz?

Gegen Chile kamen Sie nicht zum Einsatz, danach begann eine Achterbahnfahrt: Gegen Polen absolvierten Sie Ihr erstes Länderspiel, Sie wurden in das vorläufige WM-Aufgebot berufen, dann aber kurz vor der WM gestrichen, ehe Sie plötzlich nachnominiert wurden. Wie haben Sie die Zeit erlebt? 

Mustafi: Das ging so schnell, es gab einen Anruf nach dem anderen: Mal war ich dabei, mal nicht. Ich hatte eigentlich gar keine Zeit, enttäuscht oder glücklich zu sein – je nachdem. Abgesehen davon: Für mich war entscheidend, dass ich im März den ersten Anruf vom Bundestrainer bekommen habe und ich wusste: Okay, ich steh auf seinem Zettel.

Es gibt verschiedene Versionen, wo Sie letztlich erfahren haben, dass Sie in letzter Minute für den verletzten Marco Reus in das WM-Aufgebot nachrücken. Wo waren Sie denn genau? 

Mustafi: Ich war auf dem Weg von Eisenach zurück nach Bebra. Ich bin mit dem Cabrio gefahren und habe daher den ersten Anruf vom Bundestrainer verpasst. Beim zweiten Mal habe ich ihn gehört. Danach ging alles ganz flott: Ich habe die Sachen gepackt und bin mit meinem Vater nach Mainz zur Nationalelf gefahren. Ich hatte überhaupt keine Zeit, über irgendetwas nachzudenken.

Es ging dann nach Brasilien ins Quartier Campo Bahia, das als ein Grund für den späteren Titel gilt. Was hat den Geist von Campo Bahia ausgemacht? 

Mustafi: Es wird so oft gesagt und jetzt auch immer wieder geschrieben, dass wir ein Team waren. Aber: Jede Mannschaft ist ein Team. Daher würde ich noch weitergehen: Wir waren eine intakte Familie. Das war der Unterschied. Es war egal, wer gespielt hat, wer eingewechselt wurde. Jeder hat dem anderen geholfen, jeder hat sich für den anderen gefreut.

Sie kamen in drei der ersten vier Spiele zum Einsatz. Gegen Algerien haben Sie sich verletzt. Haben Sie in dem Moment gedacht: Hier endet mein Traum? 

Mustafi: Ich habe mir auf alle Fälle viele Gedanken gemacht. Nach Rücksprache mit dem Bundestrainer, den Ärzten, der Familie hat alles dafür gesprochen, dass ich in Brasilien bleibe. Mir ist klar geworden: Wenn ich jetzt verletzungsbedingt nach Hause fliege, werde ich viel grübeln und womöglich schlecht drauf sein. In Brasilien dagegen hatte ich die beste ärztliche Betreuung. Außerdem war es ja irrelevant, wer spielt: Ich war weiter Teil der Mannschaft und bei den Spielen heiß wie jeder andere.

Wie haben Sie dann die letzten Sekunden des Finals auf der Bank empfunden? 

Mustafi: Das kann ich Ihnen gar nicht beschreiben. Man sitzt da und weiß, was dieser Schlusspfiff alles bewirken kann, was dieser Schlusspfiff im Leben verändern kann. Und dann hofft man nur, dass dieser Schlusspfiff endlich ertönt.

Sie sind im Anschluss an diesen Schlusspfiff auf dem Rasen von Rio vor allem als exzellenter Tänzer aufgefallen. 

Mustafi: Da habe ich meinen Emotionen einfach freien Lauf gelassen. Dafür war bis dahin ja keine Zeit. Jetzt musste die ganze Anspannung einfach raus. Abgesehen davon ist Tanzen eine Leidenschaft von mir.

Wann haben Sie eigentlich das erste Mal als Weltmeister geschlafen? 

Mustafi: Das war schon noch in Rio. Wir haben nicht die komplette Nacht durchgemacht und sind wie Leichen ins Flugzeug gestiegen. Wir wussten ja, dass in Berlin auch noch ein bisschen was auf uns wartet. Das heißt jetzt nicht, dass wir in Rio nicht gefeiert hätten.

In Berlin führten Sie dann mit anderen den Gauchotanz auf. Kann Ruhm nicht nur schön sein, sondern auch belastend, wenn plötzlich über so etwas diskutiert wird? 

Mustafi: Ich lasse so etwas nicht an mich heran. Ich weiß, mit welchen Absichten wir da getanzt haben, alles andere ist uninteressant. Ansonsten freue ich mich einfach unglaublich, wie stolz meine Familie ist. Das macht mich zufrieden, wenn ich sehe, welch Ausnahmezustand zu Hause geherrscht hat.

Sie sind nicht nur in Bebra gefeiert worden, sondern auch in Albanien. Was haben Sie dort erlebt? 

Mustafi: Das war noch einmal etwas anderes. Als ich dort meine Verwandten besucht habe, habe ich gemerkt, welche Hoffnung ich den Menschen dort gegeben habe. Sie haben gesagt: Hey, einer von uns hat das geschafft, also kann es jeder schaffen. Das hat mich glücklich gemacht.

Sie sind nach der Weltmeisterschaft nach Valencia gewechselt, sind Stammspieler, haben bei der Nationalelf die beiden letzten Partien durchgespielt. Haben Sie 2014 irgendetwas falsch gemacht? 

Mustafi: Da müssen Sie meine Eltern fragen. Aber ich denke schon, dass ich relativ zufrieden sein kann.

Shkodran Mustafi (22) wurde in Bad Hersfeld geboren und wuchs in Bebra auf. Er spielte beim FV Bebra und beim SV Rotenburg, ehe er sich dem Internat des Hamburger SV anschloss; mit 17 wechselte er zum FC Everton. Von 2012 bis zum Sommer dieses Jahres spielte er für Sampdoria Genua. Anschließend ging er für eine Ablösesumme von angeblich 9,2 Millionen Euro zum spanischen Spitzenklub FC Valencia. Dort unterschrieb er einen Vertrag bis 2019. Nach kurzer Zeit erkämpfte sich der Abwehrspieler bei seinem neuen Klub einen Stammplatz. Seit der U 16 durchlief Mustafi alle Auswahlmannschaften des Deutschen Fußball-Bundes. Beim 0:0 am 13. Mai gegen Polen absolvierte er sein erstes Länderspiel. Mittlerweile hat Mustafi sechs Einsätze für die Mannschaft von Joachim Löw bestritten – drei davon bei der WM in Brasilien. Am 13. Juli gewann er mit dem Team den WM-Titel. Shkodrans Mustafis Familie wohnt weiterhin in Bebra. Der Sohn albanischer Eltern ist ledig. 

Von Florian Hagemann

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