Chaotische Zeit seit 2018

So ruhig ist es bei Rot-Weiß Erfurt schon lange nicht mehr

Die Heimat von Rot-Weiß Erfurt: das Steigerwaldstadion.
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Die Heimat von Rot-Weiß Erfurt: das Steigerwaldstadion.

Als Rot-Weiß Erfurt nach der Wende ein Jahr in der 2. Bundesliga Süd spielte, da stand im Kader der Thüringer ein gewisser Thomas Linke.

Kassel/Erfurt – Im DFB-Pokal gelang damals ein 2:1-Erfolg gegen den FC Schalke 04 – ein Jahr später spielte Linke in Gelsenkirchen, später beim FC Bayern, 2002 wurde er Vize-Weltmeister.

Solchen Glanz sucht man in der thüringischen Landeshauptstadt längst vergeblich. 2008 gehören die Erfurter noch zu den Gründungsmitgliedern der neuen 3. Liga. Zehn Jahre später sind die Erfurter das letzte Gründungsmitglied, das diese Spielklasse verlässt. Zwangsweise. Es geht nach unten, nicht nach oben. Ein Trend, der bis heute anhält.

Es ist der 14. März 2018, als der Verein Insolvenz einreicht. Der Abstieg ist durch den Abzug von neun Punkten besiegelt. Ein Erfurter Journalist beziffert die Schuldenmenge gegenüber unserer Zeitung auf 5,5 Millionen Euro. Erstmals in der Geschichte des Klubs, der 1966 aus dem SC Turbine Erfurt und der BSG Motor Optima Erfurt entstand, ist man nur noch viertklassig.

Doch wer glaubte, der Tiefpunkt sei nun erreicht, der sieht sich bitter enttäuscht. Was folgt, ist Chaos, der Zerfall, eine Tragödie. Zwar werden die Erfurter in ihrem ersten Jahr in der Regionalliga Nordost Fünfter, doch der Preis für die weiterhin hohe Anspruchshaltung verbunden mit hohen Kosten ist groß. Nach dem 19. Spieltag der Folgesaison, am 29. Januar 2020, gibt der Klub die Einstellung des Spielbetriebs der ersten Mannschaft bekannt. Der Abstieg in die Oberliga ist damit besiegelt. „Die Spieler haben sich in alle Winde verstreut“, sagt der Journalist. Auch den Status als Nachwuchsleistungszentrum – einer von 54 deutschlandweit – geht verloren. Doch wie konnte es dazu kommen?

Die Erklärung ist teilweise unglaublich. Jahrelang betreibt Erfurt Misswirtschaft, in der Hoffnung, dass sich der sportliche Erfolg doch einstellen möge. Aber selbst im laufenden Insolvenzverfahren werden weiter Schulden angehäuft. So haben im Oktober des vergangenen Jahres drei Investoren insgesamt eine Million Euro bereitgestellt, vor allem um den Spielbetrieb zu ermöglichen. Doch der Insolvenzverwalter nimmt das Geld, um Schulden zu tilgen. Weil gleichzeitig neue entstehen, verpufft die Finanzspritze. Die Investoren verklagen den Insolvenzverwalter und scheitern.

Rot-Weiß Erfurt lebt über seinen Verhältnissen, zahlt selbst mit dem Damoklesschwert der drohenden Insolvenz über sich weiter horrende Gehälter an einzelne Spiele sowie Trainer Thomas Brdaric, Ex-Bundesligaspieler und ab Sommer 2018 bis November 2019 Trainer im Amt. Ein weiteres Beispiel der wirren Zustände in Erfurt: Laut Medienberichten hat der Insolvenzverwalter in der vergangenen Saison sogar den Hauptsponsor, ein Autohaus, verklagt, weil dieser die Zahlung einstellt. Vorausgegangen war die Bitte, doch Einblick zu erhalten, was mit den Sponsoringzahlungen passiere. Es gibt eine Einigung. Das Image des Klubs bleibt beschädigt.

Am vergangenen Samstag traten die Erfurter nun im eigenen Stadion in einem Testspiel gegen den KSV Hessen Kassel an (3:3). Dieses eigene Stadion wird in der kommenden Saison nur noch selten, zu besonderen Spielen, Steigerwaldstadion heißen. Die Heimspiele werden sonst im Stadion an der Grubenstraße ausgetragen, wo sonst die Reserve spielte.

Doch war das eigentlich noch Rot-Weiß Erfurt, das da auf dem Feld stand? Aus dem Kader der Vorsaison ist kein Spieler übrig. Weil die Freigabe der ersten Mannschaft, des Nachwuchses und der Geschäftsstelle aus dem Insolvenzverfahren lange auf sich warten ließ, wurde bislang kein Spieler verpflichtet. Nun soll die neue Saison, die in drei Wochen beginnt, mit einem Etat von 300 000 Euro angegangen werden – vor allem mit 18- oder 19-Jährige Spielern aus dem eigenen Nachwuchs. Die Trainerfrage ist noch nicht geklärt. Geklärt ist seit gestern aber etwas anderes: Der ehemalige Bundesliga-Spieler und -Manager Franz Gerber wird als Investor einsteigen. Die letzten Zweifel sind ausgeräumt.

Rot-Weiß Erfurt wird in der kommenden Saison spielen – zum Beispiel gegen Rudolstadt, Eilenburg und Martinroda. Der Weg zurück nach oben, er wird weit.

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