Die Entwicklung des Fußballs

Interview mit Fanforscher Harald Lange: „Spirale dreht sich immer weiter“

Das Stadion von Eintracht Frankfurt im September 2019.
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Volles Haus: das Stadion von Eintracht Frankfurt im September 2019.

Harald Lange bezeichnet sich selbst nicht mehr als Fan eines Fußball-Klubs.

Kassel – Je mehr er sich wissenschaftlich mit dem Thema Fankultur beschäftige, desto mehr bekomme er mit, dass das, was die echten, eingefleischten Fans vorleben, ganz weit weg von dem sei, was ihn emotional bewege, wenn er Sport schaue, sagt er. Der 52-Jährige hat den Lehrstuhl für Sportwissenschaft an der Universität in Würzburg. 2012 gründete er mit Kollegen das Institut für Fankultur. Wir haben mit Lange über die Entwicklung des Fußballs gesprochen.

Herr Lange, Sie bezeichnen sich selbst nicht mehr als Fan eines Vereins. Gab es andere Zeiten?

Ich würde sagen, ich war immer ein Durchschnittsfan. Ich habe mich für die Klubs in der Region interessiert. Es gab nicht den einen Verein, für den ich alles gemacht hätte. Als der KSV Hessen in den 1980er-Jahren so erfolgreich war, war das für uns Schüler schon eine große Sache.

Sie sagen, der KSV Hessen hat Sie begeistert. Wenn wir die Zeit damals mit der heute vergleichen, gibt es sicher einen Qualitätsunterschied, was den Fußball betrifft. Aber insgesamt ist im Auestadion und auch in jeder Liga darunter zu merken, dass die Zuschauerzahlen mehr und mehr zurückgehen. Warum?

Es gibt ein paar Marker, ein paar Entwicklungslinien, die geeignet sind, um das Phänomen ‘Zuschauerrückgang im Amateurfußball’ zu beschreiben. Man ist früher vor allem deshalb zu seinem Klub gegangen, weil das auch wirklich der eigene Klub war. Im Sinne von: Das war der Klub meiner Gemeinde, meines Dorfes, meines Stadtteils. Da war ich familiär verwoben. Und da spielten auch die Menschen mit, die aus der Gegend kamen. Wir haben in unserer Fußballkultur – angeregt und gefördert durch das Profitum – eine Mentalität, dass bis in den Amateurbereich munter gewechselt wird. Das Wechselverhalten der Fußballspieler ist etwas, was die Identität vor Ort aushöhlt. Das wäre vor 20, 30 Jahren undenkbar gewesen, dass man wegen ein paar Fußballschuhen und einem geringen Betrag von einem Kasseler Klub zum anderen wechselt. Heute gehört es ein Stück weit zum guten Ton.

Das sorgt dafür, dass weniger Zuschauer kommen?

Das kommt nicht direkt beim Fan als Botschaft an. Aber in Kombination mit vielen anderen Dingen sorgt auch das dafür, dass der Fan sagt: Da muss ich nicht mehr hin.

Was sind andere Gründe?

Die Konkurrenz am Unterhaltungsmarkt ist riesig. Soziale Medien, Internet, Fernsehen, Radio, Streamingdienste – ich kann mich rund um die Uhr mit allen Sportarten und Ereignissen eindecken. Ich kann an jedem Tag in der Woche Profifußball verfolgen. Aber meine Zeit für Sportkonsum ist begrenzt.

Das klingt aussichtslos.

Es gibt schon eine Gegenbewegung, vor allem seit der Pandemie. Gut, jetzt war es erst einmal nicht möglich. Aber es wird in Fankreisen schon bekundet, dass man dem Profifußball den Rücken kehrt und doch lieber zu den Amateuren geht. Da bin ich gespannt, ob mit der Vertrauenskrise gegenüber den Profis der Amateursport gewinnt. Wenn er denn wirklich echten, ehrlichen, wahrhaften Sport bietet, dann hat er, glaube ich, gute Chancen, das Rad zurückzudrehen, Fans zurückzugewinnen.

Woran krankt denn der Profifußball?

Fans müssen sich mit den Spielern identifizieren können. Der Spieler muss einer von uns sein. Nimmt man das Beispiel Nationalmannschaft, dann ist da spätestens seit 2014 ein elitäres Daherkommen. Mit dem Hashtag „Die Mannschaft“ wurde nichts anderes gemacht, als sich für Sponsoren als etwas Exklusives auszuweisen. Das hat sicher auch viele Millionen in die Kasse gespült. Mit Blick auf die Basis wurde aber eine Grenze gezogen: die da oben und wir da unten. Da fällt es dem Nachwuchsfußballer auf die Straße schwer, sich mit diesem Team zu identifizieren. Es wäre überfällig, dass aus „Die Mannschaft“ wieder „Unsere Mannschaft“ wird. Das gilt auch für Profiklubs.

Gibt es da Versuche?

Es gibt Klubs wie Eintracht Frankfurt, die ganz maßgeblich von ihrer Fankultur leben. Frankfurts Präsident ist sehr volksnah. Er traut sich, zu gesellschaftlich wichtigen Themen immer mal wieder ein ganz klares Statement abzugeben. Da findet man Gelegenheiten, sich zu identifizieren. Da möchte man Teil des Ganzen sein. Einzigartige Momente als Fan machen die Faszination des Fußballs aus. Daran sollten sich Vereinsmanager orientieren, wenn sie ihre Klubs wieder populärer machen möchten.

Nun ist aber auch Eintracht Frankfurt ein Teil des kommerziellen Fußballs. Können es Fans mit einem Präsidenten wie Peter Fischer an der Spitze einfach besser akzeptieren?

Genau. Da ist eine gewisse Tradition vorhanden. Bei Frankfurt läuft es derzeit ja ganz gut. Das war aber nicht immer so, da gab es ein Auf und Ab. Und die Fans haben das mitgemacht. Da kann man dann von Fankultur sprechen. Man geht gemeinsam durch Krisen.

Sind wir an einem Punkt, wo der Fußball zu weit gegangen ist?

Das Spiel an sich ist so faszinierend und bringt in jedem Spiel Situationen, Momente, Gesprächsanlässe hervor, die so viel Zugkraft entwickeln, dass man darüber immer wieder Fans, Sponsoren und Leidenschaft provozieren kann. Das ist ein positiver Quell an Möglichkeiten. Deswegen ist es eigentlich enorm verwunderlich, dass der professionelle Fußball seit Jahren immer mehr in so eine Schieflage geraten ist. Man hat aber eben erkannt, dass man mit dieser Faszination Fußball enorm reich werden kann. Und zwar nicht nur als Spieler, sondern als jemand drumherum. Fußball wird vermarktet und als Geschäft gesehen. Und wenn man ihn als Geschäft sieht, dann distanziert man sich von der Ehrlichkeit und der Ethik des Spiels. Es bleiben dann die Fans, denen das egal ist. Diejenigen, die sich nur unterhalten lassen wollen.

Der Rest geht verloren?

Für mich ist es immer ein Wechselspiel zwischen ab- und zuwenden. Letztlich bleiben sie immer noch dabei und wenden sich wieder zu. Aber sie finden es nicht mehr so bedeutsam. Das Verhältnis kühlt ab.

Also ist der Fan-Tourismus die Zukunft?

Ich gehe davon aus, dass sich die kommerzielle Spirale immer weiter dreht. Auch weil die Strukturen beim DFB gar nichts anderes zulassen. Dieses System hat den Kontakt zur Basis aber sowas von verloren. Das gibt es in keinem anderen gesellschaftlichen Bereich. Entscheidungen werden nur noch von einem kleinen Kreis getroffen. Der Vereinsvorsitzende an der Basis, der Fußballspieler in der Kreisklasse hat damit gar nichts mehr zu tun. Was noch viel schlimmer ist: Inzwischen ist es denen auch egal. Sie wollen damit gar nichts mehr zu tun haben. Die Verbände müssen viel demokratischer werden und Wege der direkten Mitbestimmung finden. (Maximilian Bülau)

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