Mentale Belastung für deutsche Fußball-Nationalspieler

Sportpsychologe Emberger vor WM: Von Druck wird schnell geredet

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Nicht nur Genuss: Die kommenden Wochen werden für die deutschen Nationalspieler, im Bild Mesut Özil, eine große Herausforderung.

Kassel. Die Fußball-Fans fiebern der Weltmeisterschaft in Russland entgegen. Doch für die Spieler selbst wird dieses Turnier nicht nur körperlich, sondern auch mental eine Herausforderung. Wir haben dazu mit dem Kölner Sportpsychologen Gernot Emberger gesprochen.

Herr Emberger, die WM rückt näher. Herrscht jetzt Hoch-Zeit bei den Sportpsychologen?

Gernot Emberger: Zumindest bei denen, die dabei sind. Die deutschen Fußballer werden seit den Zeiten von Jürgen Klinsmann durch Hans-Dieter Hermann, einem meiner Ausbilder, betreut. Viele Kollegen verfolgen natürlich mit Interesse das Geschehen in Russland aus der Ferne.

Ex-Nationalspieler Per Mertesacker hat vor einiger Zeit beschrieben, wie wenig Spaß er bei der Weltmeisterschaft 2006 hatte. Wie groß wird die psychische Belastung für die Profis in den kommenden Wochen sein?

Emberger: Das Interview, was Mertesacker gegeben hat, hat in der Fußball-Welt ja sehr unterschiedliche Reaktionen ausgelöst. Einige seiner Kollegen fanden es gut, einige auch nicht. Von Druck wird schnell geredet. Die Spieler erleben so ein Turnier aber sehr individuell. Klar ist: Ein Profi steht im Fokus. Wenn eine Kleinigkeit nicht klappt, ist er der Depp der Nation. Jeder Fan hat eine Meinung, und die Kritik ist mitunter unverhältnismäßig.

Wie muss sich denn ein Zuschauer die Situation eines Profis vorstellen?

Emberger: Von außen kann man sich schwer in dessen Rolle hineinversetzen. Allerdings gibt es Vergleichbares, was die Vorstellung erleichtert: Wenn einer vor großem Publikum eine Rede hält, dann potenziert sich für viele auch hier die Belastung.

Fußball-Profis müssen auf dem Feld einiges einstecken – und die Fans erwarten, dass sie keine Schwäche zeigen. Wie schwer fällt es Fußball-Profis, sich einem Sportpsychologen anzuvertrauen?

Emberger:Das ist hochindividuell. Kommt ein Chef und sagt: „Dort ist ein Psychologe, an den könnt ihr euch wenden.“ Dann antworten 50 Prozent der Mitarbeiter: Was soll der Quatsch? Die andere Hälfte findet es interessant. Dabei wollen wir nicht als Feuerwehrmänner geholt werden und sind auch nicht nur Seelentröster. Wir wollen vielmehr präventiv arbeiten und bieten auch Vieles, was unmittelbar in die Trainingsgestaltung integriert werden kann.

Gernot Emberger

Ein Beispiel?

Emberger:Etwa das Prognosetraining. Wenn ein Spieler Elfmeter trainiert, dann wird er gefragt, wie viele er bei fünf Versuchen verwandelt. Kündigt er drei Tore an, dann schafft man eine Situation, in der ihm klar ist, dass ihn etwas Negatives erwartet, wenn er es nicht schafft. Das sollte aber nichts Banales sein – wie etwa Liegestütze. Es sollte so bedeutsam sein, dass es für ihn in die mentale Belastung Elfmeterschuss erhöht – beispielsweise alle Trainingsutensilien auf dem Platz einsammeln. Diese Art von Training muss allerdings sauber vorbereitet werden und sollte nicht zu oft stattfinden. Im Film Sommermärchen gibt es dazu eine kleine Sequenz mit Hans-Dieter Hermann.

Wie können Psychologen dazu beitragen, dass die Spieler diese Zeit auch ein bisschen genießen können?

Emberger: Man kann die bewusste Wahrnehmung der Spieler darauf lenken, dass sie Teil von etwas Fantastischem sind, das gespickt ist von einzigartigen Genussmomenten: zum Beispiel in einem tollen Team spielen oder Cristiano Ronaldo als Gegner haben.

Die Nationalspieler blicken gespannt auf den kommenden Montag. Da wird der WM-Kader bekanntgegeben. Inwieweit ist dies auch ein Stressfaktor?

Emberger:Das ist es absolut. Die Spieler können aber nur akzeptieren, dass die Situation so ist und die entsprechende Nervosität Nervosität als etwas ganz Normales begreifen. Aus mentaler Sicht sollte die entscheidende Frage für Spieler nicht sein: Werde ich nominiert? Sondern: Was kann ich tun, dass ich nominiert werde? Das sind einzig und allein die eigenen Handlungen. Ideal ist, wenn es in der Nominierungsfrage für einen Spieler nur darum geht, das Training immer voll durchzuziehen, und er seinen Fokus immer wieder nur auf die Aufgabe lenkt.

Zur Person

Gernot Emberger (49), arbeitet in Köln als Sportpsychologe. Er betreut unter anderen auch Profis aus der Fußball-Bundesliga. Bis zum Ende dieser Handball-Serie wird er auch für Bundesligist MT Melsungen tätig sein. Er hat zwei Bücher geschrieben. Sein zweites Werk trägt den Titel „Erfolgreicher Umgang mit Stress“. Emberger ist liiert und hat mit seiner Partnerin eine Tochter.

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