Abschied vom Titelsammler - zum Tod von Udo Lattek

1974: Nach dem Gewinn der deutschen Meisterschaft im Münchener Olympiastadion tragen die Bayern-Spieler Gerd Müller (links) und Paul Breitner ihren Trainer Udo Lattek auf Schultern. Foto: dpa

Kassel. Udo Lattek war erfolreicher Trainer, Sportdirektor und TV-Experte. Jetzt starb er mit 80 Jahren in einem Kölner Pflegeheim. Ein Nachruf von Gerd Brehm und Florian Hagemann.

„Der Tod ist mir scheißegal. Ich fürchte den Tod nicht. Ich fürchte mich nur davor, wenn einer aus meiner Familie krank wird.“

Udo Lattek 2011 in einem Interview

 

Nicht nur die Fußball-Welt trauert um einen legendären Trainer. Udo Lattek, der erfolgreichste deutsche Vereinscoach, starb bereits am vergangenen Sonntag im Alter von 80 Jahren in einem Kölner Pflegeheim. Er hatte nach einer Gehirnoperation und zwei Schlaganfällen an der Parkinson-Krankheit gelitten, einhergehend mit Altersdemenz. Udo Lattek hinterlässt seine Ehefrau Hildegard und zwei Töchter.

DER PRIVATMENSCH

Latteks Privatleben war von einem schweren Schicksalsschlag überschattet. Sein Sohn Dirk war erst 15, als er an Leukämie starb. Das war 1981, und sein Vater war gerade Trainer bei Borussia Dortmund. Aber plötzlich waren die großen Erfolge, die Udo Lattek schon gefeiert hatte, unbedeutend geworden und die Arbeit nur noch eine Flucht vor der Trauer. Damals ist Lattek aus der Kirche ausgetreten und hat dies so begründet: „Ich konnte es einfach nicht einsehen, dass ein Junge mit 15 Jahren sterben muss. Da war bei mir Feierabend mit Gott.“

DER TRAINER

Es gibt keinen Zweifel daran, dass Udo Lattek ein fantastischer Trainer war, aber er hat es auch immer gut verstanden, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Als er 1970 zu den Bayern kam, spielten dort Sepp Maier, Franz Beckenbauer, Georg Schwarzenbeck und Gerd Müller. Und weil Lattek ein Gespür für vielversprechende Talente hatte, ergänzte er seine Mannschaft mit den damals 18-jährigen Paul Breitner und Uli Hoeneß. Jetzt konnte nicht mehr viel schiefgehen, die Erfolge waren programmiert.

In Mönchengladbach hießen seine Spieler Berti Vogts, Rainer Bonhof, Allan Simonsen, Herbert Wimmer und Jupp Heynckes. Auch denen musste der Trainer nicht mehr viel beibringen, aber Lattek war ein Motivationskünstler, der auch erfolgsverwöhnte Stars stets bei Laune hielt. Später (1983 bis 1987), als der Coach zu den Bayern zurückkehrte, waren die Titel längst keine Selbstläufer mehr. Die Konkurrenz - vor allem Werder Bremen - war stärker geworden, und die Weltklassespieler - wie Karl-Heinz Rummenigge und Lothar Matthäus - dünner gesät als bei seinen Stationen in den Siebzigerjahren.

DER SPORTDIREKTOR 

Von Latteks Zeit als Sportdirektor beim 1. FC Köln 1987 bleibt vor allem eines: ein blauer Pullover. Lattek trug ihn zu den FC-Spielen - so lange, bis es die erste Niederlage gab. Mit jedem weiteren Spieltag, an dem die Kölner nicht verloren, stieg das Interesse an diesem Kleidungsstück, das einst 89 Mark gekostet hatte.

Lattek war dabei ganz Lattek - ein Mann mit Magie. So kam es, dass die von ihm mit dem jungen Trainer Christoph Daum zusammengestellte Elf um Pierre Littbarski und Thomas Häßler einfach nicht verlor und zum Bayern-Rivalen aufstieg. Erst an Spieltag 16 erwischte es den FC.

Der Pullover blieb länger ein Thema als Lattek Sportdirektor. Schon nach einem guten halben Jahr wechselte der Manager als Chefkolumnist zur neu gegründeten „Sport-Bild“. Der blaue Pullover wurde zugunsten der Kinderkrebshilfe versteigert. Er brachte 36 000 Mark ein.

DER TV-EXPERTE

Seit 1995 war Lattek in der allsonntäglichen Plauderrunde „Doppelpass“ bei Sport 1 derjenige, der dem Stammtisch zwar keinen Witz, aber doch die Würze gab. Er teilte aus und hatte keine Scheu vor Konfrontation. Einmal zoffte er sich mit Uli Hoeneß so sehr, dass man befürchten musste, beide würden bald zum Boxen übergehen. Stets klang bei Lattek durch, dass er es besser machen würde als all die jungen Trainer mit ihren Matchplänen.

Als er bei Sport 1 aufhörte, begründete er den Schritt: „Zuletzt stand ich manchmal morgens vor dem Spiegel und habe mich gefragt, ob ich sie noch alle auf dem Baum habe - in meinem Alter noch durch die Weltgeschichte tingeln.“

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