Erinnerungen an den Budenzauber

Vergessener Kult: Wie Hallenfußball von der großen Bühne verschwand

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Volle Ränge beim „HSV-Hallencup“ im Janaur 2006 vor prall gefüllten Rängen in der Colorline Arena (heute Barclaycard World).

War Hallenfußball zwischen 1988 und 2001 noch Kult und fester Bestandteil der Rückrundenvorbereitung, ist er heute zumindest aus den Terminkalendern der Bundesligisten verschwunden.

Köln - Wer hat an der Uhr gedreht? Die Musik des "Rosaroten Panthers" in der letzten Minute der Spiele ist untrennbar mit der deutschen Fußball-Hallenmeisterschaft verbunden. Ab den späten Achtzigern wurde der Hallenpokal zum Kult, heute ist seine Zeit jedoch längst abgelaufen.

Doch von Anfang an: Bundesligaprofis zum Anfassen und ein unterhaltsamer Zeitvertreib in der ligalosen Zeit - der Hallenfußball erfreute sich so großer Beliebtheit, dass der DFB vor 30 Jahren das "Hallenmasters" ins Leben rief. Fast im Tagesrhythmus wurden fortan bis zu 18 Turniere in allen Ecken der Republik mit sechs bis acht Teams an ein oder zwei Tagen ausgetragen, diese bescherten dem meist übertragenden Sender DSF (heute Sport1) mehr als akzeptable Quoten.

„Hallenmasters“ war lang der kürzeste Weg zu einem Titel 

Amateure mit Lokalkolorit sorgten für reizvolle Derbys, deren Anhänger für noch bessere Stimmung in der Halle. Ausländische Teams waren ein netter Farbklecks. In einem komplizierten Punktesystem wurden unter den Profimannschaften die Qualifikanten für das Finale ermittelt, welches ab 1989 in Dortmund oder München ausgetragen wurde.

Nicht der DFB-Pokal, sondern das "Hallenmasters" war der kürzeste Weg zu einem Titel und einem neuen Eintrag auf dem Briefkopf. Mit vier Siegen (1990-92, 1999) ist Borussia Dortmund Hallen-Rekordmeister, Bayern München blieb in den 14 Jahren ohne Hallentitel.

Der Gewinn des "Hallenmasters" hing oftmals davon ab, in welcher Besetzung die Mannschaften antraten. Wenige Teams spielten mit "voller Kapelle", die meisten traten mit der zweiten oder dritten Garde an. Das höhere Verletzungsrisiko in den vergleichsweise unwichtigen Partien auf Kunstrasen spielte immer mit.

Szene vom Hallenmasters in Berlin 1998: Steffen Baumgart (l.) und Mehmet Scholl (r.) im Zweikampf, beobachetet von Stefan Studer.

Hallenmasters: 1998 Reform, 2001 das Ende

1998 wurde der zunehmenden Belastung im Profifußball erstmals Rechnung getragen. Jeder Bundesligist und ausgesuchte Amateurmannschaften absolvierten nur noch ein Qualifikationsturnier, die besten durften dann im Finalwettbewerb noch einmal ran.

Die höhere finanzielle Dotierung ging zulasten der Attraktivität der Partien, mit steigendem Druck ging vielen Spielern die Leichtfüßigkeit verloren. Der aufgeblähte Terminkalender der Vermarktungsmaschinerie Fußball und die damit einhergehende Verkürzung der Winterpause machte dem organisierten Budenzauber 2001 endgültig den Garaus.

Statt Hallenmasters ist jetzt Futsal im Kommen

In der Winterpause 2015/16 absolvierte erstmals kein Bundesligist ein Hallenturnier. Auch in diesen Tagen wird in der Eliteklasse auf den Budenzauber verzichtet, obwohl acht Teams in der Vorbereitung auf die Rückserie nicht im Trainingslager weilen. Bei der FIFA und dem DFB wird der Fokus sowieso vermehrt auf Futsal gelegt, den Hallenkick ohne Bande - ein Grund, warum der bei Frauen-Bundesligisten beliebte DFB-Hallenpokal 2015 zum letzten Mal ausgetragen wurde.

Der Tod des Hallenfußballs ist dennoch nicht besiegelt. In vielen Städten wie Essen oder Wuppertal erfreuen sich die Stadtmeisterschaften nach wie vor großer Beliebtheit. Als Breitensport locken Kunstrasen und wohlige Temperaturen viele Kicker sowieso regelmäßig in die Halle.

Zudem sind auch in diesem Jahr vielerorts wieder in Traditionsmannschaften organisierte Fußballstars von gestern um eine Renaissance des Budenzaubers bemüht. Für das "Oldie Masters" am 13. Januar in Chemnitz haben unter anderem die Vize-Weltmeister Michael Ballack und Bernd Schneider ihr Kommen angekündigt - und mit ihnen zahlreiche Zuschauer.

SID

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