Verhandlung

Eintracht Frankfurt: „Märchenstunde“ rund um David Abraham beim DFB

+
Chancenlos: Eintracht-Justiziar Philipp Reschke und Anwalt Christoph Schickhardt können David Abraham (von links) nicht rausboxen.

Eintracht Frankfurt zieht den Einspruch gegen die Sperre von David Abraham nicht zurück – doch nach der mündlichen Verhandlung bleibt alles beim Alten.

Die Sperre von David Abraham bis zum 29. Dezember wegen des Checks gegen den Freiburger Trainer Christian Streich bleibt bestehen. Am gestrigen Dienstag bestätigte das DFB-Sportgericht unter Vorsitz von Richter Hans E. Lorenz die bereits im Einzelrichterverfahren verhängte Strafe, der Verteidiger steht Eintracht Frankfurt somit in den nächsten sechs Bundesligaspielen nicht zur Verfügung, für die Europa-League-Partien ist er spielberechtigt.

Für Lorenz war „ein direkter Vorsatz“ zu erkennen. „Der gegnerische Trainer stand im Weg“, Abraham habe ihn mittels „Bodycheck abgeräumt.“ Es sei ein „klarer Fall einer vorsätzlichen Tätlichkeit“, Abraham habe dadurch ein vereinsschädigendes Verhalten an den Tag gelegt. Für eine Bewährung, wie von Abraham-Verteidiger Christoph Schickhardt gefordert, sah Lorenz keine Grundlage. Gegen den Eintracht-Profi sprach zudem, dass er wegen dreier Roter Karten seit 2017 als einschlägig belastet gilt. Das Gericht blieb hinter der Forderung von DFB-Chefankläger Anton Nachrainer, der eine Sperre von acht Pflichtspielen gefordert hatte. Die Eintracht will noch beraten, ob sie vor dem Bundesgericht in Revision gehen wird.

Der SC Freiburg zog während der Verhandlung seinen Einspruch gegen die Sperre von drei Spielen für Vincenzo Grifo auf Anraten des Gerichts zurück. Der SC-Profi hatte Abraham attackiert.

Eintracht Frankfurt wollte zwei Spiele auf Bewährung

Der renommierte Anwalt Christoph Schickhardt hatte in seinem Plädoyer darauf verwiesen, dass Abraham eingeräumt habe, „einen schweren Fehler“ begangen zu haben. „Er ist reumütig, er steht am öffentlichen Pranger, sein Name wird immer mit diesem Vorfall in Verbindung gebracht werden.“ Er hatte auf eine Spielsperre von sechs Partien plädiert, von denen ein bis zwei zur Bewährung ausgesetzt werden sollten. Zugunsten seines Mandanten spreche sein Alter, Abraham ist 33, er sei reifer geworden, habe sich in 450 Pflichtspielen in seiner Karriere bis auf drei Rote Karten nichts zuschulden kommen lassen. Ihm könne zudem kein Vorsatz unterstellt werden. „Er ist Spielführer der Mannschaft, ist anerkannt, er hat eine Chance verdient.“ Darüber hinaus sei er, Schickhardt, sicher, dass „David Abraham nie mehr hier erscheinen“ werde.

Den Check gegen den Freiburger Trainer hatte David Abraham „zu einem weltberühmten Mann“ werden lassen, wie der Vorsitzende Richter Lorenz sagte. Das Video von dieser Szene sei in den USA gezeigt worden, in Asien und ganz sicher auch in Argentinien, der Heimat des Frankfurter Verteidigers. Sein Vater, sagte David Abraham am Dienstag bei der Sportgerichteverhandlung, habe es ebenfalls gesehen, und „er hat mir einen fünfminütigen Vortrag gehalten, dass so etwas nicht geht“. Immerhin habe ihn seine Mutter verteidigt, aber beide wüssten, „wer ich bin“. Sicherlich kein Rambo, wie der Stopper hingestellt wurde, aber auch kein Unschuldslamm. Am ehesten traf da noch die Beschreibung des per Telefon zugeschalteten Freiburger Trainers Christian Streich zu: David Abraham sei ein „temperamentvoller Typ, der die Kontrolle verloren hat“.

David Abraham und Vincenzo Grifo: Die Kumpels belasten sich nicht gegenseitig

Zuvor hatte der Argentinier seine Sicht der Dinge vorgetragen, die sich an jenem Sonntagabend des 10. November im Breisgau kurz vor Schluss eines Bundesligaspiels ereignet hatte, das Eintracht Frankfurt 0:1 verloren hatte. Er sei, weit in der Nachspielzeit, einem Ball hinterhergelaufen, der ins Aus gerollt sei und der hinter dem in seiner Coaching Zone stehenden Streich von einer Bande abgeprallt sei. Deshalb habe er „einen Schlenker machen müssen“, sagte Abraham, der noch versucht habe, um den Coach herum zu kommen. Er sei komplett auf den Ball konzentriert gewesen. Niemals habe „die Absicht bestanden, den Trainer zu rempeln oder ihm weh zu tun“, ließ der Frankfurter Profi, seit sechseinhalb Jahren in Deutschland am Ball, übersetzen, „Ich hatte den Trainer nicht im Auge.“ Ein Vorsatz habe nicht bestanden, „mir war gar nicht bewusst, dass ich gerempelt habe.“ Eine äußerst eigenwillige Interpretation der Dinge. In seinem Schlusswort übernahm er die volle Verantwortung für sein Tun: „Das war mein Verschulden. Ich weiß, das ich Unsinn gemacht habe. Es wird nicht mehr vorkommen.“

Im anschließenden Tohuwabohu - die gesamte Freiburger Trainerbank war aufgesprungen und hatte Abraham angegangen - habe er nicht bemerkt, dass „mir einer ins Gesicht gegriffen“ hatte. Vincenzo Grifo war es, den Schiedsrichter Felix Brych nach dem Studium der Bilder aus Köln ebenfalls die Rote Karte gesehen hatte. Grifo, der Abraham in seinem ersten Jahr in Deutschland bei der TSG Hoffenheim bei der Integration geholfen hatte, sagte, er habe seinen alten Kumpel „in dem Getümmel weghalten“ und schlichtend eingreifen wollen. „Mir war gar nicht bewusst, dass ich David ins Gesicht gefasst habe.“ Auch Abraham wollte von einer Tätlichkeit kaum etwas gespürt haben. Offenkundig war, dass sich beide Profis nicht gegenseitig belasten wollten. „Märchenstunde“, kommentierte DFB-Chefankläger Nachrainer durchaus nachvollziehbar.

Christian Streich will im Fall David Abraham deeskalieren

Schiedsrichter Brych, als Zeuge anwesend, obwohl er am Abend zuvor noch das EM-Qualifikationsspiel in Dublin Irland gegen Dänemark geleitet hatte, sah bei Abraham sehr wohl einen Vorsatz. „Ja, das würde ich schon sagen.“ So etwas habe er in seiner Profilaufbahn noch nicht erlebt. Trotz des Tumults hätten „sich die Gemüter schnell wieder beruhigt.“ Auch Sportrichter Lorenz empfand das „nachträgliche Konfliktmanagement“ beider Klubs „als vorbildlich“. Dem Trainer Streich war es gerade darum gegangen, erzählte er am Telefon. „Mein erster Gedanke war: Deeskalation.“ Deshalb sei er auf David Abraham zugegangen und habe versucht, „den Wahnsinnshype runterzufahren“. Anders als von Abraham berichtet, habe sich der Spieler nicht direkt noch auf dem Spielfeld bei ihm entschuldigt. Immerhin, sagte Streich, habe er von dem Sturz keinerlei Verletzungen davongetragen.

Richter Lorenz hatte nach der Beweisaufnahme beiden Parteien ernsthaft angeraten, ihre Einsprüche zurückzuziehen, denn beide seien beim ersten Urteil „sehr gut weggekommen.“ Freiburg zog zurück, die Eintracht nicht. Am Ende blieb alles beim Alten.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.