Neuer Bundestrainer vor seinem Debüt

Hansi Flick hat erstmals seinen Kader nominiert: Was wir nun von ihm erwarten

Hansi Flick.
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Löste Joachim Löw als Bundestrainer ab: Ex-Bayern-Coach Hansi Flick.

Nach dem Abgang von Joachim Löw steht nun Hansi Flick vor seinem Debüt als Fußball-Bundestrainer. Unsere Erwartungen an sein Engagement.

Kassel – Sein Aufgebot steht, seine ersten Spiele rücken näher. Hansi Flick, der neue Bundestrainer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, wird am kommenden Donnerstag ab 20.45 Uhr (RTL) erstmals für die DFB-Elf an der Linie im Einsatz sein. Dann gastiert der Nachfolger von Joachim Löw mit seinem Team in St. Gallen/Schweiz, wo der Fußball-Zwerg Liechtenstein als Gegner wartet. Es ist der Auftakt in einen Dreierpack der WM-Qualifikation: Denn anschließend muss der viermalige Weltmeister noch in Stuttgart gegen Armenien (5. September, 20.45 Uhr) sowie in Reykjavik gegen Island (8. September, 20.45 Uhr, beide ebenfalls live bei RTL) antreten.

Nachdem Flick bis zu seinem Abschied im Frühling gute Arbeit beim Rekordmeister FC Bayern München geleistet hat, sind einige Hoffnungen an das Engagement des 56-Jährigen geknüpft. Was wir vom erfahrenen Trainer erwarten, lesen Sie auf dieser Seite. Zudem finden Sie unten rechts Flicks Kader für die ersten Pflichtspiele seiner Amtszeit.

Bilanz

Mal wieder einen Großen schlagen: Bis vor ein paar Jahren fürchteten die anderen namhaften Fußball-Nationen Duelle mit der deutschen Elf. Angst und Schrecken verbreitete das Team unter Joachim Löw in den vergangenen Jahren kaum noch. Das letzte Mal, dass das DFB-Team einen sogenannten Großen geschlagen hat, ist schon einige Zeit her. Im März 2017 gewann die deutsche Mannschaft ein Testspiel gegen England 1:0 – Torschütze Lukas Podolski. Danach gab es nur einige, teilweise sogar schmeichelhafte Unentschieden.

Unter der Führung von Hansi Flick müssen wieder sportliche Ausrufezeichen gesetzt werden. Speziell gegen zwei Auswahlmannschaften gibt es einiges gutzumachen. Gegen die Spanier gab es in den vergangenen 15 Jahren lediglich einen Sieg: Im November 2014 endete ein Test bei den Iberern mit einem 1:0-Erfolg der deutschen Mannschaft. Immer noch weh tut das Aufeinandertreffen aus dem vergangenen Herbst: 0:6 verlor das Team um Torwart Manuel Neuer. Und auch gegen die Italiener lief es unter Löw eher bescheiden – trotz eines 6:5-Viertelfinalsieges im Elfmeterschießen bei der Europameisterschaft 2016.

Taktik

System, das zu den Spielern passt: Joachim Löw ist damit nicht allein: Einige große Trainer versuchen, in entscheidenden Spielen etwas Besonderes zu machen. Den Gegner zu überraschen. Vielleicht auch, eine eigene Vision umzusetzen. Ein Pep Guardiola macht das ebenfalls gern. Doch der Erfolg dieser Versuche blieb zuletzt aus. So war das auch mit Löws Dreierkette bei der EM, die zwar erfolgreich sein kann (siehe Chelsea), aber ganz offensichtlich nicht zu den vorhandenen Spielern passt.

Flick muss es andersherum machen. Er muss sich seine Profis anschauen und danach entscheiden, welches System, welche Grundordnung zu diesen Typen passt. Offensichtlich ist: Für eine Dreierkette fehlt es der deutschen Elf an Innen- und Außenverteidigern. Joshua Kimmich wird unter Flick mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder ins Mittelfeld rücken.

Erfolge

Eine schlagkräftige Elf für Heim-EM aufbauen: Das nächste große Turnier ist die umstrittene Weltmeisterschaft in Katar im Winter 2022. Mindestens genauso wichtig wie eine gelungene Teilnahme im Wüstenstaat ist aber der nachhaltige Aufbau einer Mannschaft, die bei der Europameisterschaft 2024 im eigenen Land um den Titel mitspielen kann. Es geht darum, ein schlagkräftiges Team um Spieler wie Joshua Kimmich und Leon Goretzka zu bilden.

In diesem Jahr stehen für die DFB-Auswahl noch sieben Auftritte in der WM-Qualifikation auf dem Plan. Dabei hat Hansi Flick nicht nur den Auftrag, mit dem Team die Qualifikation zu sichern, sondern auch die Heimniederlage gegen Nordmazedonien vergessen zu machen. Ende März kassierte die deutsche Elf in der Arena in Duisburg eine kaum für mögliche 1:2-Pleite gegen den 72. der Fifa-Weltrangliste. Aber auch überzeugende Siege gegen Island und Rumänien würden dem Ansehen von Flicks neuer Mannschaft gut zu Gesicht stehen.

Für die Endrunde der Nations League im kommenden Oktober konnte sich Deutschland nicht qualifizieren. Es muss allerdings ein Ziel für die nächste Ausgabe sein, endlich mal ein gewichtiges Wörtchen bei der Vergabe der Finalplätze mitzureden.

Talentförderung

Den Nachwuchs nicht unnötig warten lassen: Den ersten Schritt hat Hansi Flick bereits mit seiner Nominierung gestern getan. Nun muss er zeigen, dass er auch bereits ist, den jungen Spielern Einsatzzeit zu geben. Mit Karim Adeyemi, Ridle Baku, David Raum, Florian Wirtz und Nico Schlotterbeck hat der neue Bundestrainer gleich fünf U21-Europameister nominiert, drei davon (Schlotterbeck, Raum, Adeyemi) sind das erste Mal bei der A-Nationalmannschaft dabei. Und mit Jamal Musiala hat Flick ein weiteres Toptalent berufen, das bereits bei der zurückliegenden EM Einsatzzeit bekam.

Doch Musiala war in den vergangenen Jahren damit eher eine Ausnahme. Joachim Löw verschloss dem Nachwuchs zwar nicht die Tür, doch Vertrauen schenkte er ihm auch nicht. So musste beispielsweise ein Kai Havertz warten, obwohl er schon damals in der Lage war, der Mannschaft weiterzuhelfen. Leroy Sané durfte in einer starken Phase nicht mit zur WM 2018 – was aber auch an seiner Einstellung gelegen haben könnte.

Flick darf den Nachwuchs nun nicht mehr unnötig warten lassen. Wer Leistung bringt und in Form ist, muss spielen – unabhängig von früheren Taten für die Nationalmannschaft. Sonst findet dieser Umbruch niemals ein Ende.

Auftreten

Weniger künstlich sein: Sicher, es liegt nicht in Hansi Flicks Aufgabenbereich, Slogans wie „Die Mannschaft“ abzuschaffen. Doch selbst der DFB hat ja mittlerweile erkannt, dass sich Nationalteam und Fans kaum weiter voneinander entfernen könnten. Die Ursachen hierfür sind vielschichtig. Dass es kaum noch Spielertypen gibt, mit denen sich die Anhänger identifizieren können, daran wird auch der neue Bundestrainer nichts ändern.

Doch für eine Annäherung bedarf es weit mehr als nur einer Autogrammstunde hier und einem öffentlichen Training dort. Flick muss darauf hinwirken, dass dieses Team nicht mehr künstlich vermarktet und somit für einen Teil der Zuschauer uninteressant wird. Es gibt in Deutschland eben keine „Squadra Azzurra“, keine „Three Lions“, keine „Selecao“. Und es sollte wohl besser auch keinen „Fan Club Nationalmannschaft“ geben.

Wenn der neue Bundestrainer es schafft, dass die Deutschen das DFB-Team wieder als ein Stück der Nation sehen, das sie unterstützen wie ihren Lieblingsklub, dann hat er viel geschafft. Dafür muss sich das Auftreten ändern: weniger abgehoben, mehr bodenständig. (Björn Mahr und Maximilian Bülau)

Flicks erster Kader

Gestern hat der neue Bundestrainer Hansi Flick erstmals seinen Kader nominiert. Mit dabei sind fünf U21-Europameister, acht Spieler des FC Bayern und auch Marco Reus. Verzichten muss Flick unter anderen auf Mats Hummels.

Tor: Neuer (FC Bayern), Trapp (Eintracht Frankfurt), Leno (FC Arsenal)

Abwehr: Baku (VfL Wolfsburg) , Gosens (Atalanta Bergamo), Kehrer (Paris St. Germain), Klostermann (RB Leipzig), Raum (TSG Hoffenheim), Rüdiger (FC Chelsea), Schlotterbeck (SC Freiburg), Süle (FC Bayern)

Mittelfeld/Angriff: Ademeyi (Red Bull Salzburg), Dahoud, Reus (beide Borussia Dortmund), Gnabry, Goretzka, Sané, Müller, Kimmich, Musiala (alle FC Bayern), Gündogan (Manchester City), Havertz, Werner (beide FC Chelsea), Hofmann, Neuhaus (beide Borussia Mönchengladbach), Wirtz (Bayer Leverkusen)

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