Türkische Fußballer im Fokus

Wenn ein Jubel zum Streitfall wird: Salutieren zieht auch in der Region Kreise

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Eine Geste, die die Gemüter erregt: Türkische Fußball-Nationalspieler salutieren nach einem Treffer.

Mit ihrem militärischen Gruß in zwei Qualifikationsspielen haben türkische Nationalspieler international die Gemüter erhitzt. Die Aufregung ist groß - auch in unteren Klassen.

Inzwischen ist dieser Torjubel zum Streitfall mutiert, und das betrifft nicht nur den europäischen Verband. Das Salutieren zieht Kreise bis in untere Klassen. Ein Überblick und Reaktionen aus der Region.

Blick auf die Uefa

Nach den Vorfällen während der Partien gegen Albanien und in Frankreich setzt die Uefa nun einen speziellen Ethik- und Disziplinar-Inspektor ein. Der soll untersuchen, ob es sich um „mögliches provokatives politisches Verhalten“ der türkischen Spieler handelt, wie es die Uefa formuliert. Das Regelwerk verbietet politische Äußerungen in Stadien. Für eine mögliche Bestrafung der Spieler müsste allerdings nachgewiesen werden, dass die Profis mit der Geste tatsächlich die umstrittene Militär-Offensive in Nordsyrien befürworten.

Blick auf die Verbände

Außergewöhnliche Torjubel finden immer wieder den Weg vom Profi- in den Amateurfußball. Angesichts von Zehntausenden türkischstämmigen Spielern in Deutschland wächst in den Landesverbänden die Sorge, dass der Gruß nachgeahmt wird. Am vergangenen Wochenende gab es bereits in Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen vereinzelte Fälle von salutierenden Spielern.

Gegen drei Klubs aus Recklinghausen wird ein Sportgerichtsverfahren eingeleitet. Dabei handelt es sich um Genclikspor Recklinghausen, SG Hillen und DTSG Herten II. Vor allem bei Genclikspor kochen die Emotionen hoch. Dass mit Strafen gedroht wird, dafür habe er kein Verständnis, sagt der Vorsitzende Hakki Gürbüz. Nach seinem Empfinden werde das Thema Militärgruß zu hoch gehängt – im Fall seiner Spieler habe es sich um eine Gedenkminute für die verstorbenen Soldaten gehandelt.

Blick nach Hessen

In Hessen sind bislang keine Vorfälle bekannt. „Aber natürlich beschäftigen wir uns mit dem Thema“, sagt Matthias Gast. Der Sprecher des Hessischen Fußball-Verbandes (HFV) verweist auf Paragraf 21 der Spielordnung, wonach politische Äußerungen auf dem Fußballplatz verboten sind. Käme es zu militärischen Grüßen, müssten die auf dem Spielberichtsbogen angezeigt werden, dann würden die Sportgerichte die Vorfälle bewerten. 

Matthias Gast, Hessischer Fußball-Verband.

Mit Blick auf das kommende Wochenende werde der HFV keine besonderen Vorkehrungen treffen. „Die Schiedsrichter werden mit offenen Augen zu Werke gehen und wissen, was zu tun ist“, sagt Gast.

Blick in die Region

Was Eray Agzikara betrifft, da brauchen sich die Unparteiischen keine Sorgen zu machen. Der Stürmer des Gruppenligisten Eintracht Baunatal würde im Fall eines Treffers auf den umstrittenen Torjubel verzichten – auch weil er weiß, wie die Reaktionen aussehen würden. Grundsätzlich findet der 27-Jährige die Diskussion „schwachsinnig. Die Mannschaft salutiert nicht, weil sie sich freut, dass Menschen sterben, oder weil sie Krieg befürwortet. Sie will zeigen: Soldaten, wir denken an euch.“ Also eine Art moralische Unterstützung.

So sehen es viele türkischstämmige Fußballer aus der Region. Wie heikel und brisant das Thema aber ist, verdeutlicht die Tatsache, dass fast alle ihre Aussagen nicht veröffentlichen wollten.

Dennis Erkner, Trainer von Landesliga-Spitzenreiter SVG Göttingen, hat den Militärgruß gegenüber seiner Mannschaft nicht thematisiert. Seines Erachtens werde den türkischen Spielern zu viel Verantwortungsbewusstsein zugemutet. „Sie sind Anfang 20 und verfügen in der Regel kaum über politisches Bewusstsein“, sagt der 36-Jährige. Der Moment der Aufklärung sei verpasst worden. Verbands- und Vereinsseite hätten im Vorfeld handeln müssen. „Die Spieler sind sich der Tragweite ihres Handelns nur in den seltensten Fällen bewusst.“ 

Dennis Erkner, Trainer SVG Göttingen

Erkner sieht in Deutschland aber auch eine Doppelmoral: "Die deutsche Rüstungsindustrie verdient viel Geld mit der Lieferung von militärischem Equipment in die betroffenen Länder. Gleichzeitig will man aber den Krieg nicht gutheißen. Zeigt man mit dem Finger auf andere, zeigen drei auf einen selbst.“

Das sagt Präsident Erdogan

Der türkische Staatspräsident Recep Erdogan hat den Salut-Jubel als „selbstverständlich“ und „natürlich“ bezeichnet. An eine harte Bestrafung durch die Uefa glaubt er nicht. „Sie können höchstens eine Verwarnung aussprechen“, sagte Erdogan.

Hintergrund: Der Fall Mandzukic

Eray Agzikara, Stürmer von Gruppenligist Eintracht Baunatal, erinnert bei der aktuellen Debatte an den Torjubel von Mario Mandzukic vom 17. November 2012. Der Stürmer, damals in Diensten des FC Bayern München, salutierte nach seinem Treffer zum 1:0 ebenfalls vor den Fans. Bei seinem Jubel hatte er den rechten Arm wie bei einem militärischen Gruß an die Stirn gelegt und dann weit von sich gestreckt. 

Eray Agzikara, Stürmer Eintracht Baunatal

Ihm wurde damals vorgeworfen, freigesprochene kroatische Kriegsgenerale zu grüßen und sich mit ihnen zu solidarisieren. Der FC Bayern München stritt ein politisches Motiv nach dem Spiel noch ab, wenige Tage später gab Mandzukic auf seiner Homepage Medienberichten zufolge zu, dass der Gruß Ausdruck einer sehr persönlichen Emotion gewesen sei, die er ebenso gefühlt habe wie jeder andere Kroate auch. „Ich bin Kroate und teile die Freude meiner Mitbürger“, soll dort gestanden haben. 

Die Konsequenzen für Mandzukic blieben überschaubar. Der DFB sprach eine Ermahnung aus, ein Verfahren wurde nicht eingeleitet.

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