Spiel-Neuansetzung schlägt hohe Wellen

„Widerstehen heißt weiterleben“: Pressestimmen nach BVB-Anschlag 

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Borussia Dortmund - AS Monaco

Berlin - Eine Übersicht über die Reaktionen der Presse auf den Anschlag auf den BVB-Mannschaftsbus und die Neuansetzung des Champions-League-Spiels.

„Musste man gestern Abend in Dortmund ein Fußballspiel austragen, keine 24 Stunden nach dem sehr wahrscheinlich terroristischen Anschlag auf den Team-Bus des deutschen Clubs? Die Frage ist legitim, vor allem mit Blick auf die Spieler, von denen man annehmen kann, dass sie schockiert sind. (...) Gestern, heute oder morgen, dieses Match in Dortmund musste gespielt werden. Der Anschlag vom Dienstag hat die sportliche Begegnung zu einem Symbol gemacht. Egal, was das Ergebnis ist. (...) Nichts wäre schlimmer, als aufzuhören zu leben und sich einzuigeln, um nicht zum Opfer von Terrorakten zu werden. Widerstehen heißt weiterleben.“

(Die französische Regionalzeitung „L'Alsace“)

„Der Umgang mit solchen Vorfällen spiegelt jedoch letzten Endes die wahre Stärke einer Gesellschaft wider. Da spielen Klubfarben, Namen, Nationen, Rivalitäten oder soziale Stellung keine Rolle mehr. Wird der im Sport so oft vergebens verlangte Zusammenhalt so offen gelebt wie am Dienstagabend in Dortmund, sind solche Attacken zum Scheitern verurteilt.“

(Die österreichische Tageszeitung „Die Presse“)

„In dieser Gewalt sucht man den Sinn vergeblich. Das Ziel freilich ist klar: Die Urheber des Anschlages wollen Unsicherheit verbreiten. Sie, die sich über die Regeln von Moral und Gesetz erheben, suhlen sich in ihrer Hybris. Solche Menschen müssen mit allen rechtsstaatlichen Mitteln bekämpft werden. (...) Fußball ist alles, das heißt auch: Habt Spaß an diesem Sport. Und befrachtet ihn nicht mit Hass und Gewalt.“

(„Braunschweiger Zeitung“)

„In den dunklen Stunden bewiesen vor allem die Fans, dass das Gerede von der verbindenden Kraft des Fußballs kein hohles Marketing-Sprech ist. Französische Fans artikulierten ihre Solidarität mit „Dortmund, Dortmund“-Rufen, viele Borussen-Fans beherbergten im Gegenzug die von der Spielabsage kalt erwischten Franzosen. Dieses Lebensbejahende, Unbeugsame und auch Völkerverbindende vermag viele Menschen zu provozieren, offenbar bis hin zu einer Gewalttat. Für die geschäftige Nüchternheit, mit der die Verantwortlichen das Spiel lediglich um einen Tagen verschoben haben, gilt dies im Übrigen wohl auch.“

(„Fränkischer Tag“)


„Angesichts dieser Einmütigkeit geht völlig unter, dass es ja durchaus eine Alternative gegeben hätte. Nämlich, das Spiel abzusagen oder erst einmal nicht neu zu terminieren. Die Dinge zunächst zu verarbeiten, ehe man wieder an Fußball denkt. Vielleicht sind Spieler, die so etwas erlebt haben, 22 Stunden später noch gar nicht in der Lage, ihrem Job nachzugehen. Vielleicht überfordert man sie mit dieser Art der verordneten Normalität.“

(„General-Anzeiger“)

„Wenn die Europäer erst einmal mitbekommen, dass ihre einigermaßen heile Welt des virtuosen Ballspiels direkt angegriffen wird, ist das der Triumph, auf den die Täter hoffen. Anfangs reagieren die Betroffenen vielleicht noch großartig, so wie zuvörderst die monegassischen Fans. Die Deutschen, die schon die Toten vom Weihnachtsmarkt in Berlin am liebsten verdrängt hätten, sind da zögerlicher, geschockter, aber auch wirklichkeitsblinder als ihre Nachbarn. So sehr das Bekenntnis der Fans auch zu preisen ist, so sehr heute das spontane Organisieren von Schlafplätzen vom warmherzigen Zusammenhalt internationaler Fans zeugt - auf die Dauer wird die Parole, dass wir uns nicht von der Gewalt kleinkriegen lassen, immer kleinlauter werden.“

(„Die Welt“)

„Ein Angriff auf eine Mannschaft ist gleichzeitig ein Angriff auf den Verein und die Fans - egal, wo sie leben. In Asien, in Amerika und in der arabischen Welt lieben Menschen den FC Barcelona, Bayern München oder eben Borussia Dortmund. Kinder verehren Lionel Messi, sie tragen das Trikot von Robert Lewandowski und freuen sich über einen Champions-League-Sieg vom BVB. Der Angriff von Dortmund trifft sie alle, die Gegner sind für einen Moment andere.“

(„Der Tagesspiegel“)

„Dass die Spieler von Borussia Dortmund nur einen Tag nach diesem Anschlag auf ihr Leben zum Spiel antraten, verdient größten Respekt. Das ist die richtige Antwort an jene, die - ein Zufall? - in der Karwoche ein Blutbad in Deutschland anrichten wollten. Freie und offene Gesellschaften dürfen sich trotz ihrer unvermeidlichen Verwundbarkeit den Einschüchterungsversuchen von Terroristen jeglicher Couleur nicht beugen. (.) Polizei, Geheimdienste und Justiz müssen daher so gut wie möglich ausgestattet und von der Politik unterstützt werden. Dennoch wird sich nicht jeder Anschlag verhindern lassen. Aber jedes verhinderte Attentat und jeder verhinderte Attentäter werden die Überzeugung der Bürger stärken, ihr Staat tue wirklich das ihm im Rahmen des Rechts Mögliche, um ihre Sicherheit zu gewährleisten.“

(„Frankfurter Allgemeine Zeitung“)

„Nicht einmal 24 Stunden nach der Attacke rollt schon wieder der Ball. Zu Recht? Nüchtern betrachtet ist dies nur dem dicht getakteten Zeitplan im Milliardengeschäft Fußball geschuldet. Von den jungen Multimillionären wird auch nach einem solchen Schock erwartet, dass sie funktionieren. Doch tatsächlich ist die trotzige Haltung von Dortmund ein Signal an jene, die unsere Gesellschaft spalten wollen. Die tollen Szenen einer neuen Fanfreundschaft von Dortmund und Monaco und die Solidaritätsbekundungen aus aller Welt zeigen, dass der freie, offene Westen stärker ist als seine engstirnigen Feinde.“

(„Münchner Merkur“)


„Bei allem Verständnis für Rahmenterminkalender: Weniger, also ein Champions-League-Mittwochabend ohne Dortmunder Beteiligung, wäre mehr gewesen. Denn die Show muss nicht zwangsläufig weitergehen. Kurz innehalten, das sollte gestattet werden - nicht zuletzt den unmittelbar betroffenen Dortmunder Akteuren, die Mittwoch Abend anderes im Kopf hatten als gegen den Ball zu treten. Eine Verschnaufpause hätte auch genutzt werden können, um den Tätern zuzurufen: You'll walk alone!“

(„Nürnberger Nachrichten“)

„Der Anschlag lässt Rivalitäten im Fußball vergessen, Sieg und Niederlage zur Nebensache werden. Denn allen ist klar, dass es um mehr geht. Dass es ein Angriff auf uns alle ist. Und dass die einzig wirksame Reaktion auf diesen Terror nur sein kann, weiter zu leben wie bisher. Das ist natürlich gerade für unmittelbar Betroffene alles andere als einfach.“

(„Badische Neueste Nachrichten“)

„Das Verhalten der Fans hat den Sport daran erinnert, für welche Werte er stehen sollte: für Fairness, Solidarität und Völkerverständigung. Beeindruckender kann man dem Terror, von wem auch immer ausgeübt, kaum begegnen. Ist es doch Ziel dieser Gewalt, eine Atmosphäre der Angst, der Unsicherheit und des Misstrauens zu erzeugen. Stattdessen hat in Dortmund das Schlechte das Gute zutage gefördert.“

(„Stuttgarter Zeitung“)

„Dass die Entscheidung, das Spiel am Tag darauf stattfinden zu lassen, so kurz nach dem Anschlag fiel, ist fragwürdig - mit Rücksicht auf die Spieler wie aus prinzipiellen Gründen. So lange die Hintergründe nicht geklärt sind, kann man auch keine vernünftige Gefahrenprognose abgeben. Doch offenbar sind die kommerziellen Interessen für solche Erwägungen zu stark.“

(„Mitteldeutsche Zeitung“)

„Fragwürdig ist die Entscheidung so kurz nach dem Anschlag, das Spiel am nächsten Tag stattfinden zu lassen - fragwürdig mit Rücksicht auf die Spieler wie auch prinzipiell. Solange die Hintergründe der Tat ungeklärt sind, ist auch keine vernünftige Gefahrenprognose möglich. Doch offenbar haben solche Erwägungen keine Chance gegen kommerzielle Interessen. The Show must go on? Das ist alles andere als eine gute Botschaft.“

(„Kölner Stadt-Anzeiger“)

„„The games must go on“, die Spiele müssen weitergehen - so lautete die Botschaft, die Avery Brundage als Präsident des Olympischen Komitees bei der Trauerfeier für die elf von palästinensischen Terroristen ermordeten Mitglieder der israelischen Mannschaft 1972 in München verkündete. 45 Jahre später heißt es schlicht: Das Spiel wird weitergehen. So oder so.“

(„Südwest Presse“)

„Der Terror in Deutschland hat eine neue Dimension erreicht. Der Fußball ist ein potenzielles Ziel von Attentätern geworden, die zerstören wollen, was anderen lieb ist. Der Sport muss darauf vorbereitet sein, verstärkt Schauplatz von kriegerischen Attacken zu werden. Denn nichts anderes sind derartige heimtückische Taten. Die Demokratie ist stark genug, sich dem Terror nicht zu ergeben. Deshalb war es gut, das Champions-League-Spiel gleich am nächsten Tag anzusetzen. Leid tun können einem die Profis, die unter hohem emotionalem Druck gespielt haben. Ihnen gebührt besonderes Lob. Sie haben im Sinne der Fans gehandelt und damit im Großen für die freiheitliche Grundordnung dieses Landes, das sich nicht gewaltbereiten Extremisten beugt.“

(„Neue Osnabrücker Zeitung“)

„Der Terror wirkt trotzdem. Zwar ist es ermutigend, wie souverän Fans, Fußballer und Verantwortliche im Verein mit der Situation in Dortmund umgegangen sind. Und es ist beruhigend, wie schnell die Polizei erste Verdächtige festnehmen konnte. Aber der Terror wirkt. Und er hat den Fußball zum Ziel erklärt. Schon heute wirken die Sicherheitsmaßnahmen für einige Fußballspiele fast absurd im Vergleich zu früheren Zeiten. Aber sie werden zumindest im Spitzenfußball noch aufwendiger werden. Das verändert die Stimmung. Auch ein Flugplatz ist nicht mehr ein offenes Tor zu Welt, sondern eine lästige Sicherheitsschleuse. Jeder, der Israel bereist hat, kennt das unsichere Gefühl angesichts der dauernden Präsenz von Sicherheitskräften, die an Terrorgefahr erinnern. Und der in Deutschland wachsende islamistische Terror wird nicht ohne Einfluss auf das Verhältnis zu den Muslimen bleiben. Ein Teufelskreis: Wer pauschal verdächtigt wird, wird wiederum leichter zu einem tatsächlichen Täter.“

(„Volksstimme“)

„Es war keine Spielabsage, sondern eine Spielverlegung um nicht einmal 24 Stunden. Das Beispiel zeigt einmal mehr, in welchen Sphären die Entscheidungen in der Fußball-Champions-League getroffen werden, nämlich an der Kasse. Dass das Spiel irgendwann nachgeholt werden muss, war jedem klar. Die Entscheidung, es am Tag danach anzusetzen, offenbart jedoch eine gewisse Kühnheit. Zu jenem Zeitpunkt konnte noch gar nicht geprüft werden, ob die Sicherheit für Mannschaften und Besucher gegeben war. Zur ungewöhnlichen Zeit zwei Stunden vor dem üblichen Spielbeginn wurde angepfiffen. Ein Anpfiff um 20.45 Uhr hätte ja auch die Übertragung des zweiten Abendspiels mit deutschen Beteiligung beeinträchtigt. So konnten beide ihre Übertragungen starten, ohne große Einbußen an Zuschauern und Werbeeinnahmen befürchten zu müssen.“

(„Nordwest-Zeitung“)

„Es ist die Haltung, die nach solchen Vorkommnissen gefragt ist. Wollen wir einknicken vor Bombenlegern? Wollen wir unser Leben in Freiheit einschränken oder umwerfen? Nein, das wollen und werden nicht! Der getroffene Fußballverein Borussia Dortmund hat dazu ein klares Signal ausgesendet, ohne die Attacke zu mystifizieren, zu überhöhen, für eigene Zwecke zu entfremden. Die Ruhrgebietsstadt, ihre Einwohner, ihre Fans und die aus Monaco haben damit auch ein starkes Zeichen für die Freiheit, für die Demokratie - und für den Fußball als gesellschaftliche Aufgabe - gesetzt. Danke Dortmund!“

(„Mannheimer Morgen“)

„Hand aufs Herz! Konnte man wirklich so unbeschwert wie immer den Spieltag der Champions-League verfolgen? Frei im Kopf für das Geschehen auf dem Rasen? Nein! Vielleicht gewinnt man auch diese Erkenntnis: Die von Leistung und Wettbewerb berauschte Sportwelt sollte sich nach so einem Vorfall mehr Zeit nehmen. Kein vernünftiger Mensch erwartet, dass schon 24 Stunden später der Ball wieder rollt.“

(„Westfälische Nachrichten“)

„Anschläge sollen Aufmerksamkeit erzeugen und vor allem Angst. Aufmerksamkeit, ja, die haben die Täter bekommen. Aber keine Angst. Fußballfreunde, oft als biertrinkende Minderintelligenzler verunglimpft, stehen zusammen und lassen sich nicht vereinzeln. Sie verstecken sich nicht im Keller und zittern. Sie stehen zusammen auf den Tribünen und schreien. You'll never walk alone, dieser sentimentale Song aus einem amerikanischen Kitsch-Musical, millionenfach gegrölt in so vielen Stadien, er schweißt zusammen und lässt die erzittern, die uns Angst machen wollen. Wer meine Mannschaft angreift, greift mich an. Das erzeugt keine Furcht, sondern Solidarität und Kraft. Die Attentäter, was immer sie wollten, haben sich mit der Fußballfamilie das falsche Ziel ausgesucht.“

(„Flensburger Tageblatt“)

„Bei der Frage, ob es richtig war, die Champions-League-Partie nur 24 Stunden später erneut anzusetzen gibt es nur ein Ja als Antwort, trotz der enormen mentalen Herausforderung für die Spieler und trotz der Niederlage. Denn so haben der oder die Täter nicht erreicht, was sie wollten, wie BVB-Boss Hans-Joachim Watzke vielen aus der Seele spricht: „Terror und Hass dürfen unser Handeln niemals bestimmen.“

(„Der neue Tag“)

„Die Ermittler halten sich zwar noch bedeckt, sprechen bisher von einem Terrorverdacht und einem Anschlag mit möglicherweise islamistischem Bezug. Doch trotz einiger eher ungewöhnlicher Details der Tat würde sie exakt in die Strategie der Terrormiliz IS passen. Schon lange setzen die islamistischen Schlächter auf wenige oder auf Einzeltäter. Sie sollen unabhängig agieren und möglichst viele Menschen mit in den Tod reißen. Das belegen die Anschläge mit Lastwagen in Nizza, Berlin und Stockholm. Das belegt die Messerattacke einer jungen Islamistin auf einen Polizisten ebenso wie der Anschlag in einer Regionalbahn, als ein Flüchtling fünf Menschen mit einem Beil und einem Messer verletzte. Der Anschlag auf den BVB-Bus trägt die Handschrift des IS. Denn es ging nicht nur darum, Menschen zu töten, sondern auch darum, größtmögliche Aufmerksamkeit zu erreichen.“

(„Landeszeitung“)

dpa

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